Im August 2008 kam ich in New Haven an, einer kleinen Stadt in Connecticut im Nordosten der USA. Hier liegt die berühmte Yale University, an der ich für ein Jahr studiere, im Department of African American Studies.
Der erste Tag: Wir sind insgesamt fünf neue Studenten im Doktorandenprogramm, jeder bekommt sofort einen "Adviser" zugeteilt. Elizabeth Alexander heißt meine Betreuerin - nicht nur Professorin, sondern auch eine Lyrikerin, die für den renommierten Pulitzerpreis nominiert war. Ich melde mich für einen Kurs bei ihr an: "Freedom and Identity in Black Culture".
Zwischen dem Semesterbeginn im September und der Wahl am 4. November gibt es in meinem Fachbereich kaum ein anderes Thema als Barack Obama. Jedes Gespräch zwischen Kollegen auf dem Flur, jede Diskussion im Seminarraum führt früher oder später zu ihm. Eine spannendere Zeit, in den USA African American Studies zu machen, kann es kaum geben.
Die Begeisterung steckt mich an. Im November verfolge ich auf dem Campus beim Public Viewing die Wahlnacht. Sobald Obama als Sieger verkündet wird, stürmen die Studenten aus ihren Wohnheimen, rennen in Amerikaflaggen eingehüllt johlend über den Campus.
Am nächsten Morgen sitze ich, noch etwas verschlafen, in Elizabeth Alexanders Kurs. Ihr Semesterprogramm ist straff, jede Woche ein Buch oder zwei, ein Überblick über die Geschichte der Schwarzen in Amerika von den Anfängen der Sklaverei bis zur Gegenwart. Auf der Leseliste steht auch Obamas Autobiografie "Dreams From My Father", in deutscher Übersetzung "Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie".
Momente für große Emotionen
Am Tag nach der Wahl ist alles anders als sonst. Wir sitzen im Stuhlkreis, hetzen nicht durch den üblichen Wechsel von Vorlesung und Diskussion.
Ein Student erzählt von seinen beiden Großonkel, die in Baltimore angeklagt waren, einen Weißen umgebracht zu haben. Sie wurden gehängt - und waren unschuldig, wie sich anschließend herausstellte. Elizabeth Alexander erzählt von ihrem Urgroßvater, der als Sklave geboren wurde. Und von alten schwarzen Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben zur Wahl gegangen sind, weil sie zum ersten Mal das Gefühl hatten, dass ihre Stimme etwas bedeutet.
"Ich möchte mich an jedes Detail erinnern können"
Mir wird bewusst, wie wenige Generationen zwischen damals und heute liegen, wie wenig Zeit vergangen ist, seit die Verfassung der USA Schwarze als zu exakt drei Fünfteln menschlich definierte - in einem berüchtigten Zusatzartikel, der die Behandlung von Sklaven beim Wahlrecht regelte.
Dann der 20. Januar 2009. 12.26 Uhr: Der 44. Präsident der USA hat gerade seine Antrittsrede beendet. Meine Dozentin Elizabeth Alexander betritt die Bühne vor dem Kapitol in Washington. Sie schaut nach links, nach rechts, sagt einige Sekunden nichts, schaut nur. "Ich möchte alles genau aufnehmen an diesem Tag, mich später an jedes Detail erinnern können", hat sie uns Studenten ein paar Tage zuvor gesagt.
Als Alexander zu sprechen beginnt, wird sie mit einem Schlag zur meistgehörten Dichterin der Welt. Fast zwei Millionen in der US-Hauptstadt, Abermillionen in den Wohnzimmern, vor den Fernsehern der Welt.
Die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten der USA ist in zweierlei Hinsicht eine Revolution. Obama ist der erste Afroamerikaner in diesem Amt. Ebenso bedeutend: Mit Obama endet in Amerika eine Ära des Antiintellektualismus. Anders als George W. Bush schätzt Obama die Wissenschaft und das Geistesleben, er liebt Worte und ist ein Freund der Literatur.
Präsident mit Lyrik im Gepäck
Man könnte sagen, dass Obama selbst ein Schriftsteller ist. Seine Autobiografie ist gut gemachte Literatur, als Student hat er sich mit Gedichten versucht, seine Reden sind poetisch, und vor kurzem wurde er mit einem Gedichtband des karibischen Lyrikers und Nobelpreisträgers Derek Walcott unter dem Arm gesichtet.
Ein Politiker, der Lyrik mit sich herumträgt, sich gar davon inspirieren lässt? Obama bat Elizabeth Alexander, für seine Amtseinführung ein Gedicht zu schreiben und vorzutragen. Seit bald zwei Jahrzehnten sind die beiden befreundet; damals unterrichteten sie an der Universität von Chicago, wohnten im selben Viertel. Er hätte keine bessere Wahl treffen können.
In ihrem Kurs letztes Semester zitierte Elizabeth Alexander die Schriftstellerin Toni Morrison: "Ich will Kunst machen, die politisch ist und gleichzeitig schön." Alexanders Inauguration-Gedicht "Praise Song for the Day" spricht deutlich die Leidensgeschichte der Afroamerikaner an, die Ausbeutung der Schwarzen. Dann geht es um Hoffnung für Amerika in diesen schweren Zeiten, um Neubeginn, um zwischenmenschliche Begegnungen, Multikulturalität und Gemeinschaft.
Die Sprache des Gedichts ist schön und alltäglich und klar - so, wie ich es als Alexanders Studentin aus ihren Seminaren kenne. Was sich Morrison, die erste afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin, vorgenommen hat, ist Elizabeth Alexander mit ihrem Gedicht für Obama gelungen.
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