Dhaka, Montagmorgen, kurz vor acht Uhr. Wie die Hühner auf der Stange sitzen zwölf junge Männer und Frauen auf Bambussofas im Gemeinschaftsraum der lokalen Sprachschule und singen christliche Gospelsongs. Kurz darauf liest uns Jill, eine blonde Amerikanerin, aus der Bibel vor. Der irritierte Blick des jungen Südkoreaners gegenüber lässt vermuten: Er denkt das gleiche wie ich. Bibel statt Bengali? Sind wir im falschen Kurs?
Susan Supti Halder, Direktorin der "HEED Language School" in Dhaka, lächelt. "Wir sind eine Sprachschule in christlicher Trägerschaft", erklärt sie. "Jeden Morgen wollen wir Gott danken und uns gemeinsam auf den Tag einstimmen." Die Schüler nicken andächtig. Fast 90 Prozent der Bangladeschis seien Muslime, sagt Susan. Mit einem Anteil von gerade Mal einem halben Prozent seien die Christen in der absoluten Minderheit. Umso wichtiger sei es, sich offen zum eigenen Glauben zu bekennen. "Wer hier keiner Religion angehört, steht im Verdacht, keine Normen und Werte zu haben", sagt Susan.
Seit einer Woche bin ich in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Hinter mir liegen zwei Jahre in einer internationalen Unternehmensberatung. Ein Leben aus dem Koffer, unterwegs in Flugzeugen und Hotels. Vor mir liegen zwei Monate Feldforschung in Bangladesch. Seit Mai bin ich von meinem Arbeitgeber zur Promotion in Wirtschaftsgeographie freigestellt. Auf den Spuren des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus ("Man muss andere Werte als nur die Gewinnmaximierung durchsetzen") mache ich mich in Bangladesch auf die Suche nach unternehmerischen Ansätzen zur Armutsbekämpfung.
Was bewegt internationale Großkonzerne, gemeinsam mit Nobelpreisträger Yunus in die Joghurtproduktion oder Trinkwasserversorgung für Arme zu investieren und dabei auf Dividenden zu verzichten? Was verbirgt sich hinter dem Schlagwort "Social Business" - und welchen Effekt hat es auf das Leben der Armen?
Zungenakrobatik im Bengali-Unterricht
Doch bevor ich mich mit diesen Fragen befasse und in das Leben der Armen eintauche, will ich in Dhaka die Landessprache lernen.
Noch geht es in unserem Bengali-Unterricht etwas drunter und drüber. Das liegt jedoch weniger an der Lehrerin Jean als an uns Schülern. Samir aus Jordanien, der in die Textilproduktion einsteigen will, kann sich nur mit Händen und Füßen auf Englisch verständigen. Der Südkoreaner, der uns am ersten Tag mit hervorragenden Bengali-Kenntnissen beeindruckt, merkt erst am dritten Tag, dass er zum zweiten Mal im Anfängerkurs sitzt.
Meine amerikanische Sitznachbarin Liz und ich, wir fühlen uns eher in unsere Kindheit zurückversetzt. Wie beim Logopäden verbiegen wir unsere Zungen. Leider verfügt das Bengali über doppelt so viele Laute wie unsere Muttersprachen. Wir hauchen und schnalzen um die Wette - und ernten doch nur Kopfschütteln von Jean. Viel mehr als "Map korben. Amra Bengali bujhte pari na" bringen wir bislang nicht korrekt heraus: Entschuldigen Sie bitte. Wir verstehen kein Bengali.
Nach dem Unterricht nimmt mich die Schuldirektorin Susan zur Seite: Nächsten Montag soll ich die Bibel-Session übernehmen und vorbeten. Oh mein Gott!
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