Von Oliver Trenkamp
Das Essen war gut, sagt Philip Rizk, wenigstens das. Morgens und abends gab es Brot mit Käse oder Marmelade, mittags Reis mit Gehacktem oder Huhn, dazu eine Orange am Tag. Wenn sie zufrieden waren mit ihm, nahmen sie ihm die Handschellen ab, für die Verhöre.
Aber zufrieden waren sie meist nicht.
Rizk, der deutsch-ägyptische Student, wusste vier Tage lang nicht, wo er war, und er ahnte nur, warum sie ihn gefangen hielten. Sicherheitsbehörden hatten ihn vergangenen Freitag nach einer Demonstration festgenommen, vieles deutet darauf hin, dass es Agenten des Inlandsgeheimdienstes waren.
Jetzt ist er wieder frei und feiert an diesem Donnerstag seinen 27. Geburtstag, zusammen mit seiner Familie. Was er SPIEGEL ONLINE berichtet von der Gefangenschaft, zeigt, wie schnell man in einem Land wie Ägypten zum Staatsfeind wird. Es reicht schon, einen Blog zu betreiben und Schilder hochzuhalten, auf denen das Falsche steht.
Rizk veröffentlichte in seinem Blog "tabulagaza", der mittlerweile gesperrt ist, Berichte über das Leid und Leben der Menschen im Gaza-Streifen. Bei einem Protestmarsch Ende vergangener Woche trug er ein Schild: "Wir haben genug. Öffnet den Grenzübergang Rafah." Das ist offene Kritik an der Nahost-Politik Ägyptens, eines Landes, das die Grenzen zum Gaza-Streifen nur öffnet, wenn Israel einverstanden ist.
"Wir holen alles aus dir heraus", drohen sie ihm
Auf dem Weg zurück nach Kairo stoppen Polizisten ihn und seine Freunde, Sicherheitskräfte bringen Rizk in einem Minivan ohne Nummernschilder weg. Für das, was dann geschieht, gibt es keine Zeugen, nur Rizk spricht darüber.
Vor der Festnahme: Rizk protestiert für die Menschen im Gaza-Streifen
Rizk zufolge geschieht Folgendes: Die Sicherheitskräfte verbinden ihm die Augen und legen ihm Handschellen an. Sie nehmen ihm sein Bargeld weg, 53 Pfund, seine Zigaretten, seinen Schlüsselbund und sein Mobiltelefon. Er weiß nicht, wo er festgehalten wird. Aber es sind immer die selben zwei Männer, die ihn auf Arabisch befragen. Sie nennen sich Melek und Nour. Er sieht sie nicht, erkennt sie nur an den Stimmen. "Ganz am Anfang klopfte mir einer auf den Kopf und sagte: Wir holen alles raus, was da drin ist", sagt Rizk.
Erst fragen sie ihn gar nicht nach seinem Blog, berichtet Rizk, nicht nach der Demonstration, nicht nach dem Dokumentarfilm, den er über den Gaza-Streifen gedreht hat. "Sie wollten alles über mein Leben wissen", sagt Rizk. Sie fragen nach seinem Studium in Deutschland, den USA und in Kairo. Wen kennt er? Mit wem hat er gesprochen? Erst später geht es auch um seine politische Arbeit. Mal dauern die Verhöre Stunden, mal nur wenige Minuten. Die Augenbinde nehmen sie ihm nicht ab, die Handschellen selten. Aber wenn er nicht so antwortet, wie sie es sich vorstellen, dann fesseln sie ihn wieder und erlauben nicht, dass er sich hinsetzt. "Ich glaube, sie wollten mich bestrafen", sagt Rizk. Wofür, das weiß er nicht, das sagen sie ihm auch nicht.
Sie foltern ihn nicht, aber sie lassen ihn auch kaum schlafen
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International gibt am dritten Tag der Gefangenschaft eine Erklärung heraus, ein Alarmwort steht in der Überschrift: Folter. "Gefangene des Sicherheitsdienstes sind besonders gefährdet, gefoltert zu werden, besonders wenn sie an einem unbekannten Ort festgehalten werden", heißt es im Text.
Gefoltert wird Rizk jedoch nicht. "Sie haben mir körperlich nichts getan", sagt er. Doch immer wieder holen sie ihn zu Verhören, erlauben ihm kaum Schlaf. Rizk verliert das Zeitgefühl. "Ich kannte den Unterschied zwischen Tag und Nacht nicht mehr." Einmal nehmen sie ihn mit zu seiner Wohnung, die sie in seiner Gegenwart durchsuchen; einer der seltenen Momente ohne Augenbinde. "Es war das einzige Mal, dass ich eine Uhr sah", sagt Philip, "es war vier Uhr nachts." Seinen Computer nehmen sie mit, zwei Festplatten, seinen iPod, seine Recherche-Unterlagen zu seinen Film.
Zur selben Zeit durchsuchen fünf Mann in Zivil und zwei Sicherheitskräfte in Kampfanzügen, mit Maschinenpistolen bewaffnet, auch das Haus von Rizks Familie. Ein Anwalt, der auch für Amnesty International arbeitet, verhindert, dass der Vater ebenfalls mitgenommen wird. Rizks ältere Schwester Jeannette wird es am nächsten Tag bei Facebook posten und der internationalen Presse berichten. Sie und ihre Familie haben eine weltweite Unterstützerkampagne organisiert.
Es gibt zu diesem Zeitpunkt weder eine Anklage noch einen offiziellen Vorwurf gegen Philip. Die Familie hat lediglich über Umwege erfahren, dass er tatsächlich festgenommen wurde. Jemand von der Amerikanischen Universität in Kairo, an der Philip studiert, hat aus Sicherheitskreisen eine inoffizielle Bestätigung bekommen. Über ähnliche Kanäle hört die Familie, dass Philip in einem Gefangenenlager am Rand Kairos festgehalten werden soll.
"Wir wissen alles über Dich"
Etwa am dritten Tag, so genau weiß Philip Rizk das nicht mehr, halten sie ihm einen Telefonhörer ans Ohr. Eine neue Stimme fragt, wie man seinen Namen in lateinischen Buchstaben schreibe. Immer wieder sagt man ihm: "Wir wissen alles über Dich." Jetzt werfen sie ihm abwechselnd vor, für Israel zu spionieren oder als Waffenhändler für die Hamas zu arbeiten.
Am vierten Tag stellen sie ihn vor die Wahl, sagt Rizk: Entweder in einer Stunde gehen, frei sein, oder für den Rest seines Lebens hinter Gittern sitzen. Er brauche nur zuzugeben, Papiere für fremde Regierungen verfasst zu haben. Das wüssten sie schon. Aber er solle es sagen. "Ich kann ihnen nichts anderes sagen als die Wahrheit", das hat er geantwortet, berichtet Rizk, "ich schreibe nur für die Uni, für ein paar Zeitungen und für meinen Blog."
Wenig später nehmen sie ihm die Augenbinde ab, geben ihm Zigaretten, Schlüssel, Geld und Telefon zurück. Er quittiert. Noch einmal verbinden sie ihm die Augen und fahren ihn nach Hause. "Ich wusste nicht, warum sie mich so plötzlich freigelassen haben", sagt er.
Viel spricht dafür, dass die internationale Aufmerksamkeit und der stille Druck der deutschen Botschaft dazu beigetragen haben. Die Familie hatte sich kurz nach der Festnahme an den deutschen Botschafter gewandt, der sich "um Klärung" und konsularischen Zugang bemühte, wie eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin sagt. Philip Rizk hat zwei Pässe, den ägyptischen und den deutschen.
Wer in Ägypten die Regierung kritisiert und es so öffentlich tut wie Rizk, riskiert, dass hart gegen ihn vorgegangen wird. Von verhafteten Bloggern berichtete schon mehrfach die Organisation "Reporter ohne Grenzen", die auch einen "Pressefreiheitsindex" veröffentlicht. Auf dieser Staaten-Rangliste rangiert Ägypten weit hinten: auf Platz 146 von 173.
Die Organisation fordert jetzt von der ägyptischen Regierung, auch den Blogger Dia al-Din Gad freizulassen, der am selben Tag wie Rizk festgenommen wurde. Er kritisiert seit Januar 2009 in seinem Blog "Eine Stimme der Wut" die ägyptische Nahost-Politik. Aus Sicherheitskreisen ist die Festnahme laut Agenturberichtet bestätigt worden.
Philip Rizk will sich weiter engagieren für die Menschen im Gaza-Streifen, in dem er selbst zwei Jahre lang gelebt hat. "Meine Gefangenschaft sollte nicht von dem Leid der Menschen dort ablenken", sagt er. Jedoch hätten die ägyptischen Behörden seinen Blog gesperrt, ebenso seine E-Mail-Postfächer. Doch Wegziehen will er nicht. "Nur ein paar Tage Ruhe wünsche ich mir, zusammen mit meiner Familie." Doch vorher plant er für Donnerstagnachmittag noch eine Pressekonferenz.
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Nein, ich würde Mubarak und Hitler auch nicht gleichsetzen. Aber ich würde auch die Verschwörer vom 20.Juli nicht mit allen "Widerständlern" gleichsetzen. Johann Georg Elser, der im Nov. 39 die Bombe im [...] mehr...
Der junge Mann hatte großes Glück: Durch seinen ausländischen Pass und die damit verbundene Gefahr eines internationalen Vorfalls entging er der Standardbehandlung durch den ägyptischen Staat und ist vielleicht nur deshalb noch am [...] mehr...
Sehen Sie, ich möchte mit Ihnen gar nicht über deutsch Manier oder Schreibtischweltverbesserer o.ä. reden. So wie ich Ihren Beitrag verstehe, würden wir uns in unseren Ansichten auch in zwei Jahren nicht annähern und ich kann [...] mehr...
Gut!!! Ich habe Ähnliches mitgemacht, mehrmals und in drei Staaten. Trotzdem bin ich kein Held gewesen. Nur ein blutjunger Idealist :-) Die Staaten: Ungarn, Deutschland, Israel. Jeweils verhört, bedroht und ... freigelassen. [...] mehr...
Mubarak und Hitler gleichzusetzen ist eine ungehörige Verachtung der moralischen, historischen und kulturellen Maßstäbe. Übrigens: die "Widerständler" waren patriotische Nationalisten, die - wie der berühmte [...] mehr...
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