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Israel-Tagebuch Zittern im Schutzraum

2. Teil: "Was tun wir, wenn eine Rakete im Kibuz einschlägt?" - "Wir laufen hin und machen Fotos."

Samstag, 27. Dezember

Als der Krieg beginnt, sind mein Freund Manuel und ich an der Klagemauer. Er ist über Silvester aus Deutschland zu Besuch. Die Menschen haben ihre schicken Sabbat-Sachen an, es ist still und feierlich.

80 Kilometer südwestlich donnern Kampfjets der israelischen Armee über den Gaza-Streifen. 80 Kilometer, das ist, als wäre ich in Hamburg, und in Kiel wäre Krieg. Die Jets bombardieren alles, was sie für Hamas-Stellungen halten: Moscheen, Waffenschmieden, Gefängnisse, Polizeiwachen. Über 200 Menschen sterben an diesem Tag, so viele, wie seit dem Krieg von 1967 nicht mehr.

Manuels Telefon klingelt, es ist seine Freundin aus Hamburg. Sie ist schwanger und würde sich wohler fühlen, wenn er jetzt zu Hause wäre. Im arabischen Teil der Altstadt schließen die Händler ihre Geschäfte, es ist Generalstreik. Die Gassen sind wie ausgestorben, an jeder Ecke stehen Polizisten. In der Luft kreisen Hubschrauber. Ich warte darauf, dass es knallt.

Sonntag, 28. Dezember

Wir sind zu sechst. Fünf Menschen, die ich noch nie gesehen habe, einer reißt die Tür zu. Schreibtisch, Stuhl, Regal - eigentlich ist das ein Büro, aber jetzt gerade ist es ein Luftschutzbunker. Aus Lautsprechern irgendwo in der Nähe tönt ein schriller Warnton und die Ansage: "Zeva adom, zeva adom", das heißt "Farbe Rot", also Alarm. Eine Rakete fliegt auf die Stadt zu. Wir hören sie vorbeizischen, dann macht es "rums" und sie schlägt ein, ganz in der Nähe. Nach dem Knall holen alle ihre Telefone heraus und rufen ihre Liebsten an: "Alles gut? Wo ist sie heruntergekommen?"

Die israelische Stadt Sterod: "Wir leben seit acht Jahren mit den Raketen"
AP

Die israelische Stadt Sterod: "Wir leben seit acht Jahren mit den Raketen"

Ich bin in der Stadt Sderot, mehrere hundert Meter vom Gaza-Streifen. Ich möchte sehen, wie die Menschen hier zurechtkommen mit dem Krieg. In Sderot schlagen die meisten Raketen der Hamas-Terroristen ein.

"Früher haben die Leute aus Gaza bei uns gearbeitet, wir haben bei ihnen eingekauft, es war ganz anders, als es jetzt ist", sagt Ruth Aragon. Sie kommt aus Sderot, wohnte zwischenzeitlich in Tel Aviv, ist aber zurückgekommen, um hier ein Café zu gründen, mitten in der Frontstadt. Den täglichen Raketenalarm gibt es zum Kaffee dazu. Aragon findet die Militäraktionen gut: "Endlich tut die Regierung etwas. Wir leben hier seit acht Jahren mit den Raketen - und es hat niemanden interessiert."

Als der zweite Kassam-Alarm kommt, sitze ich im Auto. Ich reiße die Handbremse hoch, trete die Tür auf, sprinte zum nächsten Schutzraum, der zum Glück nur ein paar Meter weg ist. In der ganzen Stadt stehen diese kleinen Häuschen, die aussehen wie Bushaltestellen. Am Abend höre ich alle paar Minuten eine neue Explosion, aus Gaza. Ich schlafe in einem Kibbuz, der zwischen Sderot und der Grenze liegt. Von hier sind es nur 200 Meter bis zur Front. Mit meinem Nachbarn Guy, einem israelischen Fotografen, trinke ich einen Tee vor dem Einschlafen.

Ich: "Was tun wir eigentlich, wenn eine Rakete im Kibbuz einschlägt?"

Er: "Wir laufen hin und machen Fotos."

Mittwoch, 31. Dezember

Silvester. Will ich wirklich feiern? Seit vier Tagen lebe ich in einem Land im Krieg. 360 Menschen sind bis heute im Gaza-Streifen gestorben, 1700 verletzt, sagen palästinensische Quellen. Die israelischen Medien senden den ganzen Tag, wiederholen aber eigentlich nur die Mitteilungen, die die Armee herausgibt. Sinn und Zweck der Operation stehen nicht in Frage. Wenn die Panzer rollen, diskutiert man nicht.

Ich fahre mit Manuel nach Tel Aviv, wir wollen auf einer Party in einer alten Scheune am Stadtrand feiern. Die Luft ist zum Schneiden, die Leute stehen sich auf den Füßen. Um zwölf tritt eine Blaskapelle auf und scheppert feurige Balkan-Beats in die Scheune. Ein paar Dutzend Kilometer weiter südlich fallen Bomben.

Dienstag, 6. Januar

Im Bus zur Uni sitzt ein arabisch aussehender junger Mann neben mir. In meinem Kopf geht ein Film los. Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija hatte zu Beginn des Gaza-Kriegs gesagt, dass er jetzt seine Attentäter losschickt. Ich mustere nervös die Jacke meines Sitznachbarn, die Ausbeulungen vor dem Bauch. Ich überlege, ihn anzusprechen, damit die Angst weggeht.

20 Minuten später erreichen wir die Uni, der junge Mann steigt aus, lässt sich kontrollieren, geht studieren - genau wie ich. Bin ich paranoid geworden? Oder Rassist?

Gegenüber des Uni-Eingangs hängt ein Plakat: "Sind das unsere Waffen?" Davor steht eine Gruppe palästinensischer Studenten und demonstriert. Andauernd geraten die Studenten jetzt aneinander. Auf der einen Seite Palästinenser, linke Israelis und Austauschstudenten - auf der anderen israelische Hardliner, viele mit Kippa und Flagge. Vor ein paar Tagen sind sie aufeinander losgegangen. Studenten, die in der Mensa nebeneinander sitzen, die womöglich das gleiche Seminar besuchen. Die Polizei musste kommen und für Ruhe sorgen.

Am Abend kaufe ich mir einen Motorroller. Secondhand, leicht schrottig, aber er fährt. Und er ist eine Kur für meine Nerven.

Samstag, 17. Januar

Party bei Kirsten und Stefan, einem niederländischen Diplomatenpaar. Es gibt tolles Essen, Jamaica-Rum und Reggae. Wir diskutieren über Gaza. Ein Schweizer, nennen wir ihn Wolfgang, ist schnell mit seinen Urteilen: "Massaker, Völkermord, Apartheid, Kriegsverbrechen, Sauerei." Ich denke an Sderot und die Raketen. Ich finde, Wolfgang macht es sich zu leicht. Seine klare Linie zwischen Gut und Böse passt nicht zur Realität hier. In den Abendnachrichten sagen sie, Israel habe einen einseitigen Waffenstillstand verkündet. Der Krieg könnte heute zu Ende sein - in einem friedlichen Land lebe ich deshalb noch lange nicht.

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