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03.03.2009
 

Manager und Moral

"Der Fehler im System waren die Profitziele"

Bonuszahlungen für Finanzjongleure sind die Hauptursache der Krise, sagt Christian Homburg, Präsident der Mannheim Business School. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät er, wo die Wirtschaftselite umdenken muss.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Homburg, sind die Manager von heute falsch ausgebildet?

Christian Homburg: Nein. Wir sollten uns erinnern, dass die Exzesse und Verfehlungen, die dieser Frage zu Grunde liegen, ihre Ursache vor allem in einem verhältnismäßig kleinen Bereich haben: dem Investmentbanking. Deswegen nun Führungskräfte und ihre Ausbildung generell in Frage zu stellen, ist unangebracht.

SPIEGEL ONLINE: Renditehatz und Quartalswahn gibt es auch außerhalb der Bankentürme. Nicht selten auf Kosten der Mitarbeiter. Erklären Sie Ihren Absolventen nicht, dass nachhaltiges Wirtschaften essentiell für Unternehmen und Gesellschaft ist?

Homburg: Ethische Aspekte und soziale Verantwortung sind feste Bestandteile der Ausbildung an der Mannheim Business School: Interkulturelle Kompetenz oder Projekte, die die Studenten mit moralischen Werten in Verbindung bringen, sind essentiell. Das ist kein Window-Dressing. Es ist Teil der Benotung.

SPIEGEL ONLINE: Offenbar hat der ein oder andere diese Lektionen verschlafen.

Homburg: Ich kann verstehen, dass man in einer solchen Situation nach Schuldigen sucht. Aber wenn wir von der Krise sprechen, dann liegt der Kern im massiven Versagen der Kontroll- und Anreizmechanismen in den Unternehmen. Der Fehler im System waren die kurzfristigen und rein monetären Profitziele. Die Mitarbeiter verhalten sich gemäß solcher Vorgaben, Ausbildung hin oder her. Deshalb liegt dort auch der Ansatz für die Zukunft.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Vergütungssysteme.

Homburg: Auch das. Wenn junge Manager ein Vielfaches ihres Grundgehaltes an Boni verdienen können, dann ist es kein Wunder, dass sie versuchen, den Profit in kurzer Zeit zu maximieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Instrumente der Managerausbildung stellen Sie trotz der Verfehlungen der Eliten nicht in Frage?

Homburg: Es gibt sehr viele Instrumente, die nach wie vor Bestand haben. Bei der Vermarktung von Produkten etwa gilt das in hohem Maße. Da gibt es nichts, was durch die Krise nun plötzlich unwahr wäre.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht auch Aufgabe der Kaderschmieden, die richtigen Werte in die richtigen Köpfe zu bringen?

Homburg: Das tun wir. Aber eine Schule agiert nicht im luftleeren Raum, sie ist eingebettet in ein gesellschaftliches Umfeld.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die kulturelle Mitgift so stark ist, bedeutet das, dass, ethisches Verhalten und nachhaltiges Wirtschaften nur funktioniert, wenn man es in Rendite umrechnen kann?

Homburg: Wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen, wo wir hinwollen. Sie können moralische Werte nicht in Gewinne umrechnen, jedenfalls nicht im engen ökonomischen Sinn. Aber Größen wie etwa Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit sind messbar. Sie garantieren langfristig einen Shareholder Value. Genau das lernen beispielsweise unsere Studenten. Die ausschließlich kurzfristigen Gewinnmaximierungsstrategien sind ja mit Volldampf gegen die Wand gefahren. Sie haben eben gerade keinen Shareholder Value produziert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es nichts anderes als hilflose Aufrufe zum Altruismus? Eine Art Zwangsjacke, die Vorstände zu nachhaltigen Überlegungen bringt?

Homburg: Zwänge sind nicht zielführend. Aber man kann Kundenzufriedenheit bewerten und systematisch in ein Vergütungssystem integrieren. Das fördert das Umdenken. Wir praktizieren das an der Mannheim Business School schon lange. Und es funktioniert. Es verhindert ein übertriebenes Kostendenken und fördert eine nachhaltige Qualitätsorientierung.

SPIEGEL ONLINE: Die Mannheim Business School steht im Ranking der Financial Times mit dem Executive MBA auf Platz 25 weltweit und auf Rang 7 in Europa.

Homburg: Wir sind stolz, was wir in kurzer Zeit erreicht haben.

SPIEGEL ONLINE: An der Spitze stehen trotzdem immer die selben Namen. Wie in Stein gemeißelt. Meist sind es die angelsächsischen Einrichtungen.

Homburg: Immerhin haben diese Institutionen größtenteils einen Vorsprung von mehreren Jahrzehnten. Es liegt aber auch an der Art, wie die Rankings zustande kommen. Oft ist das spätere Gehalt der Absolventen ein Hauptkriterium. Im Unterschied zu anderen Einrichtungen interessiert sich bei uns nur ein unwesentlicher Teil der Studenten für das Investmentbanking. Deshalb sind die Einkommen kleiner. Es ist denkbar, dass sich das in Zukunft etwas korrigiert.

SPIEGEL ONLINE: Die Mannheim Business School geht auf Distanz zum Investmentbanking?

Homburg: Nein, wir haben einfach ein anderes Konzept: klassische General-Management-Programme. Wir bilden Führungskräfte für alle Branchen und Unternehmensgrößen aus.

SPIEGEL ONLINE: Das Problem ist dennoch ähnlich: Auch Manager anderer Branchen stehen derzeit unter Beschuss: Stromlinienförmigkeit, Angepasstheit, eindimensionale Rechenmaschinen - das sind noch die nettesten Vorwürfe. Wie formen Sie die gefestigten Charakterköpfe, die heute gefragt sind?

Homburg: Wir selektieren bereits im Bewerbungsgespräch sehr stark. Wer nur die persönliche Karriereleiter im Blick hat, hat schlechte Karten.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Homburg: Weil wir Persönlichkeiten suchen, die sich als Führungskraft entwickeln wollen, die Offenheit für Neues und unternehmerisches Denken mitbringen. Innovation ist ein zentraler Baustein unseres Konzepts. Ein Beispiel aus unserem Executive-MBA ist das sogenannte "Entrepreneurial Project". Hier entwickeln die Studenten in Kleingruppen ein Konzept von der Marktanalyse bis zur Erstellung eines detaillierten Businessplans. Dadurch sind bereits Unternehmen oder Großprojekte in Firmen entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind das Gesicht der Mannheim Business School. In zwei Jahren wollen Sie den Stab als Präsident weiterreichen. Wo liegen die Herausforderungen für die Managerausbildung in dieser Zeit?

Homburg: Wir sind weit gekommen. Wir haben pro Jahr 270 hervorragende Studenten und die Zahl wird 2009 noch einmal steigen. Jetzt werden wir die Programme weiterentwickeln, die auf spezifische Bedürfnisse von einzelnen Unternehmen oder Branchen ausgerichtet sind. Wir werden dieses Jahr auch erstmals mehrtägige Managementkurse anbieten. Damit werden wir zum Vollanbieter in Sachen Managementweiterbildung.

Das Interview führte Jochen Schönmann

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