Die Zuschauer springen von den Sitzen. Tsunamis Hufe graben sich in den Sand. Er stürzt. "Eins! Zwei! Drei!" Der Ringrichter klatscht in die Hände. Mehmet verzieht das Gesicht zu einem lautlosen Schrei. Doch Tsunami kann sich befreien. Er wirft sich auf den Kontrahenten und drückt ihn zu Boden. "Allah! Allah! Das hat es noch nicht gegeben!" Die Stimme des Stadionsprechers überschlägt sich. Kamelhüter Mehmet reißt die Hände hoch. "Tsu-na-mi! Tsu-na-mi!", rufen die Zuschauer.
"Unglaublich! Ein unglaublicher Kampf!", sagt Mehmet noch Stunden später. Er hat uns nach Pelitköy eingeladen. Wir sitzen in der Abstellkammer der Tankstelle und trinken Tee. Mehmet arbeitet als Tankwart. Seit vielen Jahren hütet er die Kamele seines Chefs. Er füttert sie, er führt sie aus. Die Kamele sind Mehmets Leben geworden, genauer: Der Kamelkampf ist sein Leben geworden.
In seinem Handy hat Mehmet Fotos seiner Töchter gespeichert - und von Kamelen. Die Fotos seiner Frau hat er gelöscht. Sie hat ihn gezwungen, sich zu entscheiden: "Familie oder Kamele", sagte sie. Mehmet schläft jetzt in der Tankstelle. Bett und Schrank füllen das Zimmer aus. Von den Wänden bröckelt der Putz. In der Luft klebt der beißende Gestank der Trampeltiere.
Vermisst Mehmet seine Familie? Ist er einsam? Mehmet hebt die Brauen und schiebt die Unterlippe vor. Einsam? Warum? Er habe ja die Tiere.
Von Montag bis Freitag steht er an der Zapfsäule und wartet auf Kunden. Vor allem aber wartet er auf das Wochenende. Dann tankt er den Lastwagen voll und fährt in die nächste Stadt - zum nächsten Kampf.
Dienstag, 24. Februar
Ich glaube, schizophren ist das Wort, das die Türkei am besten beschreibt. In einer der Nebenstraßen in meinem Viertel sind in den Schaufenstern auffällig viele Perücken zu sehen. Fromme Studentinnen, die ihre Haare trotz des Kopftuchverbots bedecken wollen, kaufen in den Läden ein; außerdem Istanbuls Transsexuelle. Die extrovertierte Transe und das scheue Kopftuchmädchen in ein und demselben Geschäft - das Bild trifft recht gut die vielen verschlungenen Wege in die Moderne, die die Türkei kennt.
Vor einigen Wochen war ein Freund aus Deutschland zu Besuch. Wir spielten spätabends Fußball in meinem Wohnzimmer, eine Dummheit, keine Frage. Plötzlich knallte es. Die Tür flog auf, fünf Männer standen in meiner Wohnung. Sie rasten, sie tobten, sie schrien.
Es waren meine Nachbarn, sie fühlten sich von dem Lärm gestört, jetzt wollten sie sich rächen. Hätte Ubeyd, mein Mitbewohner, sie nicht beruhigt, sie hätten uns zusammengeschlagen. Ich konnte es nicht glauben: Eine Woche zuvor hatten uns unsere Nachbarn zum Tee eingeladen, jetzt traten sie wegen einer Belanglosigkeit die Haustür ein und gingen auf mich los.
Donnerstag 19. März
Ich treffe Belkis Boyacigiller, 27. Sie führt das Babylon, den wichtigsten Musik-Club Istanbuls. Grandmaster Flash trat im Winter im Babylon auf und Patti Smith. Belkis ist in Los Angeles aufgewachsen, vor vier Jahren kehrte sie in das Heimatland ihrer Eltern zurück. "In den USA hätte ich noch Jahre lang als Praktikantin Kaffee gekocht. In Istanbul ist gerade alles möglich", sagt sie. "Die Türkei ist so jung und so dynamisch, wandelt sich so atemraubend. Es geht gerade erst los."
Belkis drückt aus, was viele Türken denken. Istanbul ist voller Versprechungen, voller Abenteuer - voller Anfang. Ich bin 23, zu jung, um mich an den Fall der Mauer zu erinnern. Aber nach allem, was ich weiß, muss Berlin einmal so gewesen sein, wie Istanbul heute ist: wild, hungrig, siegesgewiss.
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