Von Karsten Lemm
Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein. Wer Welten erschaffen will, dem Nichts etwas Neues entreißen, muss an jede Kleinigkeit denken; jeden Baum erst erfinden, jeden Hügel formen, jedes Staubkorn eigens in die Luft setzen. Selbst das Licht verlangt Aufmerksamkeit - besonders das Licht.
Trickfilmerin Krampfert: "Wollen Sie bei uns anfangen?"
"Von der Erde aus gesehen erscheint uns die Sonne groß oder klein?", fragt Samuel Daffner. Zwölf Gesichter wenden sich ihm zu; er gibt sich gleich selbst die Antwort: "Klein, nicht wahr? Klein und intensiv." Eine Taschenlampe blitzt auf, Daffner leuchtet in den abgedunkelten Raum: So ähnlich ist das mit der Sonne im Weltall.
"Also müssen wir unserem System die Distanz sagen, die Intensität und außerdem, welche Farbe das Licht hat." Ein Projektor brummt, Daffner tippt Befehle in den Rechner, Zeilen mit Computercodes huschen über die Leinwand.
Die Weltenschöpfer sind angehende Trickfilmer, sie lernen an der Pixar University in Kalifornien. Es ist ein strahlendblauer Frühlingstag, aber in Raum 305, beim Seminar für Neuankömmlinge auf dem Gelände des Filmstudios in Emeryville bei San Francisco, merkt man nichts davon. Vorhänge sperren die Sonne aus, weil sie bei der Beleuchtung des künstlichen Universums nur stören würde.
In drei Reihen sitzen ein Dutzend junger Frauen und Männer an langen Tischen, vor sich Monitore, die Entwürfe einer digitalen Berglandschaft zeigen. Technik und Kunst reichen sich die Hand: Im einen Moment dreht sich alles um Dateiformate und Programmbefehle, im nächsten um Schattenmuster, Oberflächenstrukturen und Farbverläufe.
"Bei Pixar zu arbeiten war immer mein Traum"
Tanja Krampfert ist heute ganz in der Früh gekommen, "Ballgames" fehlte noch der letzte Schliff. Der erste Übungsfilm beim neuen Arbeitgeber, da soll alles stimmen. "Wir sind im Kino!", verkündet Daffner und knipst das Licht aus. Der Projektor wirft Bilder einer kleinen Tischlampe an die Wand, die mit Gummibällen spielt - mal hüpft sie allein durch die Gegend, mal mit Freunden, mal huscht sie an der Kamera vorbei, mal versteckt sie sich hinter Bäumen.
Jeder Kursteilnehmer hat die Aufgabe, eine Geschichte mit dieser Tischlampe zu erzählen. Denn Luxo Jr. hat selbst Geschichte, er war der Held des gleichnamigen Kurzfilms, mit dem Pixar 1986 zum ersten Mal alle Augen auf sich lenkte (die der Oscar-Jury inklusive). Bis heute springt der fidele Kleine vor jedem Film durchs Bild, macht das "i" im Pixar-Logo platt und schaut keck ins Publikum.
Im Augenblick wackelt Luxo Jr. verdattert mit dem Kopf. Von links, von rechts, von allen Seiten springen Bälle auf ihn zu - nicht er spielt mit ihnen, sie spielen mit ihm. Krampferts Mitschüler lachen. "Very nice", lobt Daffner, Applaus brandet auf. "Die Animation und das Timing sind exzellent." Die 32-jährige Deutsche strahlt. Vor kurzem noch saß Krampfert bei Wallace & Gromit in England, entwarf Trickfiguren bei den renommierten Aardman Studios in Bristol. Doch dann kam, völlig unverhofft, der Anruf aus Kalifornien: Wollen Sie bei uns anfangen?
"Technical Director" soll sie werden, mehr hat man ihr nicht gesagt - aber das reichte schon. "Bei Pixar zu arbeiten war immer mein Traum", erzählt Krampfert. "Unterm Christbaum lag jedes Jahr eine Pixar-DVD oder ein Buch über Computeranimation." Nun hat sie drei Wochen, um an Wissen aufzusaugen, was sie braucht, um bei einem der erfolgreichsten Filmstudios der Welt ihre Rolle zu spielen.
Eine Uni als Spielwiese für neue Ideen
Pixar steht für "Toy Story", "Findet Nemo", "Wall-E" und ein halbes Dutzend weiterer moderner Kinoklassiker. Seit über 20 Jahren zeigen die Kalifornier ihrem Publikum, Kleinen wie Großen, wie viel Spaß Rechenmaschinen bereiten können - wenn man sie richtig einzusetzen weiß. Und während andere Studios in Hollywood ihre Durchhänger und Ausfälle haben, hat Pixar bislang noch keinen einzigen Flop auf der Leinwand gelandet.
Einer der Gründe, da gibt es für Randy Nelson keinen Zweifel, ist die hauseigene Hochschule. "Die meisten Firmen beschränken sich auf Job-Training", erklärt der Dekan der Pixar University. "Ausbildung aber geht tiefer - es ist eine langfristige Investition in Menschen. Und Menschen sind unser wichtigstes Gut."
In Hollywood, erzählt er, gelten vorwiegend Ideen - die bedeuten bares Geld, mit denen kann man handeln. Bei Pixar dagegen hätten die Kreativen alle Freiheit, sich auszutoben, Neues zu entdecken, ihre eigenen Grenzen zu durchbrechen. Nur so kann die Spaßfabrik verlässlich Hits produzieren. "Die Uni ist eine wunderbare Spielwiese für neue Ideen", sagt Nelson, "und sie ist enorm wertvoll als Labor. Jemand, der normalerweise ganz unauffällig ist, zeigt in einem Kurs womöglich Führungsqualitäten."
Als Nelson 1997 zu Pixar stieß, hatte das junge Filmstudio ein paar hundert Mitarbeiter und versuchte, das eigene Wachstum in Bahnen zu lenken. "Die Herausforderung war nicht nur, den nächsten Film zu meistern, sondern unbegrenzt viele Filme - kontinuierlich kreativ zu sein", sagt Nelson, ein quirliger Mittfünfziger mit schmalem Gesicht und breitem Grinsen. Er war in jungen Jahren Jongleur am Broadway und spricht mit weit ausholenden Gesten, so, als könnte er die Gedanken damit besser einfangen. "Eine Firma voller Menschen, die immer weiterlernen, ist schwer zu schlagen", erklärt der Akademie-Chef. "Ein Innovationsprogramm kann man sich sparen. Das kommt alles von allein."
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