Freitag, 13. Februar: Im ärmsten aller Dörfer
Sami ist 28 Jahre alt, Palästinenser, er arbeitet als Journalist in Haifa, hat runde braune Augen und lächelt eigentlich den ganzen Tag. Er steht auf einem fünf Meter hohen Erdwall, rechts das arabische Dorf Dschisr al-Sarka, links die jüdische Kleinstadt Caesarea.
Sami zeigt nach Caesarea: "Sie sagen, sie hätten ständig den Muezzin zum Gebet rufen hören. Darum musste der Wall her. Außerdem habe es ständig Einbrüche in den Häusern in Caesarea gegeben. Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass die Bewohner von Caesarea nur nicht sehen wollen, was auf der anderen Seite passiert."
Nirgendwo in Israel ist das durchschnittliche Einkommen so niedrig wie in Dschisr al-Sarka, nirgendwo brechen so viele Jugendliche die Schule ab. Trotzdem wächst die Bevölkerung des Dorfs jährlich um drei Prozent.
Sami ist hier aufgewachsen - und weggezogen. Das Dorf ist die einzige arabische Siedlung in Israel, die am Meer liegt. Die rund 11.000 Einwohner in Samis Dorf sitzen praktisch in der Falle: Im Süden der Wall, im Osten rauscht die Autobahn - ohne dass es eine Abfahrt zu dem Dorf gäbe -, im Westen ist das Meer, im Norden ein großes Naturschutzgebiet.
"Es heißt, Menschen aus Dschisr al-Sarka seien wunderlich", sagt Sami. Kontakt zu den Juden in Caesarea habe es nie gegeben. "Da wohnen die oberen Zehntausend Israels." Ich frage Sami, ob er sich vorstellen könnte, wieder ins Dorf zurückzugehen. "Natürlich. Ich komme ja von hier."
Donnerstag, 5. März: Roller-Unfall, bitte lächeln
Mein Freund Endi ist zu Besuch. Ich hole ihn am Busbahnhof ab, mit dem Roller. Bevor er aufsteigt, fragt er: "Du nimmst öfter Leute mit?" Ich sage: "Klar, kein Problem." Stimmt ja auch. Wir wollen in die Altstadt, Tee trinken.
Wir fahren 50 Meter, da rauscht von der Gegenfahrbahn ein Auto heran. Die Fahrerin will wenden, aber sie schaut nicht, ob etwas kommt. Es kracht. Endi und ich fallen auf den Asphalt, der Roller rutscht weg. Die Frau springt aus dem Auto: "Alles in Ordnung? Soll ich euch ins Krankenhaus bringen?"
Sofort wuseln vier oder fünf Männer um uns herum. Jeder hat eine Meinung zu dem Unfall. "Lass dir Geld geben", sagt der eine zu mir. "Ruf die Polizei", der andere. Der dritte klopft meinen Oberschenkel ab und stellt eine Blitzdiagnose: "Scheint nicht gebrochen zu sein." Ich zittere und habe mächtig Adrenalin im Körper. Wie geht es Endi? Er steht schon wieder.
Ich setze mich zurück auf den Roller und schaue die Fahrerin an. Sie ist so um die dreißig, vermutlich eine russische Jüdin. Sie will mir ihre Telefonnummer geben. Ich reagiere nicht. Ich muss grinsen, weil alles so absurd ist. Der Typ neben mir, blauer Jogginganzug, weiße Kippa, nimmt mir das Telefon aus der Hand und reicht es ihr. Sie schaut mich an. Sie sagt: "Du bist lustig. Du hast einen Unfall, und du lächelst." Sie tippt ihre Nummer ein und ihren Namen: Lucy. "Ruf mich an, wenn etwas ist. Ich wohne in Tel Aviv." Dann fährt sie weg. Der Jogginganzug-Mann sagt: "Ruf sie an. Sie ist nicht verheiratet."
Montag, 9. März: Purim-Trubel mit dunklen Schatten
Weiße Seemannsmütze, breite weiße Hose mit Totenkopf, graues Hemd - fertig ist mein Kostüm: Matrose. Heute ist Purim, eine Art jüdischer Karneval. Alle verkleiden sich, betrinken sich ordentlich. Wir tanzen auf einem Dachgarten in Tel Avivs Szene-Stadtteil Florentin.
30 Leute sind da, schütten sich fleißig seltsame Getränke in Plastikbecher, und was morgen wird, ist erst mal egal. Unten füllen sich die Straßen, alle stellen dicke Lautsprecher vor die Tür, der ganze Stadtteil ist eine Tanzfläche. Über den Dächern blinken die Wolkenkratzer um die Wette.
Ich tanze mit einem Mädchen namens Liat. Das ist Hebräisch und heißt "Du bist mein".
Um zwölf gehen wir auf die Straße. Wir lassen uns treiben. Dann steht ein Junge mit Piratenhut vor uns. Seinen Namen habe ich vergessen. Er fragt, wie ich heiße und woher ich komme.
Auf einmal wird er unfreundlich. Er redet auf Liat ein. Es ist Hebräisch, und ich verstehe nur Bruchstücke. Seine Familie kaufe keine deutschen Waren, sagt er, keinen Mercedes, keinen BMW, keinen Volkswagen, nicht einmal einen Stift oder einen Anspitzer aus Deutschland. Und da stehe sie nun mit einem Deutschen in der Purim-Nacht. Sie solle sich schämen. "Sein Großvater hat meinen Großvater umgebracht. Und du küsst ihn." Für eine Sekunde ist es, als ob die ganze Riesenparty anhielte, zumindest für mich.
Er rede einen Haufen Unsinn, sagt Liat zum Piratenhut und hakt sich bei mir ein. Ich will irgendetwas sagen. Sie zieht mich weg. Dann reden wir um drei Uhr nachts im Purim-Trubel eine halbe Stunde über meinen Großvater.
Mittwoch, 18. März: Jetzt schaun wir übern See
Roman ist zu Besuch, mein Mitbewohner aus Hamburg, wir fahren durch den Norden Israels: Haifa, Akko, Nazaret. Wir stehen am See Genezaret. Man kann kaum bis zum anderen Ufer sehen. Ein merkwürdiger Dunst lässt das Wasser, die Uferlinie und die Golan-Höhen ineinander verschwimmen.
Mittendrin liegt ein Boot. Ich kneife meine Augen zusammen und stelle mir vor, wie Jesus hier übers Wasser gelaufen ist. Ich sehe ihn vor mir, mit Sandalen, langen Haaren und zerschlissenen Kleidern. Irgendwo hinten im Kopf höre ich meinen Uni-Dozenten: "Jesus war ein Kibbuznik. Er hatte keine Ahnung."
Manchmal ist Israel ja auch ganz lustig.
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