Von Edgar Klüsener
Ausgerechnet Salford. Diese Stadt, die auf den ersten Blick eigentlich gar keine ist, sondern nur ein Flickenteppich von endlosen, tristen Reihenhaussiedlungen, heruntergekommenen Arbeitervierteln und verwilderten Industriebrachen. Eine Stadt von über 250.000 Einwohnern, die sich nicht mal eine eigene Innenstadt leisten kann - ihr Zentrum befindet sich im benachbarten Manchester.
Was verschlägt deutsche Studenten wie Constanze Kösters bloß aus dem beschaulichen Münster hierher? An eine Universität, die bei flüchtigem Hinsehen kaum mehr als ein unbeachtetes Zwielichtleben im Schatten der benachbarten protzigen Unis von Manchester führt?
Erste Blicke können gehörig täuschen. Denn zum einen ist Salford derzeit mächtig im Kommen: Die Salford Quays, genau gegenüber vom Manchester-United-Stadion und einst ein Industriehafen, haben sich in eine spektakuläre Variante der Londoner Docklands gewandelt, mit Einkaufszentren, Theater, Galerien und Museen.
Zum anderen ist da das internationale Medieninstitut an der Universität Salford. Seit zehn Jahren kann es eine eigene Fernsehproduktion und zudem einen eigenen lokalen Sender vorweisen. Inzwischen hat sich die kleine Hochschule zur britischen Topadresse im Bereich "TV- and Radio-Studies" entwickelt. Constanze Kösters konnte einen der begehrten Studienplätze ergattern.
Eine TV-Frequenz lag brach - und Salford schlug zu
Sie ist im letzten Jahr ihres dreijährigen Bachelor-Studiums und hat bereits Radiobeiträge produziert, ihre Fernsehreportage über einen bekannten Landschaftsmaler wurde landesweit ausgestrahlt; im Praktikum beim New Yorker ARD-Studio hat sie Beiträge mitproduziert, die dann über deutsche Bildschirme flimmerten. Und jetzt hat sie die Verbindung von Studium mit professionellem Umfeld nach Salford gelockt.
Das duale Ausbildungsmodell ist einzigartig. Möglich macht es der Sender Channel M; das "M" steht für Greater Manchester. Längst ist Channel M kein Lokalsender mehr, sondern per Kabel und Satellit überall auf den Inseln zu empfangen. Ab November 2009 wird der Sender zudem im digitalen Freeview-Angebot vertreten sein und damit endgültig zur nationalen TV-Station.
Für Salfords Studenten ist Channel M die einmalige Chance, schon im Studium unter Ernstfall-Bedingungen zu arbeiten - und somit auch eine gewaltige Herausforderung. Der sie sich allerdings gewachsen zeigen, denn schon mehrfach haben in den vergangenen Jahren von Studenten produzierte Programme regionale wie nationale Fernsehpreise abgeräumt.
Zu ihrem Fernsehsender war die University of Salford vor einem guten Jahrzehnt eher zufällig gekommen. Da hatten Techniker der britischen Fernmeldebehörde entdeckt, dass es in sechs Ortsbereichen noch ungenutzte Frequenzen gab, geeignet für terrestrisches Fernsehen. Die Uni Salford bewarb sich um die Lizenz für Manchester, erhielt den Zuschlag - und hatte zunächst einmal ein Problem am Hals.
Erfolge der Studenten machen die Profis neidisch
"Denn wir hatten zwar die Lizenz, aber nur beschränkte Produktionsmöglichkeiten", erinnert sich Paul Barron, damals Student, heute verantwortlich für das TV-Studium an der Uni, "die Universität brauchte Partner". Der wichtigste ist die Guardian Media Group. Für das Mutterhaus der liberalen Tageszeitung "The Guardian" geht es um die strategische Bedeutung. Denn zusätzlich zum Zeitungskerngeschäft hat das Verlagshaus das Portfolio zielstrebig um Radiostationen und digitale Angebote erweitert.
Bei Channel M ist eine redaktionelle Zweiteilung entstanden. Während das kommerzielle Tagesgeschäft in den Händen der Guardian Media Group liegt, produzieren die Studenten in Salford eigenverantwortlich Sendungen - als tragende Säule des Programms.
Vor allem das Kulturmagazin "Zeitgeist" hat die Uni fest in der britischen Fernsehlandschaft etabliert. Seit Jahren heimsen die Studenten dafür Preise ein. Sehr zum Leidwesen der Channel-M-Profikollegen übrigens, die bis dato leer ausgegangen sind. "Allmählich wird's schon ein bisschen komisch", sagt Paul Barron. "Zwar würde bei Channel M nie jemand offen zugeben, dass da ein kleines bisschen Neid im Spiel ist, aber mir wäre es trotzdem lieber, wenn die allmählich auch mal einen Preis bekämen."
Der große Privatsender ITV wildert bei den Studis
Auch das Kurzfilm-Programm "Reel North" galt schon mehrfach als preiswürdig und hat Nachahmer bei anderen TV-Sendern wie ITV gefunden. Allerdings haben "die unser Konzept nicht hundertprozentig verstanden. Wo wir uns mit der Auswahl der Kurzfilme sehr viel Mühe geben und nach strikten Qualitätskriterien vorgehen, hat ITV einfach alles ins Programm genommen, was kurz und Film war", so Barron. Das Ergebnis: katastrophale Kritiken, sinkende Einschaltquoten. Inzwischen ist "Reel North" wieder konkurrenzlos.
Dass das Zusammenspiel von Studenten und Fernsehprofis so gut funktioniert, mag auch daran liegen, dass so viele Channel-M-Redakteure selbst mal Salford-Studenten waren. "Unsere Absolventen haben auf dem Arbeitsmarkt hervorragende Karten", sagt Paul Barron, und die Befriedigung in seiner Stimme ist unüberhörbar. "Sie finden sich bei der BBC, bei ITV, in namhaften internationalen Produktionsgesellschaften und Studios. Bei Vorstellungsgesprächen erhalten sie häufig den Vorzug vor ansonsten gleich Qualifizierten."
Noch ein Grund, warum die Entscheidung für den Umzug ins graue Salford und für einen BA in Television and Radio auch für Constanze Kösters wohl klug war.
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