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17.06.2009
 

Krisenkind Wolfgang Gründinger

"Steine schmeißen ist einfach nicht unser Stil"

Von Sandra Schulz

Seit dem Buch "Aufstand der Jungen" ist Wolfgang Gründinger Deutschlands Vorzeige-Mittzwanziger. Pragmatismus, Engagement und Ironie statt Ideologie: Dafür steht er, das macht seine Generation aus und daran verzweifelt er manchmal selbst. Besuch bei einem Krisenkind.

Vor dem Haus von Wolfgang Gründinger schlurft ein Rentner vorbei mit Hut und Krückstock. "Grüß Gott", sagt Gründinger. Der Rentner sagt nichts. "Gleich die Krücke wegschlagen", sagt Gründinger und lacht. Er meint es nicht böse, er ist auch nicht böse. Er ist der Wolfie.

Der Wolfie, der gerade ein Buch geschrieben hat, Titel: "Aufstand der Jungen. Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden können".

Das Buch hat er seiner Mutter gewidmet. Gründinger sagt: "Ich bin doch so versöhnlich." Der junge Aufständische backt gern Käsekuchen.

Wenn man in Deutschland nach politisch engagierten jungen Menschen sucht, dann findet man wenige. Wolfgang Gründinger findet man, den 25-jährigen Rentenexperten. Er wohnt in einem Plattenbau am Berliner Alexanderplatz, außen Kacheln, innen Spitzengardinen, der Fernsehturm ist um die Ecke. In der WG-Küche klebt eine Postkarte: "A dirty house is a sign of a brilliant party".

Politik-Karriere? Nö, lieber nicht

Er hat eine Obama-Puppe, die "Yes, we can" sagt, wenn man ihr auf den Kopf haut. In seinem Zimmer hängt ein Poster von Willy Brandt. "Das ist unser Obama", sagt Gründinger. Manchmal fragen ihn die Leute, die in seiner WG rumhängen, ob der Mann auf dem Poster sein Vater sei.

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Im neuen SPIEGEL 25/2009:

Wir Krisenkinder
Wie junge Deutsche ihre Zukunft sehen?
Tim Fulda für den SPIEGEL (4); laif(1)
Gründinger gilt als der "Anwalt der Jugend". Er hat den Generationengerechtigkeitspreis bekommen, die "Junge Karriere" zählt ihn zur "jungen Elite Deutschlands". Mit fünf sah er den Mauerfall im Fernsehen, schlug selbst mit dem Hammer auf die Mauer des Nachbarn ein. Mit 16 Eintritt in die SPD, mit 17 erste Pressekonferenz auf dem Jugend-Klimagipfel in Bonn.

Wenn Gründinger das Abgeordnetenhaus in Berlin betritt, piepst es bei der Sicherheitskontrolle wegen der Nieten seiner Jeans. Ansonsten steht ihm für eine Karriere als Politiker nichts im Weg. Die Parteien lechzen ja nach jungem Blut, sagt Gründinger. Nur er selbst will nicht. Viel zu viel Stress, sagt er, und dann gelte man auch noch als überbezahlt, faul und inkompetent.

Er macht lieber Lobbyarbeit, da redet ihm wenigstens keiner rein. Er fordert das Wahlrecht ab null Jahren, will 100 Prozent erneuerbare Energien, kämpft für faire Praktikumsbedingungen. Er schimpft auf "Sitzprämien" für ältere Arbeitnehmer, findet es nicht fair, wenn die Alten mehr Lohn bekommen für die gleiche Arbeit und mehr Urlaub und oft auch noch praktisch unkündbar sind.

Warum sollte es uns schlechter gehen?

Die Jungen, sagt er, bräuchten doch auch Sicherheit, wollten doch auch eine Familie gründen. Natürlich sollte man den Respekt vor der Lebensleistung irgendwie würdigen. Er denkt zum Beispiel an einen Tag mehr Urlaub für die älteren Kollegen, als Geburtstagsgeschenk.

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Warum er sich für die Rente interessiert und nicht für Palästina? "Weil ich wahrscheinlich keine mehr kriege", sagt Gründinger. Die Renten der Alten finanzieren und privat für die eigene Rente sparen, nennt er "einen massiven Verstoß gegen die Generationengerechtigkeit."

Generationengerechtigkeit heißt für ihn, dass es den nachrückenden Generationen mindestens genauso gut gehen soll wie der vorherigen Generation. Und genau das sei eben bei den Jungen nicht mehr der Fall. Anspruchsvoll findet er das nicht. "Nö", sagt er, "warum auch? Das würden meine Eltern doch auch wollen."

Man kann Gründinger, Sohn einer alleinerziehenden Gemüseverkäuferin in Bayern, nicht vorwerfen, er sei verwöhnt. Als er 2002 zum Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung nach Johannesburg fliegen wollte, hatte er nur seinen Personalausweis dabei, keinen Reisepass. Er wusste es nicht besser: Es war sein erster Flug, zu Hause konnte man sich Urlaub nie leisten. Fast hätte es nicht mehr geklappt mit Südafrika, doch als Gründinger den Beamten die Einladung an alle Delegierten zeigte, unterschrieben von Kofi Annan, hatte er plötzlich ganz schnell einen Pass.

Lobbyarbeit für eine indifferente Generation

Mittlerweile hat Gründinger bestimmt tausend Konferenzen besucht, "einschließlich Fachtagungen". Mittlerweile lädt ihn sogar Außenminister Frank-Walter Steinmeier ein zu exklusiven Events. Gründinger ist jetzt so etwas wie die Stimme der Jugend. Er studiert Sozialwissenschaften, hält Vorträge an Schulen, schreibt Artikel, auch wenn es kaum Geld dafür gibt. Er sagt: "Man macht's für die Botschaft und fürs Ego." Gerade hat er Angela Merkel einen offenen Brief geschrieben. "Die ökonomische Perspektivlosigkeit prägt das Lebensgefühl einer ganzen Generation", steht da.

Doch Gründinger macht Lobbyarbeit für eine Generation, an der er selbst manchmal verzweifelt. Zum Beispiel damals beim Uni-Streik in Regensburg, als sie ein Protestzeltlager organisierten gegen die Einführung von Studiengebühren. Die Uni-Leitung war "kooperativ", hatte ihnen sogar die Schlüssel für die Toiletten gegeben. Ein "sophisticated Döner-Laden" spendete selbstgebackenes Fladenbrot. "Die Kurden standen hinter uns", sagt Gründinger. Nur die anderen Studenten nicht.

Die einen meinten, das gehe sie nichts mehr an, so kurz vor dem Abschluss. Die nächsten wollten lieber für die Klausuren lernen. Die dritten fragten: Warum sollen wir uns selbst bestreiken? Wolfgang hat dann im Zeltlager seine Bücher gelesen.

"Steine schmeißen ist nicht unser Stil"

Mit 16 gründete er die Organisation YOIS, es ging ihnen um "intergenerationelle Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit". Sie wollten, sagt Gründinger, so etwas wie eine Parteijugend sein, nur ohne Partei. Aber die Leute kamen und gingen, keiner hatte Lust, Räume für die Mitgliederversammlung zu finden oder Reisekostenanträge zu bearbeiten. Die Sache schlief ein. Man hätte Leute gebraucht, glaubt Gründinger, die man bezahlt, die sagen: "Macht ihr die Revolution, wir klären den Kram mit dem Amtsgericht."

Nur, dass das mit der Revolution auch nicht klappt. "Steine schmeißen", sagt Gründinger, "ist einfach nicht unser Stil." Dafür haben sie in seiner WG Öko-Strom und Energiesparlampen, sie kaufen Toilettenpapier beim Discounter, aber Bio-Schokolade und Bio-Kaffee. Der faire Kaffee ist "fürs Gefühl". Letztes Jahr, sagt Gründinger, sei seine Klimabilanz zwar katastrophal gewesen, Flüge nach China, Peru, USA. Dafür fliegt er innerhalb Deutschlands nicht, aus Prinzip.

Gründinger sagt, er beurteile seine Positionen nicht nach rechts oder links. Er sagt: "Ich kann mit allen." Er fährt zum Evangelischen Kirchentag, obwohl er katholisch ist. Einfach, weil man da auf dem Podium was sagen kann und sogar ernst genommen wird. Er demonstriert erst vor dem Atomforum und geht hinterher zum Atomforum. Einfach, um zu sehen, wie die anderen so ticken.

Laut ist diese Jugend eher nicht

Er findet die Leute von Attac sympathisch und geht mit denen von McKinsey was trinken. Im November war er bei der Demo in Gorleben, das erste Mal, er hat eine Rede über die "Atomlügen" gehalten, auf Einladung eines Professors. Die Atmosphäre hat ihm gut gefallen. Schade war nur, dass es für den Vortrag kein Honorar gab.

Im Dezember dann sind sie gemeinsam - Wolfgang, ein paar rechte Jusos, ein paar Grüne, darunter auch ein Veganer - zum Uno-Gipfel nach Polen gefahren. Sie haben sich in die Veranstaltungen der Luftfahrt- und der Energiekonzerne gesetzt, haben zugehört, wollten "Eindrücke mitnehmen". Hinterher gab es immer ein Buffet, das hat einen guten Eindruck gemacht. Am Ende beschlossen sie, beim nächsten Mal, in Kopenhagen, müsse man radikaler werden, spektakuläre Aktionen machen, etwas ganz Dramatisches, vielleicht Delegierte mit Wasser bespritzen.

Gründinger sagt: "Wir sind viel zu seriös und angepasst. Jeder erwartet doch von der Jugend, dass sie laut ist." Essen aber wollen sie trotzdem weiter bei der Industrie. Vielleicht ist Gründinger auch gar nicht in Kopenhagen dabei, weil er ja dann schon in Amerika studiert, in Kalifornien. Da gibt es viele Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien, das interessiert ihn. Und außerdem kann man da gut surfen.

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