Rund 70.000 Studenten waren im Wintersemester 2007/08 an privaten Einrichtungen eingeschrieben, mehr als 50 Prozent mehr als noch drei Jahre zuvor. Die Gebühren sind hoch, mancherorts mehr als tausend Euro im Monat, und die Versprechungen oft groß. Die Private Fachhochschule Göttingen etwa wirbt mit einer "Karrieregarantie" und einer "Jobgarantie". Wer sechs Monate nach dem Master-Abschluss noch ohne Stelle ist, bekommt freilich keinen Arbeitsvertrag vorgelegt, sondern nur einen Teil der Studiengebühren erlassen.
Die staatliche und auch kirchliche Konkurrenz ist den privaten Hochschulen häufig überlegen. Sie bietet nicht nur, trotz aller berechtigten Kritik, eine mindestens ordentliche Qualität. Sie verlangt auch einen unschlagbaren Preis: Einige Bundesländer erheben Gebühren von maximal 500 Euro im Semester, in zehn Ländern ist das Erststudium gar kostenlos.
Und dennoch versuchen es Unternehmer immer wieder, gegen diese Platzhirsche anzutreten. Von "Dynamik und Vielfältigkeit" sei der Hochschulmarkt gekennzeichnet, heißt es im Bildungsbericht des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. Zu den Anbietern zählten "ausländische Hochschulen, die in Deutschland Niederlassungen haben, zum Teil existieren auch ausländische und profitorientierte Aktiengesellschaften, die sich letztlich nicht mehr am deutschen Bildungssystem mit spezifischen Hochschulabschlüssen orientieren".
Die erste private Universität, Witten/Herdecke, nahm 1983 den Betrieb auf, inzwischen werden in Deutschland mehr als 80 private Hochschulen gezählt. Dahinter stehen gemeinnützige Gesellschaften, aber auch windige Geschäftsmodelle. Das Stuttgart Institute of Management and Technology war so erfolglos, dass es 2007 für einen Euro zu haben war - und das Land Baden-Württemberg dem Käufer noch 1,5 Millionen obendrauf gab.
Großzügige Gönner sind eine Lebensversicherung
Am besten stehen private Einrichtungen wie die Bucerius Law School in Hamburg oder die Jacobs University Bremen da, die von großzügigen Gönnern leben. Die Juraschule an der Elbe ist aus dem Nachlass des "Zeit"-Verlegers Gerd Bucerius entstanden, der Bremer Hochschule spendierte die Stiftung des Kaffeemilliardärs Klaus Jacobs 200 Millionen Euro. Wer solche Mäzene nicht hinter sich weiß, tut sich in der Regel schwer - oder steht wie die Uni Witten/Herdecke notorisch vor dem Ruin. "Eine forschende Hochschule lässt sich nicht allein mit Studiengebühren bestreiten", sagt ihr Gründer Konrad Schily.
Das Resultat: vermeintlich akademische Stätten wie das Baltic College. Vier Standorte unterhält die Hochschule, in Güstrow, Rostock, Potsdam und Schwerin. Sie bot bislang drei Bachelor-Studiengänge für Unternehmens- und Tourismusmanagement, vier Professoren unterrichten rund 340 Studenten.
Als der Wissenschaftsrat die Uni jetzt überprüfte, stellte er ein niederschmetterndes Zeugnis aus: unklare Kalkulationen, schlechte Lehre, unzureichende Ausstattung. Die Prüfer störte unter anderem der "dürftige Bestand an Büchern". Pro Jahr stünden nur 5000 Euro für Anschaffungen zur Verfügung. Die gesamte Literatur in Güstrow findet sich in drei Regalen im Sekretariat. "Einen Präsenzbestand wie an Universitäten kann man nicht erwarten, wir setzen vor allem auf digitale Literatur", erklärt Uni-Präsident Jens Engelke.
Vielleicht liegt das Problem aber auch in Engelkes Doppelrolle: Der Uni-Boss ist zugleich einer der beiden Geschäftsführer der profitorientierten Gesellschaft, die hinter dem College steckt. Der Wissenschaftsrat bemängelte jedenfalls mögliche "Konflikte zwischen den ökonomischen Interessen des Trägers und den akademischen Angelegenheiten der Hochschule". In der vergangenen Woche musste sich Engelke gegenüber empörten Studenten rechtfertigen - die Uni-Kunden zahlen immerhin mehr als 400 Euro Gebühren pro Monat.
Bieterschlacht um private Fachhochschule
Nach gut einem Vierteljahrhundert deutscher Privat-Uni-Praxis ist deutlich zu erkennen, mit welchem Studienangebot sich Geschäfte machen lassen. Fächer, deren Unterricht mit hohem finanziellem Aufwand verbunden sind, scheiden aus - Ingenieur- und Naturwissenschaften überfordern wegen ihrer Labors und Gerätschaften die privaten Hochschulen. Auch Geisteswissenschaften gelten als wenig attraktiv, weil deren Absolventen selten mit hohem Einkommen rechnen. Die Neigung, auf Pump an einer Privatuni zu studieren, ist bei Philosophen oder Soziologen entsprechend gering.
Ganz anders die Situation der Hochschulen, die strebsamen Managementnachwuchs ausbilden: die European Business School in Wiesbaden und Oestrich-Winkel, die Handelshochschule in Leipzig und die WHU in Vallendar. Die WHU hat etwa, gemeinsam mit der Bucerius Law School, einen "Master of Law and Business" im Angebot, das Einjahresprogramm kostet 22.000 Euro. Auch die Internationale Fachhochschule Bad Honnef hat ihre Marktnische gefunden, sie gilt als Kaderschmiede fürs Hotelfach. Vom Wissenschaftsrat erhielt sie am selben Tag, als das Baltic College abgekanzelt wurde, großes Lob. Entsprechend begehrt war die Hochschule bereits vor zwei Jahren, als die Gründerin aussteigen wollte: Investoren lieferten sich eine Bieterschlacht.
Im Rennen waren unter anderem der amerikanische Bildungskonzern Laureate und die deutsche Verlagsgruppe Klett. Zum Zug kam die Private-Equity-Firma Auctus gemeinsam mit einem Unternehmer, sie zahlten einen zweistelligen Millionenbetrag. Zum Portfolio von Auctus gehörten bis dahin Maschinenbauer, IT-Dienstleister oder Zeitarbeitsfirmen. Nun ist die Hochschule auf Expansionskurs. Im Herbst wurde in Bad Reichenhall eine Filiale eröffnet. Auf dem Gelände der eingestürzten Eissporthalle wird den Kunden ein Angebot "ganz nach den Anforderungen an ein kompaktes und zielgerichtetes Studium" versprochen. Dazu zählen "voll möblierte Studentenapartments auf dem Campusareal" und eine "ideale Betreuungsrelation".
Die Expansion in den Süden "finanzieren wir problemlos aus dem Cashflow heraus", sagt der Bad Honnefer Geschäftsführer Florian Schütz. Der ehemalige IT-Unternehmer hat gemeinsam mit Auctus den Zuschlag bekommen, zum Geschäft mit der Bildung kam der Kaufmann per Zufall. Das Prinzip erfolgreichen Wirtschaftens sei dasselbe: "Wir müssen neue Studenten gewinnen, Marketing betreiben und Arbeitsprozesse optimieren" - das allerdings gelingt in Deutschland bisher nur wenigen Uni-Unternehmen.
Steffen Eggebrecht, Jan Friedmann, Jochen Leffers, Christoph Titz und Markus Verbeet
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