ThemaStudienstartRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
19.08.2009
 

Abenteuer Fernost

Drei Tage Leipzig, 99 Euro, alles inklusive

Von Felix Hügel

Her mit den Abiturienten aus dem Westen! Weil ostdeutschen Hochschulen Erstsemester fehlen, werben sie, was das Zeug hält. Die Uni Leipzig versucht es per Pauschalreise - Essen, Freibier, Bett, alles drin. Reicht das, um Andreas Kohn und 150 andere Interessenten zu überzeugen?

Andreas Kohn schlendert durch die warme Sommernacht Richtung Jugendherberge. "Ich hatte eigentlich gedacht, dass es hier viel mehr Plattenbauten gibt", sagt der 21-Jährige, der gerade aus Leipzigs Ausgehmeile Gottschedstraße kommt. Die Gassen erinnern ihn an Wien, sagt er.

Andreas aus Dorfmark nördlich von Hannover ist zu Besuch hier, als Teilnehmer der "Abenteuerreise Fernost" - drei Tage Osten, für 99 Euro, alles inklusive: Übernachtung mit Frühstück, Mittagessen in der Mensa, abends ein Buffet im eindrucksvollen Gewölbe der Studentenkneipe Moritzbastei und Freigetränke bei den Touren durch Leipzigs Bars. Plus viel Werbung für Leipzig und seine Uni.

150 Studienbewerber der Uni Leipzig bekommen in diesen Tagen alles von der besten Seite gezeigt. 99 Euro, das sei ein fairer Preis, findet Andreas, denn neben Essen und Trinken gibt es auch eine Studienberatung, Probevorlesungen und Hilfe bei der Wohnungssuche. Zuvor hatte er schon zwei Semester Immobilienwirtschaft an der Hochschule Holzminden studiert, zum kommenden Wintersemester hat er sich für einen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften an den Unis in Paderborn, Oldenburg, Chemnitz, Leipzig und Hannover beworben.

Hannover ist Andreas Favorit, dafür sprechen die Nähe zu seinen Freunden in seiner Heimatgemeinde Dorfmark und in Niedersachsens Hauptstadt. Doch an der Uni Hannover rechnet sich Andreas wenig Chancen aus und sucht deshalb vorsichtshalber nach einer Alternative.

Beuteschema: Westdeutsch, jung und hochschulreif

Damit passt er genau ins Beuteschema der Leipziger Universität. Bisher schreiben sich halbjährlich rund 350 Erstsemester aus den alten Bundesländern in Leipzig ein, im kommenden Wintersemester sollen es mit 750 mehr als doppelt so viele sein. Helfen soll dabei auch das Pauschalreiseangebot an West-Abiturienten, an dem Andreas und seine Mitreisenden teilnehmen: "Abenteuer Fernost - Leipziger Freiheit erleben" ist der Drei-Tage-Trip betitelt, leicht überverkauft, aber so sind Pauschalreisen nun einmal.

Die "Abenteuerreise" flankiert die Kampagne "Studieren in Fernost", mit der die Agentur Scholz & Friends für viel Aufmerksamkeit gesorgt und gleichzeitig Ostdeutschlands Rektoren verärgert hat. Zwei krawallige Chinesen tollen in den bunten Werbefilmen durch ostdeutschen Uni-Städte und machen schrill Werbung fürs ostige Studentenleben. Der Leipziger Rektor Franz Häuser fand die Videoclips mit den beiden Asiaten zu klamaukhaft.

Die Abenteuerreise soll nicht der einzige Anreiz bleiben: Geht es nach den Werbern, werden zu Semesterbeginn ein Sächsischkurs und Speed-Dating den Erstsemestern bei der Integration behilflich sein. Drei auserwählte Wessis werden sogar mit dem Trabi von Zuhause abgeholt und dürfen ein halbes Jahr lang kostenlos in einer Abenteuer-WG wohnen. Allerdings müssen sie über ihre Erfahrungen in der neuen Heimat Videos drehen, bloggen und twittern.

Das Konzept wurde unter anderem von Studenten in einem PR-Seminar entwickelt und gewann den 100.000-Euro-Preis im Wettbewerb "Schneller ins Studium" der Hochschulinitiative Neue Bundesländer. Die Initiative hatte in einer Umfrage ermittelt, dass Jugendliche aus dem Westen mit Ostdeutschland immer noch Begriffe wie "arm", "grau", "trostlos" oder "heruntergekommen" verbinden. Ihr Ziel: möglichst viele West-Abiturienten an ostdeutsche Hochschulen bringen.

Im Oldtimerbus durch die Stadt

"Die Bewerber sollen merken, dass Leipzig ganz anders ist", sagt Nancy Beyer, Projektkoordinatorin und für drei Tage Andreas Reiseleiterin in Leipzig. Viele Seen, Parks, Kneipenmeilen, günstigen Mieten und einer lebendigen Kulturszene, das seien die großen Pluspunkte der Stadt, sagt Beyer.

Andreas und die anderen Bewerber tuckern derweil im roten, zweistöckigen Oldtimerbus durch Leipzig. Der Stadtführer erzählt neben Völkerschlachtdenkmal und friedlicher Revolution von WG-Zimmern ab 150 Euro und davon, wie er einmal betrunken die Stufen der Moritzbastei hinuntergestürzt ist. Beim Zwischenstopp im Clara-Zetkin-Park - "Hier finden viele Partys statt" - bekommt jeder Teilnehmer eine Kugel Eis. Die Botschaft der Abenteuerreise: Leipzig bietet Top-Studienbedingungen, die Professoren nehmen sich Zeit für ihre Studenten, der neue Campus ermöglicht fortschrittliches Studieren an einer Uni mit breitem Fächerspektrum.

Als Andreas vor vier Wochen hier war, lief er zum ersten Mal durch die Innenstadt. Davor brachte er Leipzig mit fehlender Infrastruktur und verfallenen Vierteln in Verbindung. Doch diese Klischees hat er mittlerweile revidiert und ist begeistert von der Technik des Uni-Neubaus am zentral gelegenen Augustusplatz. Zur Abenteuerreise ist er angetreten, weil er die ganze Stadt sehen, Infos fürs Studium sammeln und neue Leute kennenlernen wollte. Eine Entscheidung für Leipzig, sagt er, würde ihm nun deutlich leichter fallen.

Doch nicht alle Teilnehmer sind noch unentschlossen wie Andreas. Für Viktor Ruchotzki, 20, aus Goslar war eigentlich schon vorher klar, dass er nach Leipzig will, denn ein Teil seiner Familie kommt aus dem nahen Dresden, und er kann in Leipzig günstig wohnen. Die Entscheidung ist eigentlich gefallen, das Pauschalreiseangebot nutzt er nur, um bei der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft zu unterschreiben. Nur noch eine Zusage aus Berlin könnte ihn ins Grübeln bringen. Auf dem Arbeitsamt hätten sie ihm nämlich Medienwissenschaften in der Hauptstadt empfohlen. Doch er fühle sich wohl in Leipzig, sagt Viktor. Die Stadt sei überschaubar, die Uni zentral, in Berlin verliere man dagegen leicht den Überblick.

Stadt zum Kinderkriegen und Altwerden

Unbedingt in Berlin studieren will dagegen Antje Richly, 20. Die Abiturientin hat nun wirklich nichts mit der Zielgruppe der Abenteuerreise zu tun, wie sie sich die Veranstalter des 99-Euro-Trips ausgedacht haben. Aufgewachsen ist Antje im brandenburgischen Luckenwalde und nicht die einzige Teilnehmerin aus den neuen Bundesländern. Sie hat sich von vornherein nur an ostdeutschen Unis beworben, weil die näher an ihrer Heimatstadt liegen und es keine Studiengebühren gibt. Zusagen hat sie bisher aus Halle, Potsdam, Erfurt, Magdeburg und Leipzig - nur aus ihrer Traumstadt Berlin habe sich weder FU noch HU bisher gemeldet.

Weil sie damit auch nicht mehr rechnet, hat sie sich nun nach Sachsen aufgemacht. Nach der Rundfahrt ist für Antje klar: Leipzig ist für sie eine Stadt zum Kinderkriegen und Altwerden - ein "Berlin für Gemütliche", jedenfalls nicht städtisch genug. Nach Absagen aus Berlin würde sie sich aber trotzdem hier einschreiben.

Mit rund 300 Pauschalurlaubern mit Abitur hatte Projektkoordinatorin Beyer gerechnet, angemeldet hat sich dann nur gut die Hälfte. Die Einladung sei für die meisten einfach zu kurzfristig gekommen, sagt Beyer. Im nächsten Jahr soll es die Abenteuerreise erneut geben, dann aber mit Werbung direkt an Schulen.

Gut möglich, dass Andreas Kohn dann schon Leipziger Student ist. Aber eben nur, wenn Hannover absagt. Daran hat auch sein dreitägiger Ost-Trip nichts geändert. Bevor er wieder die sechs Stunden Zugfahrt nach Dorfmark auf sich nimmt, will er sich aber trotzdem noch in Sachen Bafög beraten lassen und durch die Stadt bummeln. Und vorher steht erstmal die nächste Kneipentour auf dem Programm.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 245 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
03.01.2010 von nocheinbuerger:

Komisch. Hier in Sachsen steigen die Kinderzahlen. ---Zitat--- überall werden Schulen geschlossen. ---Zitatende--- In den 90er Jahren war das vielleicht mal. Inzwischen werden die Schulen saniert. ---Zitat--- Einen [...] mehr...

02.01.2010 von sitiwati: das setzt

[QUOTE=Herr Höfgen;4739881] dennoch: es kommt darauf an wo sie studieren! In guten städten oder stadtteilen fidnen sie beinahe keine unterschicht ... QUOTE] natürlich voraus, dass man sich selber zur OBERSCHICHT zählt ! mehr...

27.12.2009 von entreotto:

Meinten Sie nicht, das Bildungssystem wird immer weiter abgebaut? Im Osten gibt es einen eklatanten Kinderrückgang, überall werden Schulen geschlossen. Einen Frauenmangel, wie es sonst nirgendwo in der EU gibt, wird den Trend [...] mehr...

22.12.2009 von Herr Höfgen:

Man muss sich immer das Ost-west-gebrabbel anhören! das kommt von der ungleichheit ... bei gleichen firmen verdient man im westen immer noch mehr als im osten und, wie sie es sos chön schon angebracht ahben, werden wir immer [...] mehr...

19.12.2009 von entreotto:

ähm, bin zwar kein Student, nur so ein Komischer aus der Unterschicht ( Wessi ), aber meiner Meinung nach , müssten doch die oben genannten Gründe alleine schon ausreichend sein, dass die Masse der Studenten in den Osten gehen [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium
alles zum Thema Studienstart

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Spitznamen der Campus-Bauten

REUTERS / FU Berlin / Julia Scheel
Oft tragen deutsche Uni-Gebäude Abkürzungen wie HS201 oder SBS95E - Studenten verpassen ihnen darum Spitznamen. Mal schön, mal bizarr: Testen Sie im Quiz, ob Sie den Campus-Kauderwelsch beherrschen. mehr...



Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...




TOP



TOP