Von Kurt F. de Swaaf
Die Bibliothek ist außer Betrieb, aber nur für wenige Tage. Durchsichtige Plastikplanen schützen die Bücher vor dem momentan allgegenwärtigen Staub. Viele Bände tragen hebräische oder auch kyrillische Schriftzeichen auf dem Rücken. Direkt nebenan, im neuen Gebäudeteil, wird noch emsig gearbeitet.
Zwischen den Regalen steht Johannes Heil wie ein Mann, der seinen Platz gefunden hat. Die Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) sei das größte Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit in Europa, berichtet er stolz. Vor gut einem Jahr übernahm der Historiker die Leitung. Neben der Heidelberger Hochschule bildet in Deutschland nur das Institut für jüdische Studien an der Uni Potsdam Rabbiner aus. Damit begannen beide Einrichtungen 2001, lange nach dem zweiten Weltkrieg und den Schrecken des Holocausts in Deutschland - ein Meilenstein auch in der dreißigjährigen Geschichte der HfJS.
Daneben bietet die Hochschule ein breites Fächerangebot für alle, die sich rein wissenschaftlich mit der jüdischen Kultur befassen wollen. Gut 150 junge Frauen und Männer sind zurzeit eingeschrieben. Dennoch: "Das ist hier kein Elfenbeinturm", sagt Johannes Heil. Man wolle nicht nur akademisches Wissen vermitteln, sondern auch Unwissen und Vorurteile in der Gesellschaft abbauen. "Da haben wir viel zu tun."
Offen fürs konservative wie liberale Judentum
Heil selbst ist Katholik, weniger als die Hälfte der Studenten sind jüdischen Glaubens. Auch Muslime studieren hier. Denn das Hauptanliegen der Hochschule heißt: mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit der ältesten monotheistischen Religion der Welt. "Aber das geht nur, wenn wir wissenschaftlich brillant sind", sagt Heil. Dazu gehöre auch die kritische Auseinandersetzung mit religiösen Fragen. Die Hochschule richte sich explizit nicht an einer bestimmten Strömung aus, sondern stehe dem orthodoxen wie dem liberalen Judentum offen gegenüber.
Wieso aber befindet sich dieses Gelehrtenzentrum in Deutschland, wo es doch in Nachbarländern größere jüdische Gemeinschaften gibt? "Ich denke, das ist die Erfahrung des Verlusts", sagt Heil mit Blick auf die Judenvernichtung im "Dritten Reich". Die Gesellschaft hierzulande trage den Wiederaufbau des jüdischen akademischen Lebens wesentlich mit. "Wir werden aus historischen Gründen gefördert."
Die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Hochschule im Gefüge der Universitätsstadt Heidelberg bewegt, findet Heil einzigartig. "Wir haben noch viel zu wenig Studierende für das, was wir hier anbieten." Das liege wahrscheinlich am Studienabschluss, "außerhalb der Gemeinde gibt es kein natürliches Berufsfeld". Die Absolventen kämen dennoch gut in Lohn und Brot, versichert er. Außerdem sei die Betreuungssituation während des Studiums traumhaft.
Ja, es gibt uns - und zwar nicht im Museum
Mark Krasnov kann das bestätigen. Er studiert in Heidelberg Jüdische Religion, Spanisch und Latein im fünften Semester auf Lehramt. Die Dozenten kennen all ihre Studenten beim Namen, man begrüße sich persönlich, sagt Krasnov. Kein Vergleich zur Elite-Uni Heidelberg, an deren Romanistischem Seminar er gleichzeitig studiert. Dort darben die Geisteswissenschaften. Die Kurse sind derart überbelegt und die Mittel so knapp, dass Romanistikstudenten im Sommer aus Verzweiflung ihr Institut besetzten. "Ich bin sehr froh, an dieser Hochschule gelandet zu sein. Vieles wird hier benutzerfreundlicher gestaltet", sagt Krasnov.
Für den künftigen Religionslehrer steht die Aufbaurolle der Hochschule ebenfalls im Vordergrund, "damit wieder ein reichhaltiges jüdisches Leben in Deutschland stattfinden kann". Wie beladen das Verhältnis zwischen andersgläubigen Deutschen und Juden noch immer ist, zeigt sich zum Beispiel, wenn Krasnov anderen Studenten sagt, er komme am Freitagabend nicht mit auf Kneipentour, weil dann der Sabbat beginne und er in die Synagoge gehe. "Mein Gegenüber weicht fast immer verwundert einen Schritt zurück und fragt: Bist du... Jude? Am liebsten möchte ich dann sagen: Ja, es gibt uns noch, wir stehen noch nicht im Museum."
Die Fragen verunsicherter Kommilitonen beantwortet Mark Krasnov trotzdem gern. "Ich muss oft eine gewisse Aufklärung betreiben, die sonst nirgendwo stattgefunden hat." Mit den nicht-jüdischen Studenten kommt es dagegen eher zu kontroversen Diskussionen über Details der jüdischen Glaubenspraxis. Was ist erlaubt, was nicht?
Die koschere Mensa wird vegetarisch
Solche Themen haben im Alltag große Bedeutung auch für die koschere Mensa. Gläubige Juden befolgen strenge Speisevorschriften; die Kaschrut-Gesetze in der Küche umzusetzen, erfordert Wissen und Erfahrung. Ludmilla Rabinowitsch hat beides. Seit 1994 liegt der gesamte Mensabetrieb in ihren Händen.
"Ich bin Mädchen für alles", sagt sie und lacht herzlich. Sie kocht, kauft ein, regelt die Buchhaltung, plant die Menüs. Oberstes Gebot einer koscheren Küche: Fleisch darf niemals mit Milchprodukten in Berührung kommen. Sogar die bei der Zubereitung verwendeten Töpfe, Geschirr und Besteck müssen komplett getrennt bleiben. In der kleinen alten Küche der Hochschule war das nicht möglich, "milchige" Gerichte kamen somit nicht auf den Tisch.
Mit dem Umzug aber wird sich das ändern. Zwar ist auch die neue Küche zu klein, um beides anzubieten, doch künftig entfällt Fleisch komplett, es wird auf "milchige" sowie "parve", also neutrale, Speisen wie Fisch und vegetarische Gerichte umgestellt. Doch auch sonst gibt es tausende Kaschrut-Regeln zu beachten. In ganz kniffligen Fällen fragt die Köchin beim Campus-Rabbiner Shaul Friberg, ob ein Gericht den jüdischen Küchenvorschriften entspricht.
Rabinowitsch stammt ursprünglich aus Kasachstan und wuchs dort noch zu Sowjet-Zeiten auf. Eines ihrer beliebtesten Gerichte sind "Blinzes", gefüllte Pfannkuchen, und eine jiddische Variante der russischen Blini. Die jüdische Küche hat viele Rezepte aus Gegenden übernommen, in denen Juden lebten. Für Rabinowitsch sind die Studenten nicht einfach Kunden, sondern Gäste, die ihr am Herzen liegen: "Ich habe jeden Tag das Gefühl, dass ich Besuch habe."
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