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21.10.2009
 

Simple Erkenntnisse

Mediziner sind immun gegen Studiengebühren

Von Frank van Bebber

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dpa

Studiengebühren schrecken Studenten nicht ab, Länder ohne Campusmaut sind "Verlierer". Das folgert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung aus einer verwegen verkürzten Studie. Indes: In der Studie geht es ausschließlich um Medizinstudenten - was das Institut lieber nicht erwähnt.

Studiengebühren vertreiben, so heißt es in einer neuen Studie, nur wenige Studenten aus ihrem Heimat-Bundesland. Und die, die gehen, sind ohnehin die schwächeren Abiturienten. Für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin steht darum fest: "Gebührenfreie Länder sind doppelte Verlierer." Allerdings ist die Wahrheit auch nach Ansicht der Forscher weit komplizierter, als sie in ihrer am Mittwoch veröffentlichten Pressemitteilung verraten.

Die gebührenfreundliche Zusammenfassung für die Medien dürfte Wissenschaftsminister der Gebührenländer erfreuen. Kernaussage: Die Campusmaut wirke kaum abschreckend. Sie reduziere die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein Studium in seinem heimatlichen Bundesland aufnehme, nur von 69 auf 67 Prozent. Wandere überhaupt jemand ab, seien es schlechtere Abiturienten. Bewerber mit Top-Noten von 1,0 bis 1,5 blieben dagegen trotz Gebühren.

Das DIW urteilt darum: Länder mit Studiengebühren profitierten doppelt. "Sie erhalten zusätzliche finanzielle Mittel, mit denen sie eine bessere Hochschulqualität finanzieren können und binden Studenten mit besserer Abitur-Note."

"Die Studenten" sind in Wahrheit ausschließlich angehende Ärzte

Herausgefunden haben die DIW-Forscher dies mit Daten aus der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) für die Jahre 2002 bis 2008. Die ZVS allerdings vergibt nur noch in wenigen Fächern die Plätze. Ein Blick auf eine ausführlichere Darstellung der Studie auf der DIW-Internetseite zeigt rasch: Die Forscher beziehen sich ausschließlich auf Bewerber für Medizin und Zahnmedizin.

Das DIW allerdings trifft seine Aussagen anschließend so allgemein, als ob sich Bewerber für Soziologie oder Romanistik, E-Technik oder Maschinenbau nicht anders verhalten könnten als angehende Ärzte. Naheliegende Einwände wurden ausgeklammert: etwa, dass Berufspläne in Medizinerfamilien bei weitem häufiger gleichsam dynastisch vererbt werden als etwa bei Geisteswissenschaftlern. Oder die finanzielle Lage von Medizinstudenten im Vergleich zu Studiosi anderer Fächer.

Hinzu kommt, dass nur die 20 Prozent Abiturbesten im ZVS-Verfahren überhaupt die Chance haben, dass ihnen ihr Ortswunsch erfüllt wird. Ein Studium nahe dem Elternhaus ist für die Bestplazierten also viel eher möglich. Wer dagegen nicht zum besten Fünftel der ZVS-Bewerber zählt, hat keine Aussicht, dass seinen Ortswunsch berücksichtigt wird und muss sich verschicken lassen - worauf die Autoren nicht eingehen.

Auch in anderen Punkten erscheinen die gebührenfreundlich präsentierten Ergebnisse der Studie weit weniger eindeutig - selbst in den Augen der Autoren. In einem Interview für eine DIW-Publikation lässt eine der Forscherinnen durchblicken, dass hinter dem Gute-Noten-Effekt auch ein gut situiertes Elternhaus stecken könnte. "Man kann annehmen, dass gute Noten mit einem hohen Einkommen der Eltern korreliert sind", so Katharina Wrohlich. Die Gebühren könnten Top-Bewerber nicht nur weniger abschrecken, weil diese sich bessere Jobchancen ausrechneten, sondern weil gute Studenten von Stipendien profitierten - und gerade Stipendien erreichen überproportional oft Sprösslinge aus wohlhabendem, akademischen Elternhaus.

Studie mit blindem Fleck

Wrohlich räumt zudem ein, die Studie habe einen blinden Fleck. Sie erfasst nämlich nur jene Abiturienten, die sich zu einem Studium entschlossen haben. "Es könnte ja sein, dass Studiengebühren den Effekt haben, dass sie Studienberechtigte generell von einem Studium abhalten", sagt sie. Dies aber ist der Kernstreitpunkt zwischen Gebührenfans und Gegnern, ebenso wie die Frage, ob das Elternhaus dabei entscheidend sei. Auf die Frage, ob gebührenfreie Länder denn nun mit Studiengebühren besser dran wären, antwortet die Autorin dann im DIW-Interview: "Den Schluss kann man nicht ziehen."

Als Mittel gegen unerwünschte Wanderungsbewegungen empfehlen die Autorinnen der Studie den gebührenfreien Ländern in der Pressemitteilung eine "Landeskinder-Regelung", bei der nur landesfremde Studenten Gebühren zahlen müssten. Spätestens hier aber dürften auch die Minister der Gebührenländer ihre Sympathie für die DIW-Studie verlieren. Ein solches Konzept, bei dem bezahlt, wer von außerhalb kommt und in einem Land ohne Campusmaut studiert, gilt allerdings als verfassungsrechtlich heikel. Länder, die darüber nachdachten (etwa Rheinland-Pfalz und Bremen) haben es darum längst zu den Akten gelegt.

Eine andere Form des Ausgleichs wäre die Regel "Geld folgt Studenten", und die ist ebenso unwahrscheinlich. Sie würde bedeuten, dass etwa das Gebühren-Land NRW für Gebührenflüchtlinge an zum Beispiel das gebührenfreie Berlin Geld überweisen müsste. Aber nichts wollen die Gebührenländer weniger als ein solches Ausgleichsmodell, wie es Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner im Namen der SPD-Länder immer wieder ins Spiel bringt.

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Wenn im Gegenzug die Progression bei der Einkommensteuer abgeschafft wird, ließe sich sicher darüber reden. Wenn die Einkommensteuer auf eine Pro-Kopf-Basis umgestellt würde, dann würde ich das sogar aktiv unterstützen. Das [...] mehr...

03.12.2009 von Stramonium:

Die beste Lösung wäre es, wenn alle, die Studiengebühren fordern und früher "umsonst" studieren durften, nun nachträglich und verzinst Gebühren für ihr eigenes Studium nachahlen müssten. Das würde den Bildungsetat [...] mehr...

23.11.2009 von fritzul: Studiengebühren einst und jetzt

Mein Vater musste für meinen Schulbesuch noch Schulgeld zahlen. Vor 60 Jahren war es klar, dass ich anschließend auch Studiengebühren zahlen musste. Eine Vorstellung von der Höhe erhält man daraus, dass die Studiengebühren [...] mehr...

21.11.2009 von Rainer Daeschler:

Das ist immer mit Vorsicht zu genießen. Ankündigungen von Bafög-Beträgen gehen oft mit der Streichung von Zulagen-Posten und Einengung des Bezieherkreises einher. Dann ist da noch der große Kreis der Studenten, wo die Eltern [...] mehr...

21.11.2009 von namlob:

Um das zu vermeiden, werden die Bafög-Beträge ja angehoben. Wieso können Kinder des Prekariats kostenfrei einen Kindergarten besuchen? Dort wird doch Auswahl getroffen!! mehr...

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