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09.12.2009
 

Studienfach Techno-DJ

Heiße dänische Nächte in Berlin

Von Sonja Pohlmann

Studienfach Techno: Schnell, laut, heiß
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2. Teil: Kein Partystudium: "Wir suchen Künstler, die sich weiterentwickeln wollen"

Bewerber, die elektronische Musik nur von ihren Clubbesuchen kennen, die denken, dass sie am DIEM den Tag zur Nacht machen können und am Ende dafür auch noch einen Hochschulabschluss bekommen, haben ohnehin keine Chance. "Wir suchen nach Leuten, die schon Künstler sind und sich in ihrer Originalität noch weiterentwickeln wollen", erklärt Siegel. Zwar werde jeder Musiker von diversen, bereits vorhandenen Stilen beeinflusst, doch sollten die Bewerber fürs DIEM einen eigenen Sound mitbringen. "Sie müssen die üblichen Regeln brechen und die Grenzen des Elektro herausfordern."

Im Studium geht es dann darum, diese Fähigkeiten zu perfektionieren. Wichtiges Fach dafür: Ausprobieren. Nur etwa zehn feste Unterrichtsstunden haben Manu und seine Kommilitonen pro Woche. Dazu gehört beispielsweise ein Seminar zur Studio- und Sound-Technik, wo es darum geht, wie Stücke optimal aufgenommen, zusammengeschnitten und abgemischt werden. Eine Stunde pro Woche gibt es Geschichtslektionen - die ersten Instrumente für elektromechanische Musik, das Dynamophon etwa, wurden vor rund 100 Jahren erfunden.

Im vierten und fünften Semester stehen Kurse zum "Music Business" auf dem Plan; schließlich sollte, wer später einmal Produktionen managen will, wenigstens eine Idee von Buchhaltung und Marketing haben. Ebenso gelehrt wird "E-Musik-Pädagogik und Kommunikation" - eine Vorsichtsmaßnahme: "Auch wenn viele Studenten am liebsten als Solokünstler arbeiten würden, sollten sie doch zumindest ein Grundwissen darüber haben, wie sie andere Menschen in Musik unterrichten können", sagt Siegel.

Soundfrickler haben keine Jobgarantie

Die Absolventen des DIEM teilen das Schicksal anderer Studenten kreativer Fächer: "Man schlägt nicht eben mal die Zeitung auf und findet eine passende Stellenausschreibung", sagt Siegel. Eine pure Künstlerkarriere ist eher selten, deshalb müsse sich jeder seinen eigenen Weg suchen, beispielsweise als Musikproduzent, Audio-Ingenieur oder Designer von Musik für Filme, Werbung oder Videospiele.

Der Däne Peter Dahlgren hatte es - bisher zumindest - nicht nötig, auf solche Nebengleise auszuweichen. Im Sommer hat er seinen Master gemacht, er ist einer der drei ersten Absolventen des Studiengangs und tritt unter dem Namen Puzzleweasel mit seiner experimentellen elektronischen Musik auf.

Auch beim AB.C, dem Aarhus Berlin Crush im Berliner Berghain spielte er schon. Gut 600 Kilometer trennen die dänische Stadt von der deutschen Metropole, und doch sind die Studenten aus Aarhus eng mit der dortigen Elektro-Szene verknüpft. Es ist eine fast zwangsläufige Bindung - immerhin ist Berlin Wallfahrtsort der Techno-Jünger. Auch Manu Grünberg pendelt zwischen Aarhus, mit 240.000 Einwohnern die zweitgrößte dänische Stadt, und der deutschen Kapitale mit ihren 3,4 Millionen Einwohnern.

Verliebt in dänische Tage und Berliner Nächte

"Ich brauche beide Städte für meine Kreativität", sagt Grünberg. Aarhus sei für ihn der Tag, Berlin die Nacht. "Verliebt bin ich in beide", sagt er. Diese Hingabe inspirierte ihn, die Mitglieder von Notic Nastic und deren Manager Ion Kaiser zur AB.C-Partyreihe - einen Crush haben heißt: verknallt sein.

Die Stadt Aarhus unterstützt die Projekte der jungen Techno-Künstler, sind sie doch eine großartige Möglichkeit, sich als Hort der Avantgarde einen Namen zu machen. Vor zwei Jahren hat die Kommune das Programm "Electronic Music Aarhus" ins Leben gerufen; es soll die Musik aus der dänischen Stadt weltweit bekannt machen. Von den 50.000 Euro, die bis zum vorläufigen Auslaufen des Projekts Ende 2009 ausgegeben werden sollen, wurden allein 12.000 Euro für den Aarhus Berlin Crush zur Verfügung gestellt. Auch die dänische Botschaft in Berlin hat das Projekt gefördert, so dass Reisen, Unterkunft und Verpflegung der dänischen Künstler in Berlin ebenso finanziert werden konnten wie die geeignete Örtlichkeit, der berühmte Berghain. Im November hatte die Kooperation einen neuen Höhepunkt: Bei den Worldtronics, einem viertägigen Festival für elektronische Musik im Berliner Haus der Kulturen der Welt, bestritt der AB.C am 25. November den Eröffnungsabend.

Ein Leben zwischen DJ-Pult und Hörsaalbank

Im ständigen Wechsel zwischen Partyleben in Berlin und Uni-Alltag in Aarhus liegt eine der größten Herausforderungen für die Studenten der Techno-Uni. "Die beiden völlig verschiedenen Lebensstile sind dauerhaft nur sehr schwer zusammenzufügen", erzählt Heidi Mortenson. Berlin sei "Rock 'n' Roll", nebenbei müsse sie sich als Chefin ihres eigenen Labels um Plattenverkauf, Auftritte und Marketing kümmern. In Aarhus wiederum warten Seminare, Workshops und Dozenten, die auf die pünktliche Abgabe von Essays pochen.

"Kaum hat man sich wieder an das eine Leben gewöhnt, wechselt man wieder ins nächste, das hat mich fast verrückt gemacht", sagt die 34-Jährige. Immer öfter blieb sie einfach in Berlin - die Uni drohte, sie aus dem Studiengang zu verweisen. Der Ehrgeiz siegte, Heidi Mortenson ist mittlerweile nach dem Bachelor- im Masterstudium. Der Kompromiss: Zwei Wochen am Stück geht sie zur Universität, dann macht sie wieder einen Monat Pause.

Auch Manu Grünberg ist nur eine Woche pro Monat in Aarhus, übernachtet zum Preis eines selbstgebackenen Schokokuchens bei Freunden, die restliche Zeit verbringt er in Berlin, vor allem, um im Studio zu arbeiten. Eben weil die Studenten am DIEM nur zehn Stunden Seminare in der Woche absolvieren müssen, gilt es, viel selbständig zu arbeiten - sie sollen ja ihre Kunst entwickeln. "Wenn ich einen guten Flow habe, dann produziere ich drei bis vier Tracks pro Woche", sagt Grünberg.

Bei einer der nächsten Crushpartys will er auf der Bühne stehen und die Menge ins Schwitzen bringen. Wenn das gelingt, honorieren das auch die Dozenten. Sie kommen gern nach Berlin, um zu überprüfen, wie sich der Nachwuchs denn so schlägt in den heißen Techno-Nächten.

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