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19.10.2009
 

Uni der Weltretter

Mit Grips gegen Kriege, Krisen, Katastrophen

Von Karsten Lemm

Allesblicker: Studenten arbeiten an der Rettung der Welt
Fotos
Karsten Lemm

Wenn globale Desaster die Menschheit überfordern, schlägt die Stunde der Studenten der "Singularity University". Im kalifornischen Silicon Valley sollen die Besten der Besten lernen, wie man die größten Weltprobleme lösen kann.

Wieder so ein Tag, an dem der Wecker unverschämt früh Alarm geschlagen hat - aber wer die Zukunft miterfinden will, darf sie nicht verpennen. Und so ist Justyna Zander auch an diesem Morgen wieder vor der Sonne aufgestanden, hat sich Kaffee gekocht, um sechs Uhr mit Deutschland telefoniert und sich dann, ohne Frühstück, auf ihre eigentliche Aufgabe gestürzt: die Welt zu verbessern. Das Schicksal von einer Milliarde Erdenbürgern zu erleichtern.

Das ist der Plan, nichts Geringeres wird von ihr gefordert an dieser neuen Hochschule im Herzen des Silicon Valley: der Singularity University. Und alles andere wäre der 29-Jährigen auch viel zu einfach.

"Ich habe mein Gehirn, ich habe mein Wissen, und das habe ich nicht für meinen Doktortitel angesammelt", sagt die gebürtige Polin, "sondern weil ich es anwenden will - damit es sich positiv auswirkt." Zander gehört zu einer Truppe von 40 Auserwählten aus aller Welt, die von Juni bis August am ersten Kurs der Singularity University teilnehmen durften. Eine strenge Jury hatte die Klügsten und Kreativsten aus mehr als 1200 Bewerbern herausgepickt: Jungunternehmer, Nachwuchspolitiker, Wissenschaftler wie Justyna Zander vom Fraunhofer-Institut in Berlin; sie ist dort Spezialistin für Computersimulationen.

An diesem Morgen brütet Zander mit ihrer Arbeitsgruppe namens "Xidar" in einem Raum voller Laptops, Cola-Dosen, Notizblöcken und Verlängerungsstrippen über einem Konzept für blitzschnelle Hilfe bei Naturkatastrophen. Wie kann man erreichen, dass Handys auch dann noch funktionieren, wenn alle Netze zusammenbrechen? Zum Beispiel nach einem Erdbeben oder Tsunami, wenn jede Sekunde zählt?

"Die Atmosphäre ist voll kreativer Energie"

Darum geht es in der Singularity University: um komplexe Probleme, die das begrenzte Menschenhirn kaum noch erfassen kann - zu schnell dreht sich die moderne Welt, zu unübersichtlich wirken unterschiedlichste Einflüsse aufs Geschehen ein. Daher der Name der Uni: Als "Singularität" bezeichnen Zukunftsforscher den Punkt, an dem Fortschritt so schnell abläuft, dass unser Intellekt überfordert ist.

"Ob Sie sich den Klimawandel oder die globale Finanzkrise anschauen", sagt Uni-Direktor Salim Ismail, "alles entwickelt sich exponentiell." Deshalb will seine Hochschule, die unter anderem von Google Startkapital bekam, "eine neue Generation von Führungspersönlichkeiten heranbilden, die Technologien zu nutzen weiß, um globale Probleme zu lösen."

Simon Daniel ist so ein Vordenker: Der 38-jährige Brite erfand Batterien, die sich am USB-Anschluss von Laptops wieder aufladen lassen, leitet seine eigene Firma, Moixa, und sieht die Zeit in Kalifornien fast als Urlaub. Im Sommer, sagt er, sei in Europa sowieso nicht viel los; das Programm des Kompaktstudiums dagegen ist dicht gepackt mit Projektarbeiten und Vorträgen. An manchen Tagen kommen sechs Gastdozenten. Es geht um Nanotechnologie, Bio-Engineering, Künstliche Intelligenz, alles Disziplinen, die sich rasend schnell entwickeln und immer wichtiger werden für die Menschheit und ihr Schicksal.

"Es ist phantastisch, all diese Experten zu treffen, die Atmosphäre ist voll kreativer Energie", schwärmt Daniel, "es könnte wirklich etwas Tolles daraus entstehen." Den Stundenplan empfand er als Verwöhnprogramm: Auf dem nahen Nasa-Areal durfte er im "Vertical Motion Simulator" für ein paar Sekunden im leeren Raum schweben und bei IBM, ein paar Meilen weiter, am Elektronenmikroskop die Buchstaben "SU" aus Atomen formen. Für all das nimmt der Brite hohe Studiengebühren in Kauf: 25 000 Dollar verlangt die Uni, Unterkunft und Verpflegung inbegriffen; dafür hat er seinen Spartopf für Patent-Anmeldungen geplündert.

Allein kann niemand die Welt verändern

Einige Studenten, auch Justyna Zander, bekamen ein Stipendium, das alle Kosten deckt. Nun, am Ende des Bildungssommers, bereiten sich Zander, Daniel und die anderen Team-Mitglieder darauf vor, ihre Arbeitsergebnisse bei einer Veranstaltung im Nasa-Auditorium zu präsentieren. Das Publikum bekommt die Ideen aller Projektgruppen zu sehen: Häuser, die mit Hilfe neuartiger 3-D-Drucker in wenigen Stunden aus dem Boden wachsen könnten; Autos, die sich Privatleute untereinander vermieten, damit sie effizienter und im Sinne der Umwelt genutzt werden; ein mobiles Internet für Entwicklungsländer; und natürlich die "Xidar"-Handys, die auch dann noch funktionieren, wenn nach einer Naturkatastrophe sonst nichts mehr geht.

"All diese Projekte haben enormes Potential", lobt Ray Kurzweil, Erfinder, Autor ("The Singularity is Near") und Mitgründer der Uni. "Ich bin sicher, in der einen oder anderen Form werden sie Wurzeln schlagen." Ohnehin soll all das ja nur der Anfang sein: Im nächsten Sommer will die Uni, wie jedes erfolgreiche Start-up im Silicon Valley, expandieren und nicht nur 40, sondern 120 Studenten aufnehmen.

"Wir können hier auf die Besten der Besten zugreifen", sagt Justyna Zander. "Wir alle werden das ausnutzen, wir alle haben Visionen, und wir werden in Kontakt bleiben, vielleicht für immer." Schließlich kann niemand allein die Welt verändern, aber gemeinsam? - Ist alles möglich. Denn Grenzen, hat Zander in Kalifornien gelernt, "Grenzen gibt es nur im Kopf".

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insgesamt 15 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.12.2009 von Diomedes: Der Krieg ist aller Dinge Vater, aller Dinge König.

Ei, diese überschlauen Jammerlappen wollen mit dem Krieg streiten? Man darf gespannt sein ob es ihnen gelingen wird den Wahrspruch Oswald Spenglers Lügen zu strafen: "Damit aber tritt der englisch-preußische Gegensatz in den [...] mehr...

15.12.2009 von tylerdurdenvolland: ...

Wenn ich das richtig sehe, obwohl mir dabei ein wenig die Spucke wegbleibt, dann schreiben sie dieses aus Moskau? Danke für diesen Beitrag zur allegmeinen Erheiterung.... mehr...

14.12.2009 von opag78: Dtl. ist Mittelmass

Die meisten der Beitraege zeigen wieder deutlich : Dtl. ist eine neidzerfressende Gesellschaft des Mittelmasses. Wenn sich kluge Koepfe zusammensetzen und einfach mal denken, dann wird das in Dtl. in beklatscht, sondern als [...] mehr...

14.12.2009 von tylerdurdenvolland: ...

Sie haben recht, wenn es nicht immer gar so ärgerlich wäre, könnte man lauthals darüber lachen. "Spiegel" halt... Es ist leider wesentlich schwieriger eine bessere Batterie zu erfinden, als einfach nur die genau [...] mehr...

14.12.2009 von Anderswelt:

Die eigentliche Frage ist doch nicht "Schaffen diese Leute/Weltenverbesserer/Technokraten/Besserwisser es, etwas zu erreichen, was auch mit der Realität vereinbar ist?" - sondern vielmehr - "Schaffen sie es, bevor [...] mehr...

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Raymond Kurzweil, 61, ist Unternehmer und Erfinder u.a. des ersten Schrift-Sprache-Lesegerät für Blinde, des ersten Text-Sprache-Synthesizers und des ersten CCD-Flachbettscanners. Er ist Träger der National Medal of Technology, träumt von sich selbst verbessernden Maschinen und schrieb darüber in "The Singularity Is Near: When Humans Transcend Biology".

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