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08.12.2009
 

Herumdoktern am Bachelor

"Wir haben zwei Studentengenerationen verschlissen"

Protestierende Studenten (in Leipzig): In sechs Semestern zum Abschluss getriebenZur Großansicht
AP

Protestierende Studenten (in Leipzig): In sechs Semestern zum Abschluss getrieben

Professoren haben überall in Deutschland neue Studiengänge erfunden und eingeführt. Jetzt wettert ihr oberster Vertreter gegen die Bachelor-Misere: zu kurz, zu verschult und zu speziell, sagt Bernhard Kempen, Präsident des Hochschulverbandes - und er ruft auf zum Boykott der Bachelor-Bürokratie.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kempen, endlich reagiert die Politik. Es soll künftig weniger Prüfungen im Bachelor geben. Zuständig dafür sind Akkreditierungsagenturen, eingesetzt vom Akkreditierungsrat, sie sollen teils verkorkste Stopf-Studiengänge reformieren. Was halten Sie davon?

Bernhard Kempen: Nichts. Die Akkreditierungsagenturen sind mitschuld an der mangelnden Studierbarkeit - und die Kultusminister wollen sie nun damit beauftragen, genau diese zu überwachen. Da wird der Bock zum Gärtner gemacht. Wir fordern die Politik auf, den Akkreditierungszwang abzuschaffen. Diesen Unsinn brauchen wir nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen? Die Mitglieder ihres Verbands, die Professoren, machen machen doch den Löwenanteil der Mitglieder in den Akkreditierungsagenturen aus!

Kempen: Wir werden uns ab jetzt wirksam verweigern. Wir empfehlen unseren Mitgliedern, dass sie ihre Arbeit im Akkreditierungsrat und in den -agenturen niederlegen. Da wird letztlich das Geld verpulvert, das den Studenten zugute kommen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Akkreditierer weg sind, können die Professoren wieder machen, was sie wollen. Das hatten wir fast 40 Jahre lang.

Kempen: Nein, wir wollen keine unumschränkte Freiheit. Wir sagen erstens: Gebt denen die Hoheit über den Bachelor zurück, die sich am besten auskennen mit dem Studium, den Professoren. Die sollen studierbare Studiengänge draus machen. Und zweitens: Lasst die Hochschulen selbst ein Instrument der Qualitätssicherung aufbauen. Da sollten dann auch Studenten mit drin sitzen.

SPIEGEL ONLINE: Worauf sollten die Professoren und die Studierenden beim neuen Bachelor achten?

Kempen: Erstmal ist wichtig, dass die Politik jetzt endlich innehält. Man muss nicht auch noch den letzten Studiengang auf Bachelor bürsten. Wir haben schon zwei Generationen von Studenten im Bachelor verschlissen. Jura und Medizin sollten außen vor bleiben. Und den Diplomingenieur sollten wir unbedingt wieder einführen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie sollen die missratenen Bachelor-Studiengänge wieder erträglicher gestaltet werden?

Kempen: Weniger Arbeitsbelastung und insgesamt zwei Semester mehr Zeit. Wir sollten unbedingt auch die Mobilität der Studierenden wieder verbessern. Ins Ausland gehen die Studenten nämlich nicht mehr, Erasmus ist am Ende.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das so?

Kempen: Wir waren praktisch gezwungen, einzigartige Studiengänge zu entwerfen. Die Vorsitzenden der Akkreditierungskommissionen fragten immer: "Was ist denn Ihr Alleinstellungsmerkmal?" Man hat mit dem Bachelor lauter Spezialstudiengänge installiert. Es war teilweise nicht mal mehr möglich, von Bonn nach Köln zu wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte das alles eigentlich passieren? Immerhin haben doch Ihre Professoren die Bachelor-Studiengänge gebaut?

Kempen: Ja, aber nur formell. Wir hatten engste Vorgaben. Die Kultusminister haben beschlossen, dass ein Bachelor in der Regel sechs Semester dauern soll - und die Akkreditierungsagenturen haben das genau überwacht. Wir Professoren konnten das nur noch ausführen. Wir hatten keine Freiheit mehr.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal Artikel 5 der Verfassung gelesen? Er macht sie fast exklusiv zu den Trägern der Freiheit von Forschung und Lehre. Niemand kann ihnen Vorschriften machen.

Kempen: Wir haben Artikel 5 nicht nur gelesen, sondern sogar geklagt vor dem Bundesverfassungsgericht, dass die Bachelorreform unsere Lehrfreiheit verletzt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dann passiert?

Kempen: Das Verfassungsgericht hat die Klage zurückgewiesen mit dem Hinweis, dass die Lehrfreiheit des einzelnen Professors dort beschränkt werden darf, wo der Gesetzgeber ein ganzes Studiensystem auf Bachelor und Master umstellen will. Das bedeutet, wir Professoren bestimmen die Inhalte eines Studiums. Aber die Menge, die Arbeitsbelastung und die Dauer des Studiums, das hat man uns alles diktiert. Man hat uns die Lehrfreiheit weggenommen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Kultusminister die Architekten des Bachelors sind und die Akkreditierungsräte die Bauingenieure, was sind die Professoren beim Bachelor-Umbau dann?

Kempen: Wir waren die Hilfsarbeiter. Wir hatten das auszuführen, was die gesagt haben. Deswegen müssen Kultusminister, Akkreditierungsrat sowie die Hochschulrektoren aufhören, den Schwarzen Peter hin- und herzuschieben.

Das Interview führte Christian Füller

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Zur Person

DPA
Bernhard Kempen, 49, ist Präsident des Deutschen Hochschulverbands (DHV)

Der Kölner Juraprofessor ist Experte für Völker- und ausländisches Recht. Der DHV vertritt die rund 18.000 Universitätsprofessoren. Kempen ist seit Jahren ein Kritiker der Bologna-Reform im deutschen Hochschulwesen.

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