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31.12.2009
 

Fachmagazine selber machen

"Wer nur studiert, bekommt ein Problem"

Von Max Haerder

All die Mühe, die Nächte in der Bibliothek - und dann landen Seminararbeiten in der Schublade. Das muss doch nicht sein: Es ist publistische Gründerzeit an den Unis, nach dem Motto "Zitier dich selbst" veröffentlichen Studenten in eigenen Fachmagazinen. Das übt und verschafft lohnende Kontakte.


Eigentlich hatte Stefan Collet sich zufrieden zurückziehen und auf den ersten Job konzentrieren wollen, aber nun steckt er doch noch einmal mittendrin, er kann nicht anders. Es ist ja immer noch sein Projekt. Und am 8. Dezember soll einfach alles perfekt werden.

"360°", das Uni-Journal, das er mit einigen Freunden, allesamt Studenten, 2005 in einer Münsteraner WG-Küche ins Leben rief, wird dann im bundesweiten Wettbewerb "Land der Ideen" prämiert. Collet und Kollegen stehen mit ihrer Zeitschrift in einer Reihe mit dem Jüdischen Museum Berlin oder der Berliner Charité, die den Preis von Bundesregierung, Deutscher Bank und BDI schon entgegen nehmen durften. "Diese Auszeichnung", sagt Collet, "ist schon eine dicke Nummer. Nach den vier Jahren sind wir alle stolz, was wir gemeinsam geleistet haben."

Also klemmt sich Collet täglich hinter das Telefon und tut, was er schon die letzten Jahre nebendem Studium für das sozialwissenschaftliche Fachmagazin 360° gemacht hat: Er sucht Sponsoren und Partner. Nicht wie früher für Druckereikosten und Werbeposter, sondern für eine anständige Feier. Die Uni Münster gibt ihr barockes Schloss für die Preisverleihung her, die Redaktion organisiert Podiumsdiskussion und Foto-Ausstellung. Es wird Reden geben, einen Projektfilm und Häppchen zum Empfang. Eine vierstellige Summe wird das kosten. Aber wenn schon, denn schon.

Publizistische Gründerzeit an den Hochschulen

"360º" ist Teil einer neuen publizistischen Gründerzeit - an deutschen Hochschulen. Sie heißen "Freilaw", "IR Journal", "StudZR", "Studere" oder "Bucerius Law Journal" - Uni-Zeitschriften, von Studenten gemacht und für Studenten. Keine der Postillen allerdings, in denen es um Mensa-Rankings, Praktika oder Partys geht. Die neuen Blätter wollen das wissenschaftliche Potenzial ihrer Kommilitonen nutzen. Denn für intelligente Aufsätze, Haus- und Seminararbeiten gab es bislang kaum geeignete Plattformen. Das ändert sich mit den studentischen Journalen. Verstauben war gestern.

Die Macher von "360°" warben einige Zeit mit dem Slogan "Zitier' dich selbst!" Das Heft - Untertitel: Das studentische Journal für Politik und Gesellschaft - ist ein besonderer Fall, denn Studenten aus mehr als einem halben Dutzend Universitätsstädten arbeiten regelmäßig mit. Sonst sind die Journale eher an einer Uni konzentriert. Gründer Stefan Collet, der Politik und VWL in Marburg und im südafrikanischen Stellenbosch studierte, arbeitete selbst in der Redaktion und im Marketing und saß zwei Jahre im Vorstand des tragenden Vereins.

Praxiserfahrung selbst gemacht

Dank Internet, Telefon, einem eigenen Redaktions-Wiki und vielen selbst bezahlten Bahnreisen wird das Magazin nicht nur in der halben Gelehrten-Republik verkauft, sondern auch überall bearbeitet. Bei Auslieferung jedes Heftes - zweimal im Jahr 2500 Exemplare Auflage für 3,60 Euro pro Stück - liegt dann eine Menge Arbeit hinter den Jung-Publizisten.

Es ist eine sehr lehrreiche Arbeit: Die fast 40 Mitarbeiter fahnden nach griffigen Oberthemen für die neue Ausgabe, redigieren eingereichte Artikel, stimmen das Layout ab und kümmern sich um Interviews. Gleichzeitig müssen sie Druckereiverträge aushandeln, Verkaufsstände und Werbeaktionen organisieren. Um die Kosten im Griff zu halten, werden Pakete mit frisch gedruckten Ausgaben schon mal am Münsteraner Bahnhof Kollegen auf der Durchreise in den Zug gehievt, um billig die anderen Uni-Standorte zu beliefern. Alles für den Anspruch, bundesweit die besten Studenten als Autoren zu gewinnen.

Der Berliner Politikprofessor Thomas Risse, Mitglied des wissenschaftlichen Kuratoriums von "360°", ist jedenfalls jedes Mal aufs Neue begeistert, wenn ihn die aktuellste Ausgabe erreicht. "Wer nur studiert, bekommt ein Problem", meint Risse. "Der Praxisschock schlägt dann eben später zu."

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