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28.01.2010
 

Rechtsextreme an der Uni

Braune Biedermänner

Von Ina Brzoska

Braune Gestalten an der Uni: Rechte im Schafspelz
Fotos
dpa

Rechtsextreme an deutschen Unis geben sich bieder, brav und konservativ. Doch wie lässt sich verhindern, dass die Rechten an den Hochschulen auftrumpfen? Der Fall eines Studenten in Magdeburg zeigt, wie hilflos Kommilitonen und Professoren der Gefahr begegnen.

Unter den hinteren Bänken sind Tomaten versteckt. Viele Augenpaare fixieren die Eingangstür zum Hörsaal. Das Politikseminar der Universität Magdeburg ist gut besucht an diesem Oktobermorgen, besser als sonst, wie Dozent Reinhard Wesel spöttisch bemerkt.

Alle warten auf Matthias Gärtner, Mitglied der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der rechtsextremen NPD. Die rund 400 JN-Anhänger glauben unter anderem an den unterschiedlichen Wert verschiedener Volksgruppen und plädieren für eine "Ausländerrückführung". Heute will der 25-jährige Student der Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie darüber referieren, wie Demagogen mit symbolisch aufgeladenen Worten und Handlungen die Massen manipulieren.

Doch aus dem Referat wird nichts. Als Gärtner das Lehrgebäude betritt, klatscht blaue Lackfarbe neben ihm auf, er wird von Spritzern getroffen. Fünf Vermummte aus der Antifa-Szene drängen durch den Eingang, versprühen zusätzlich Reizgas. Gärtner reibt sich seine tränenden Augen, geht zum Seminarraum und meldet sich - unter Verweis auf die Farbe an seinem Mantel - beim Dozenten ab.

Reinhard Wesel ist sauer. "Man kann den Faschismus nicht bekämpfen, indem man selbst faschistische Methoden anwendet", klagt er. Bereits vor dem Seminar hatte er E-Mails von Studenten bekommen, sie fragten, ob man den Auftritt Gärtners nicht verhindern könne. Doch Wesel bestand darauf; Gärtner habe das Recht, einen Schein zu machen. Und dafür müsse er Leistung bringen, sprich: ein Referat halten. Der Dozent hatte sich auf eine hitzige Debatte eingestellt. Doch die fällt nun aus.

Wie reagiert man auf den Vormarsch rechtsextremer Gruppen?

Die Episode in Magdeburg ist symptomatisch für ein Phänomen, mit dem derzeit mehrere Universitäten zu kämpfen haben: den Vormarsch rechtsextremer Gruppen und der Frage, wie man darauf am besten reagiert. Farbbeutel und Tränengas, da sind sich die meisten Studenten und Professoren einig, können nicht die Antwort sein. Doch was ist die Alternative?

Es ist das alte Dilemma: verbieten, bekämpfen, verjagen? Davon gehen die Neonazis nicht weg, sie werden nur unsichtbar - also gefährlicher. Sie auf die Bühne lassen, mit ihnen reden? Dann bekommen sie ein Forum, auf dem sie ihre toxischen Thesen in die Welt trompeten dürfen. Seit Monaten beobachten Verfassungsschützer an Unis wie Halle, Mainz oder Greifswald, dass die Jungnationalen zu Asta-Wahlen antreten und bei politischen Referatsabenden um Kommilitonen werben. Ist das der "Kampf um die Köpfe", den der NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt schon vor Jahren ausrief?

Wie viele junge Neonazis es genau sind, die ihre Propaganda in die deutschen Universitäten tragen, ist nicht bekannt. Klar ist, dass sie vorzugsweise sozial- oder geisteswissenschaftliche Fachrichtungen belegen und sich als Vordenker einer neuen, rechten Avantgarde geben. In Dresden hatte 2005 ein rechter Historiker etwa die "Dresdner Schule" ausgerufen, die die angebliche Dominanz der linken Frankfurter Schule brechen sollte.

Auf der Straße laut, an der Uni still und pünktlich

Wie der Magdeburger Aktivist Gärtner so tickt, lässt sich an einem Samstagmorgen beobachten, als er mit rund 350 Gleichgesinnten durch die Plattenbausiedlung in Halle zieht. Es ist eine Demonstration der Jungen Nationaldemokraten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Die Teilnehmer hissen schwarzrote Fahnen, einige tragen Palästinenserschal und schwarzes Skater-Käppi. Nach einigen Kilometern formieren sie sich zu einem Kreis und senken die Köpfe, um des verstorbenen NPD-Manns und Hitler-Verehrers Jürgen Rieger zu gedenken. Dann tritt Gärtner in die Mitte und ergreift das Mikrofon, er hetzt gegen das "korrupte System" und schimpft auf die "Stasi-verstrickte Linkspartei". Er trägt einen langen, dunklen Mantel und eine weiße Ordnerbinde, den linken Arm hält er hinter dem Rücken, mit der Rechten gestikuliert er, sein Zeigefinger zerteilt die Luft.

An der Uni ist Gärtner deutlich stiller, er kommt im Cordjackett, darunter ein gebügeltes Hemd, die Lederschuhe sind poliert. Er erscheint pünktlich zu Seminaren, wahrt die Regeln der Hochschule und pocht ansonsten aufs demokratische Recht des Andersdenkenden, wozu er gern Rosa Luxemburg zitiert. Seine Kommilitonen beschreiben ihn als Sonderling mit geschniegeltem Scheitel, Stiftemäppchen und Ledertasche; einen, der sich lieber in der letzten Reihe an den Kugelschreiber klammert, als sich an der Diskussion zu beteiligen.

Vor gut zwei Jahren trat Gärtner erstmals bei den Wahlen zum Studentenrat an, mit einer Hochschulgruppe namens "Studentische Interessen". Die Schar fordert eine Hochschule ohne Politik, sie will das Schwulen- und Lesben-Referat abschaffen und hetzt gegen ausländische Studierende.

Die Uni-Rechten unterhalten enge Kontakte zu den Jungnationalen, einige Personen sind in beiden Gruppierungen aktiv. Gärtner ist außerdem Bundesschulungsleiter der JN und stellvertretender NPD-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt. Im Juni dieses Jahres wurde er ins Magdeburger Rathaus gewählt, dort sitzt er nun als fraktionsloser Stadtrat etwas einsam am rechten Rand.

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insgesamt 137 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
21.02.2010 von JoyLuck: Extremismus an der Uni

gibt es auch in anderen Ländern. Leider ist Deutschland auf dem linken Auge praktisch blind. Braun wird direkt auch von Medien bekämpft ohne überhaupt Argumente zu prüfen. links läuft durch denn es sind die Gutmenschen. mehr...

14.02.2010 von Taraxacum: Demokratie fehlt in der Universitätsstruktur selbst

Ich habe nicht das Gefühl, dass Rechtsextreme an meiner Universität bald auftrumpfen könnten. Sicherlich gibt es Studierende mit einer rechtsextremen Einstellung, aber diese könnten wohl kaum irgendwelche Kampagnen starten, ohne [...] mehr...

01.02.2010 von mm173: ...

ich habe es gerade in der umgekehrten Version gesehen, da saß dieser bei Stern-TV & gab zu die NPD gewählt zu haben... mehr...

31.01.2010 von Frank Wagner: Argumente ?

Aber gern doch ! Wie die Geschichte zeigt landen die Leute sowohl unter den Rechten als auch unter den Linken im Lager. Ok, bei den deutschen Nazis wegen der Abstammung, das war aber in China, Russland, Kambodscha und und und [...] mehr...

31.01.2010 von Der Pragmatist: Von rechts nach links - grosse Gefahr

DER SPIEGEL sollte einmal gruendlich auf die Gefahren der Linksextremisten an den deutschen Unis hinweisen. Die linke Gefahr ist wahrscheinlich viel groesser als die rechte Gefahr. Pragmatist mehr...

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