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18.01.2010
 

Greifswalder Namensstreit

Jetzt wird's Ernst

Von Steffen Eggebrecht

Für manche ist er ein Regionalheiliger, für andere ein Judenhasser und Franzosenfresser: Ernst Moritz Arndt, Literat und bisher Namenspatron der Greifswalder Uni. Eine Studenteninitiative will Arndt loswerden, hat aber eine derbe Schlappe erlitten - eine knappe Mehrheit votierte pro Arndt.


Es riecht nach Wurstgulasch und Nudeln in der Greifswalder Mensa. Freitagmittag, knapp 200 Studenten vertilgen ihre Portionen. Geschichtsstudent Sebastian Jabbusch, 26, jagt durch die Reihen. Er legt Flyer auf die Tische, ein letzter Aufruf, noch zur Wahl zu gehen. Bis Freitag konnten die rund 12.000 Studenten der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald abstimmen, ob die Hochschule sich vom Namenspatron Arndt trennen soll.

Zwei Wochen Wahlkampf haben die Arndt-Gegner hinter sich. Sie klebten Plakate, betreuten den Infostand, motivierten Studenten. "Unsere Kraft neigt sich dem Ende", sagt Sebastian Jabbusch. Er ist Sprecher der 20-köpfigen Initiative "Uni ohne Arndt", die im vergangenen Jahr mehr als 1300 Unterschriften für eine Urabstimmung sammelte.

Doch am Ende hat sich die Mühe nicht ausgezahlt: Eine knappe Mehrheit der Greifswalder Studenten stimmte gegen eine Umbenennung und somit für den Erhalt des Namenspatrons Ernst Moritz Arndt. Zur Wahl gingen rund 23 Prozent der Studenten, eine ordentliche Beteiligung. 49 Prozent sprachen sich für die Beibehaltung aus, 43 Prozent dagegen; hinzu kommen Enthaltungen und ungültige Stimmen. Es sind nur 181 Stimmen Unterschied - eine knappe Mehrheit pro Arndt. "Für mich ist es ein Unentschieden", sagt Maria-Theresia Schafmeister, Professorin und Senatsvorsitzende. Das Ergebnis zeige, dass es weiterhin ein wichtiges Thema sei.

Zur Nazizeit als Namenspatron auserkoren

Arndt (1769-1860) war Schriftsteller und Historiker, stammt aus Pommern. In Greifswald studierte er Theologie und lehrte auch an der Uni. Kritiker bezeichnen ihn wegen seiner Rassenideologie und seines Fremdenhasses als frühen Vordenker des "Dritten Reichs", von Arndt sind zahlreiche judenfeindliche Zitate überliefert. Der Senat der Uni benannte - auf Antrag des örtlichen Leiters des deutschnationalen Frontkämpfervereins Stahlhelm - die Greifswalder Universität im Jahr 1933 auf Arndts Namen um.

Nach 1945 legte die Hochschule den Namen zwar ab, doch in der DDR wurde Arndt neu entdeckt und der Name 1954 wieder aufgenommen - wegen seiner Schriften gegen die Leibeigenschaft, als Kämpfer gegen den Feudalismus. Arndt-Befürworter fordern, den Schriftsteller im Rahmen seiner Zeit zu sehen und sein Denken nicht gleichzusetzen mit Nationalismus.

Ähnliche Namens-Nöte kennen auch andere Universitäten und Schulen. Nicht wenige sind benannt nach Judenhassern oder Kriegstreibern ersten Ranges, etwa die Westfälische Wilhelms-Universität Münster und die Ludwig-Maximilians-Universität München. Oder auch die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Luther war gewiss als christlicher Reformator von immenser Bedeutung, verfasste aber auch giftige Anti-Juden-Schriften, die später Nazi-Ideologen reichlich Munition lieferten.

Fragwürdige Namenspaten sind zum Beispiel auch Hindenburg, Peter Petersen, Carl Diem, Erich Hoepner, Max Kästner, Friedrich Flick, Klaus Riedel, Wernher von Braun - manche Schulen und Hochschulen haben sich nach längeren Debatten von solchen Namen verabschiedet, andere halten daran fest. Sind solche Namenspatrone heute wirklich noch als Vorbilder tragbar? Muss man sie tilgen oder im Lichte ihrer Zeit betrachten? Und wozu braucht man so ein Türschild überhaupt - hieße etwa die Ernst-Moritz-Arndt-Universität nicht besser schlicht Universität Greifswald, wie es die Arndt-Gegner fordern?

Arndt-Rezitation vor der Mensa

Dort sind die Studenten uneins. Susanne Völker, 21, stimmte für die Beibehaltung: "Die medizinische Ausbildung hat sich unter dem Namen als Marke etabliert", bei einem Wechsel müsste der Ruf erst wieder aufgebaut werden, so die BWL-Studentin. Geschichtsstudent Florian Haase, 21, stimmte ab. Er meint, die Uni solle die kritische Auseinandersetzung mit Arndt nicht scheuen. Andere Aspekte seien aber wichtiger: "Ein Namenspatron ist nicht unbedingt nötig, da dies nichts an der Studiensituation ändert."

Der Namensstreit schwelt an der Uni schon seit einem Artikel in der "Zeit" vor gut zehn Jahren. 2001 verlangten dann einige Professoren eine Auseinandersetzung mit dem Nationalisten Arndt - vergebens, die Uni behielt ihren Patron. Vor gut einem Jahr flammte die Debatte abermals auf.

Im Sommer 2009 sorgte Arndt-Gegner Jabbusch mit einer Protestaktion für einen kalkulierten kleinen Eklat, als er sich im Arndt-Kostüm vor der Mensa postierte und Textausschnitte von Arndt rezitierte - so antisemitische, franzosenfeindliche und deutschtümelnde, dass Passanten die Polizei riefen. Später votierten rund 1200 Studenten auf einer Vollversammlung fast einstimmig für die Ablegung des Namens.

Initiative will weitermachen

Ein klares Studenten-Meinungsbild bei der Urabstimmung hätte der Uni-Senat schwerlich ignorieren können. Doch dazu kam es nicht, überraschend auch für Studentenvertreter. Asta und Stupa hatten bereits Ernst Moritz Arndt gestrichen und führen nur noch den Namen Universität Greifswald. "Durch dieses Ergebnis müssten wir konsequenterweise den Namen wieder aufnehmen", so Asta-Vorsitzende Solvejg Jenssen. Darüber wolle man bald entscheiden.

Das Ergebnis der Urabstimmung ist nicht bindend für den Senat, der am 17. März eine Entscheidung treffen will - auf der Grundlage der Empfehlung einer Namenskommission, eingesetzt im vergangenen Jahr vom Senat. Darin sitzen sechs Historiker sowie vier Senatsmitglieder, darunter zwei Studenten. Eine Anhörung von Wissenschaftlern gab es bereits, am 20. Januar folgt eine öffentliche Anhörung zu außerwissenschaftlichen Aspekten. Konservative aus der Region kleben an Arndt, der Greifswalder CDU-Fraktionschef hatte die Debatte als "eher schädigend bezeichnet" - sonderbarer Zuruf inklusive: "Studenten sollten in erster Linie an ihr Studium denken".

Trotz des Ergebnisses der Urabstimmung machen die Arndt-Gegner weiter. "Die Pro-Arndt-Seite hat einen Punkt gemacht, doch entschieden ist bisher nichts", sagt Sebastian Jabbusch. Er sitzt auch im Senat und wird dort im März noch einmal für eine Umbenennung argumentieren. Durch die Mensa laufen werde er nicht mehr, sagt Jabbusch, doch "kämpfen wollen wir weiterhin für unser Anliegen".

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insgesamt 46 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
20.01.2010 von Johanna.1.15: ...

Mit anderen Worten: Ohne Arndt kein Auschwitz. Das ist frei aus der Luft gegriffen. Auch das: frei aus der Luft gegriffen. Die Judenverfolgungen im marxistischen Russland blenden Sie einfach aus. mehr...

19.01.2010 von Earendil77: ...

Ja, den Bogen kann man schlagen, aber deshalb wird Arndt nicht zum Nazi - diese Behauptung unterstellen nur Sie. Arndt war Vordenker einer Ideologie, die später für den NS von zentraler Bedeutung war. Nochmal: Arndt war [...] mehr...

19.01.2010 von Joachim Voß: .

Sie sollten nicht von sich auf Andere schließen! Nur weil Sie für die Umbenennung von Schulen und das Verschweigen von Tatsachen sind, bin ich es noch lange nicht. Ich habe z.B. auch keinen Abriss von Marx-Statuen gefordert. [...] mehr...

19.01.2010 von smartinus: Menschenwürde

Es geht hier nicht darum, Freund von irgendjemandem zu sein. Es geht darum, dass man Menschen nicht alleine aufgrund Ihrer Ethnizität oder Religion herabwürdigt. Antisemitismus macht genau das. mehr...

19.01.2010 von Pancho Villa: Guter Versuch

Das ist nun allerdings ein starkes Stück. Arndt wurde in der Tat wegen "Demagogie" von seinem Lehramt suspendiert, allerdings 1820 im Zuge der "Demagogenverfolgung" auf Basis der Karlsbader Beschlüsse. [...] mehr...

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