Annette Schavan: Eine so große Reform kann nur funktionieren, wenn die Studenten beteiligt werden. Deshalb bin ich erleichtert, dass in den Ländern und an den Hochschulen der Dialog über Korrekturen gut in Gang kommt.
SPIEGEL ONLINE: Sie finden Proteste richtig, die sich gegen Ihre Politik richten?
Schavan: Politiker müssen nicht jede Form von Protest richtig finden, um die Probleme dahinter zu erkennen. Wichtig ist: Wir bringen Korrekturen auf den Weg.
SPIEGEL ONLINE: Spät - zehn Jahre nach Beginn der Bologna-Reform, also dem Umbau hin zu Bachelor und Master. Warum brauchte es erst den Wutausbruch der Studenten?
Schavan: Warum reden Sie nie über die Zufriedenheit vieler Studierender und deren Initiativen pro Bologna-Prozess? Er hat Studenten Chancen eröffnet, das Angebot an Studiengängen attraktiver gemacht und die Mobilität zwischen Europas Universitäten verbessert.
SPIEGEL ONLINE: Widerspruch: Manche neue Studiengänge sind so speziell, dass man kaum von Bremen nach Hamburg wechseln kann. Dazu kommt der hohe Prüfungsdruck.
Schavan: Der Abbau von Spezialisierung und die Überprüfung der Prüfungskultur gehört zur Korrekturagenda der Hochschulen.
SPIEGEL ONLINE: Die Schuld liegt also bei den Unis?
Schavan: Nein, aber sie haben 1999 großen Wert darauf gelegt, den Bologna-Prozess eigenständig umzusetzen. Deshalb tragen sie jetzt gemeinsam mit der Politik auch Verantwortung.
SPIEGEL ONLINE: Professoren werfen Ihnen Heuchelei vor, weil Sie lange geschwiegen haben zu den Fehlern der Reform und jetzt den Studenten verständnisvoll zunicken.
Schavan: Wer das sagt, spielt selbst das Schwarzer-Peter-Spiel, das er mir vorwirft. Und mit Verlaub: Starke Sprüche sind noch kein konstruktiver Debattenbeitrag.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben also nichts falsch gemacht?
Schavan: Ich habe die Reform 1999 nicht eingeführt. Ich hätte es anders gemacht, und jetzt sorge ich dafür, dass Fehler behoben werden und realistische Bilanzen über die Umsetzung der Reform und der Korrekturen vorgelegt werden, zum Beispiel bei der Bologna-Konferenz am 12. April.
SPIEGEL ONLINE: Bisher führte Ihre Zusammenarbeit mit Ländern und Unis nicht dazu, dass die Bologna-Reform funktioniert. Warum soll es ab April anders laufen?
Schavan: Weil Konsens aller Akteure über den Korrekturbedarf besteht. Im Übrigen hat der Dialog schon in den vergangenen vier Jahren gut funktioniert, zum Beispiel beim Hochschulpakt und zahlreichen anderen gemeinsamen Initiativen. Davon profitiert auch die Lehre.
SPIEGEL ONLINE: Gute Studentenbetreuung lässt sich nicht durch mehr Forschung erreichen. Gerade an Massenunis fehlen Dozenten. Ihre Vorgängerin Edelgard Bulmahn von der SPD fordert ein Milliardenprogramm des Bundes für mehr Lehrpersonal.
Schavan: Ihre eigene Amtszeit hat sie dafür komischerweise nicht genutzt. Wir arbeiten an einem Mobilitäts- und Qualitätspakt, der die Betreuung verbessern wird. Der Bund wird seinen Anteil beisteuern. Es geht aber nicht nur um Professuren, sondern auch um Mentoren und Tutoren. Wir brauchen eine klügere Personalstruktur.
SPIEGEL ONLINE: Sie wollen ein neues Stipendiensystem, in dem leistungsstarke Studenten 300 Euro pro Monat bekommen - hälftig bezahlt von Staat und Wirtschaft. Warum erhöhen Sie mit dem Geld nicht das Bafög für alle, wie es die Grünen wollen?
Schavan: Das ist kein besonders kreativer Vorschlag. Zumal wir das Bafög im Herbst erhöhen werden und 2008 schon erhöht haben.
SPIEGEL ONLINE: Aber mit dem Stipendiengeld könnten Sie es um bis zu zehn Prozent erhöhen. Das würde allen bedürftigen Studenten helfen, nicht nur einer Elite.
Schavan: Was bitte ist elitär an einem Stipendienprogramm, das auf Leistung setzt und nicht auf Einkommen der Eltern oder Herkunft? Es gibt kein gerechteres Kriterium.
SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie Leistung messen? Abiturnote, Zwischenprüfung, Einzelnoten an der Uni?
Schavan: Nicht nur Noten oder IQ. Wie bei Stipendien der Studienstiftungen soll auch soziales Engagement zählen, kulturelle oder politische Arbeit.
SPIEGEL ONLINE: Bisher bekommen meist junge Menschen aus Akademikerhaushalten Stipendien - von denen ohnehin 83 Prozent studieren. Bei Arbeiterkindern sind es 23 Prozent. Der Verdacht liegt nah, dass Ihr Stipendiensystem in dem Bereich wenig bringt.
Schavan: Ganz falsch. Das System eröffnet eine neue Finanzierungsmöglichkeit neben dem Bafög. Das ist ein Anreiz für alle, die wegen Kosten vor dem Studium zurückschrecken.
SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie sicherstellen, dass auch soziale Kriterien zählen?
Schavan: Ich werde einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Stipendienvergabe durch die Hochschulen vorsieht. Die Studierenden werden sich das attraktivste Angebot suchen. Außerdem werden die Hochschulen die Gelder selbst einwerben. Nicht nur bei der Wirtschaft, sondern auch bei ehemaligen Studenten - da gibt es ein enormes Potential und die Möglichkeit, für die Studienfinanzierung einen Generationenvertrag einzugehen.
Das Gespräch führten Birger Menke und Oliver Trenkamp
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