Mit allen dreien studiere ich jetzt an der Sciences Po Paris auf dem Campus von Nancy. Hier bekommt der Begriff Muttersprache seine wortgetreue Bedeutung wieder - denn in den seltensten Fällen stimmen hier Mutter- und Vatersprache überein. Als deutscher Mutter- und Vatersprachler mit Grundkurs Französisch komme ich mir da manchmal vor wie ein Analphabet.
Am ärgsten fällt mir mein Defizit auf, wenn ich neue Leute kennenlerne. Nachdem die Personalien aufgenommen sind (Name, Alter, Herkunft), lässt eine Frage nicht lange auf sich warten: "Und wo warst du schon so, wie viele Sprachen sprichst du?"
Biografien wie Reisekataloge
Die internationale Ausrichtung der Uni führt dazu, dass sich die Biografien mancher Kommilitonen eher wie Reisekataloge lesen. Als Deutscher mit einem normalen deutschen Abitur fällt man hier auf. Viele haben deutsch-französische oder internationale Abschlüsse in der Tasche.
Die Studenten werden gut umsorgt. Gleich zu Anfang sollten möglichst schnell Fremdeleien zwischen Deutschen, Franzosen und allen anderen abgebaut werden. Zwei Einführungswochen hatte die Uni dafür reserviert, die gut 100 Erstsemester aus knapp 30 Ländern zu einer Gemeinschaft zu formen.
In dem Ferienhaus in den Vogesen bestand das Programm zu großen Teilen aus Schlammschlachten und Trinkwettbewerben. Für mich als ehemaligen Zivi war es die Chance, doch noch etwas Wehrdienst nachzuholen. Während sich eine Mannschaft kriechend und krauchend durch den Wald kämpfte, setzte die zweite Gruppe mit Hilfe von Eiern, Schlamm und Wasser alles daran, das zu erschweren. Anschließend wurde getauscht. Und tatsächlich, das Krabbeln durch den Matsch war in mehrfacher Hinsicht zusammenschweißend: Wir klebten nicht nur physisch aneinander, es bildeten sich auch die ersten internationalen Pärchen.
Die Sciences Po gilt als französische Kaderschmiede. Nur jeder fünfte Bewerber schaffe es auf die Uni, sagt der Co-Direktor. Die Präsidenten Jacques Chirac und Nicolas Sarkozy saßen ebenso im Vorlesungssaal wie Modeschöpfer Christian Dior. Den deutsch-französischen Campus hat die Uni vor bald zehn Jahren hier in Nancy in Lothringen gegründet. Unterrichtet wird auf Deutsch, Englisch und Französisch, Sprachkurse werden in Spanisch, Arabisch und Russisch angeboten. Die Studiengebühren hängen vom Einkommen der Eltern ab und betragen bis zu 8500 Euro pro Jahr.
Feiern, lernen oder beides?
Nach dem Begrüßungsprogramm ging die Uni dann sofort auf Hochtouren los - mit einer Mischung aus Politikwissenschaft, Recht, Wirtschaft und Geschichte. Zwei Jahre bleiben wir Studenten in Nancy, im dritten Jahr verstreuen wir uns dann rund um die Welt für ein Auslandsjahr (für mich Ausland vom Ausland), bevor wir uns dann für den Master wieder in Paris treffen.
Anstelle eines faulen Studentenlebens gibt es hier eher eine Extraportion Arbeit: Nicht unüblich ist eine Woche mit zwei Referaten, einem Philosophie-Aufsatz auf Englisch, einer VWL-Zwischenprüfung und unzähligen Seiten zur deutschen Geschichte - und dazwischen noch die normalen Vorlesungen und Seminare.
Deshalb sprechen die Studenten viel darüber, wie man es am besten schafft, das Schlafbedürfnis zu reduzieren - oder in welcher Vorlesung man es sich leisten kann, mal die Augen zu schließen. Oft schwemmt auch noch das E-Mail-Postfach kurzfristig Überraschungen an: aus vielen Seiten mit winzigen Buchstaben, alles Pflichtlektüre. Wie man damit umgehen soll, wenn der Dozent 120 Seiten per Mail schickt, die bis zum nächsten Tag gelesen sein müssen? Antwort: Gar nicht erst versuchen, es funktioniert eh nicht!
Teutone von Galliern vermöbelt
Das Kontrastprogramm zum Lernalltag an meiner Uni ist Rugby, ein absolutes Muss. Der Sport durchbricht den Lern-Tagesrhythmus, manchmal sogar im wörtlichen Sinn. Denn kaum ein Training endet ohne gebrochene Zehen, verstauchte Knöchel oder überdehnte Bänder.
Auch ich hab mich im Rugby versucht und kam mir dabei vor wie ein römischer Legionär bei "Asterix und Obelix". Kaum hatte ich mich aufgestellt, wurde ich von einem 100-Kilo-Koloss von den Füßen gerissen und fand mich eingekeilt zwischen anderen Galliern, während sich Obelix weiter vorankämpfte und Gegenspieler einfach wegsprengte. Bald nahmen meine blauen Flecken zu, meine Motivation nahm ab. Aus gesundheitlichen Gründen bin ich mittlerweile zum Fechten gewechselt.
Am Abend fragen sich alle Sciences Po'ler: Wie hältst du es mit der Studiererei? Denn irgendwo steigt immer eine WG-Party. Ob Motto-Feten in der Uni oder WG-Hopping bei Freunden, die Partylaune gehört zum Uni-Alltag. Ebenso wie der feste Vorsatz am nächsten Morgen, heute aber früher schlafen zu gehen.
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Ich habe auch an einer französischen grande école studiert und kann den eindruck, der in dem artikel gegeben wird, nur bestätigen. deshalb war ich doch über einige scharfe vorgänger-kommentare hier sehr erstaunt. Wie in dem [...] mehr...
Hallo! Ich bin jetzt zum ersten Mal auf diesen Artikel gestoßen. Ich habe auch in Nancy studiert und muss sagen, das einzige, über das ich mich wirklich wundern kann an diesem Artikel, sind die Kommentare einiger Leser, die [...] mehr...
ich habe auch im Rahmen meines Studiums ein Jahr an einer frz. Uni studiert, an einer medizinischen Fakultät. In Frankreich herrscht nunmal ein tiefer Glaube an das Elitensystem. Dadurch bedingt etablieren sich auch diese ach so [...] mehr...
Diese Vision des Kampus ist unwahr. 1. "Durchgepaukte Nächte" ? Gut organisierte oder seriöse Studenten haben niemals gebraucht, eine ganze Nacht zu arbeiten. 2. Die Mehrheit der Schüler sind (wie Sebastian und [...] mehr...
Als Mutter eines ehemaligen Sciences Po Stdenten, der inzwischen in Paris und London an der LSE einen Doppel-Master in Stadt-und Raumplanung erreicht hat, finde ich es sehr schade, wie durch eine gewollt ironisierende und [...] mehr...
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