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03.02.2010
 

Studienplatz-Chaos

Wer will noch einen, wer hat noch keinen?

Von Christoph Titz und Jochen Leffers

Geschafft! Einen Platz an einer Uni zu ergattern, kann sehr nervenaufreibend seinZur Großansicht
dpa

Geschafft! Einen Platz an einer Uni zu ergattern, kann sehr nervenaufreibend sein

Seit Jahren grassiert das Einschreibechaos an Deutschlands Unis, die ihre Erstsemester selbst auswählen wollen und dürfen. Das System ist ein Fiasko: Noch lange nach Semesterbeginn blieben 18.000 Studienplätze frei - trotz x-fachen Nachrückens, wie ein noch unveröffentlichter Bericht zeigt.

Hat da etwa jemand gerufen, die ZVS war gar nicht soooo schlecht? Die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, eine Behörde in Dortmund, hatte viele Jahre lang ein massives Imageproblem, galt als bürokratisches Monstrum und graugesichtige "Studentenlandverschickung". Indes: Über Jahrzehnte gelang es ihr, Studienbewerber in etlichen Numerus-clausus-Fächern recht still und effizient zu sortieren und auf Deutschlands Hochschulen zu verteilen. Bis die Politik die ZVS überflüssig machen und den Hochschulen mehr Eigenverantwortung bei der Studentenauswahl geben wollte.

So geschah es ab 2003: Die ZVS spielte eine immer kleinere Rolle, die Unis und Fachhochschulen steuerten fortan die Zulassungsbeschränkungen und den Studentenzustrom selbst - und scheiterten vielfach so umfassend, dass ein großes Raunen, Murren und Zürnen bei den Abiturienten anhob. Im vergangenen Jahr wurde es nicht leiser, im Gegenteil: Viele Bewerber wurden von hier nach dort geschoben, erhielten gar keinen Studienplatz oder erst lange nach Vorlesungsbeginn - obwohl zugleich etliche Plätze frei blieben.

Das ist jetzt bei den Ländern deutlich in Zahlen dokumentiert: Entgegen den Beteuerungen von Hochschulrektoren und Politik haben sich die Probleme bei der Studienplatzvergabe auch in diesem Wintersemester wiederholt. Nach einem bislang unveröffentlichten Bericht der Landeskultusminister an das Bundesbildungsministerium waren gut vier Wochen nach Beginn des Wintersemesters "mindestens 18.000 Studienplätze" in den örtlich zulassungsbeschränkten Studienfächern unbesetzt.

Bis zu acht Nachnominierungen

In dem Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, heißt es weiter, an einzelnen Universitäten waren bis zu acht Nachrückverfahren erforderlich, die sich zum Teil weit in das laufende Semester hineinzogen. Dadurch werde bei den meist noch sehr jungen Studienanfängern "ein erfolgreicher Start ins Studium erheblich beeinträchtigt".

Das gegenwärtige System einschließlich der Nachvermittlung über eine Studienplatzbörse nennen die Autoren des Berichts "unbefriedigend". Ziel müsse es sein, die Studienplätze bereits vier Wochen vor Vorlesungsbeginn zu vergeben, um genügend Zeit für die Wohnungssuche wie Umzugs- und Studienvorbereitung einzuräumen.

Tatsächlich stehen Abiturienten in Deutschland vor einem Dilemma: Fragt sich der Bewerber, ob er Wirtschaftswissenschaften in München, Berlin, Frankfurt oder Mannheim studieren soll oder doch lieber Psychologie in Münster oder Heidelberg, dann probiert er besser erst einmal alles. Der flexible Abiturient sorgt aber damit im unüberschaubaren Vergabesystem für einen großen Haufen Probleme. Der Ministerbericht an Bundesbildungsministerin Schavan führt an, im vergangenen Herbst hätten sich viele Bewerber "parallel an mehr als zehn Hochschulen beworben".

Trotz Bewerberandrang viele freie Plätze

Den Studieninteressenten kann man das kaum krumm nehmen, sie können ihre eigenen Chancen kaum einschätzen. Darum ist die Massenbewerbung an diversen Hochschulen und für mehrere Fächer für viele Abiturienten normal geworden - man möchte zum Semesterstart im Oktober ja nicht ohne Studienplatz da stehen.

Klagen über das alljährliche Einschreibchaos an den Hochschulen gibt es nun schon seit Jahren. Und eine Lösung steht immer noch aus. Heute vergibt die Dortmunder ZVS nur noch die Studienplätze in Medizin und Pharmazie bundesweit, für die anderen akademischen Disziplinen sind weitgehend die Hochschulen selbst zuständig. Sie müssten sich intensiv untereinander abstimmen. Doch das gelingt kaum - Mehrfachbewerbungen und Doppeleinschreibungen führen zur Blockade freier Studienplätze.

Seit Jahren schaukeln sich die Zahlen der Mehrfachbewerbungen, der überbuchten und trotzdem frei bleibenden Studienplätze gegenseitig hoch. Universitäten in Nordrhein-Westfalen etwa zählten zum aktuellen Wintersemester im Durchschnitt pro zulassungsbeschränktem Studienplatz das Neunfache an Bewerbern. Trotzdem waren zum Semesterstart in manchen Fächern "bis zu 35 Prozent der Studienplätze unbesetzt", heißt es in dem internen Papier. Anfang November, also einen guten Monat nach Semesterbeginn, waren noch immer zwischen 8 und 18 Prozent der Studienplätze frei.

Die Resterampe wird genutzt - und nützt wenig

Abhilfe soll künftig ein computergesteuertes "dialogorientiertes Serviceverfahren" schaffen, auf das sich Bund, Länder und Hochschulrektoren im März 2009 verständigt hatten. Es kann aber frühestens im Herbst 2011 seine Arbeit aufnehmen - und ob es dann wirklich funktioniert, muss sich noch zeigen.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre lassen eher das Schlimmste befürchten. Da gibt es zum Beispiel die gemeinsam von Hochschulrektorenkonferenz und ZVS zum Wintersemester 2009/2010 angebotene Übergangslösung einer Studienplatzbörse zur Nachvermittlung freier Plätze. Sie habe bei Studieninteressenten wie auch bei den Hochschulen ein "positives Echo" ausgelöst, heißt es in dem Kultusminister-Papier.

Allerdings hat die Resterampe für freigebliebene Plätze einen gravierenden Nachteil: Sie gleicht nicht ab, wer nun einen Platz bekommen hat und wer nicht. Damit ist sie nur eine bessere Pinnwand, an der Studenten auf der Suche nach freien Plätzen mal vorbeischauen können. Nett gemeint, aber dieser Service kann das Problem sicher nicht lösen.

Die Minister halten das Portal trotzdem für erfolgreich - weil es seit dem Start im September 2009 rund 400.000 Online-Zugriffe gegeben habe. "Das eigentliche Problem" der nicht abgeglichenen Mehrfachbewerbungen und langwierigen Nachrückverfahren habe die Studienplatzbörse "jedoch nicht beheben" können. An der Börse haben sich 163 der 187 staatlichen Hochschulen beteiligt, die Studienplätze mit örtlichen Zulassungsbeschränkungen anbieten.

"Ineffiziente Tombola"

Die Bildungsgewerkschaft GEW bezeichnete die Hochschulen als "überfordert" bei der Vergabe von Studienplätzen. "Das Zulassungschaos, das bereits ins fünfte Jahr geht, wird auf dem Rücken der jungen Menschen und ihrer Zukunftschancen ausgetragen", sagte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne am Mittwoch, "es schreckt von der Aufnahme eines Studiums ab". Dabei brauche Deutschland mehr Akademiker. Thöne forderte ein Bundesgesetz, das die Hochschulzulassung regeln müsse. Dafür habe der Bund auch nach der Föderalismusreform die Kompetenz.

Der Grünen-Politiker Kai Gehring sprach von einer "ineffizienten Tombola". Bundesbildungsministerin Schavan dürfe den Missstand kein Semester länger tolerieren und müsse gemeinsam mit den Ländern und Hochschulen "ihre Lehre aus dem Desaster ziehen". "Es ist skandalös, dass mit den Mitteln von Bund und Ländern zuerst teure Studienplätze geschaffen werden, die dann achselzuckend unbesetzt bleiben", so Gehring.

Mit Material von dpa

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