Kurz nach Beginn des Wintersemesters 2009/2010, die Aufnahmetests an der "Ausländeruniversität Perugia" liefen gerade, wurde die 22-jährige Studentin Amanda Knox wegen Vergewaltigung und Ermordung ihrer Kommilitonin Meredith Kercher zu 26 Jahren Haft verurteilt, zu einem Jahr weniger ihr damaliger Freund, der Informatikstudent Raffaele Sollecito. Die Tat war begangen worden in der Nacht nach Halloween, am 2. November 2007.
Als das Urteil verkündet wurde, kurz nach Mitternacht am 5. Dezember, standen am Rande des Domplatzes die üblichen Grüppchen herum, und sie lachten so laut, dass es über das alte Pflaster hallte. Die Entscheidung schien sie nicht sonderlich mitzunehmen, jene globalisierte Population aus Studenten, Kleindealern, angeschickerten höheren Töchtern und einigen "Punkabestia", wie sich hier die Punks mit den Hunden nennen. Harmlose Gestalten. Junge Gesichter unter komplizierten Frisuren, hübsche Gesichter, auf denen das Leben noch keine Spuren hinterlassen hat.
Wie jenes der Amanda Knox. Das "Engelsgesicht", wie es in den Zeitungen immer hieß. Als ob eine Tat, so schrecklich sie auch sei, Spuren im Gesicht des Täters zurückließe. Als würde ein Gesicht nicht eher einem Palimpsest ähneln, dessen Botschaft, wenn es sie denn gibt, unter anderen verborgen liegt.
Der sich über ein Jahr hinziehende Mordprozess von Perugia war bis zum letzten Tag ein verstörendes Ereignis. Bis heute gibt es weder ein Geständnis noch eine plausible Erklärung für die Tat. Es gibt lediglich Indizien, Hypothesen, mehr oder weniger glaubwürdige Zeugen und eine streckenweise dilettantische Spurensicherung.
Ein Verbrechen ohne Motiv, ohne Sinn und Nutzen
Offenbar ein Verbrechen ohne Motiv, ohne jeden Sinn oder Nutzen, ein "Acte gratuit" wie der französische Schriftsteller André Gide es genannt hätte. Eine junge Erasmus-Studentin ist tot, mehrere Familien sind zerstört, und drei junge Menschen werden so lange eingesperrt bleiben, bis sie nicht mehr jung sind. Zusammen 67 Jahre in den notorisch überfüllten Gefängnissen Italiens, wenn ihre Anträge auf Wiederaufnahme des Verfahrens scheitern.
Der dritte Verurteilte ist Rudy Guede, ein 23-jähriger Mann. Er stammt von der Elfenbeinküste. Als Einziger hatte Guede zugegeben, zur Tatzeit in der WG von Meredith und Amanda gewesen zu sein, wenn auch nur iPod-hörend auf dem Klo. An der Leiche fand man Spuren seines Spermas.
Einige Wochen lang, nicht viel länger, hatte der Mord an Meredith die Uni-Stadt Perugia verängstigt. Einige, nicht viele, Gaststudenten sagten ihr Semester ab. Sie konnten vor der Stadt fliehen, aber nicht vor der existentiellen Einsicht: Wenn Amanda und Raffaele es wirklich getan haben, dann ist jeder zu so etwas in der Lage.
Dann ist niemand sicher vor sich selbst.
Amanda Knox war nicht zum ersten Mal fort von zu Hause. Sie war kein Mitglied eines Satanisten-Zirkels oder irgendwie psychopathisch veranlagt. Sie spielte ihren Geschwistern Beatles-Songs auf der Gitarre vor. Am Abend vor dem Mord schaute sie sich mit Raffaele "Die fabelhafte Welt der Amélie" an. Nicht gerade ein Serienkiller-Drama.
Wie sollte jemand, noch den Akkordeon-Walzer der Amélie Poulain im Ohr, aufstehen, durch die jahrhundertealten Straßen von Perugia laufen und eine Stunde später, zusammen mit einem wildfremden Mann von der Elfenbeinküste, die eigene WG-Genossin vergewaltigen und mit einem Küchenmesser abschlachten?
Aber genau so soll es gewesen sein. Muss es gewesen sein.
Oder gibt es noch einen großen Unbekannten, der unentdeckt herumläuft?
Kaum. Kein Täter kehrt in derselben Nacht noch zum Großreinemachen an den Tatort zurück. Schon gar nicht, wenn der Tatort eine Studenten-WG ist, in der auch nachts jeden Moment jemand auftauchen kann.
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