Doch weder der Prinz noch Golf haben mich überzeugt. Für St. Andrews an der schottischen Ostküste spricht, dass die Universität, 1413 gegründet, die drittälteste im englischsprachigen Raum ist, nach Oxford und Cambridge. Sie hat nicht nur Jahrhunderte auf dem Buckel, sondern auch bis heute einen hervorragenden Ruf in Lehre und Forschung.
In den Semesterferien ist St. Andrews mit dem langen Sandstrand, den gepflasterten Straßen und mit Efeu bewachsenen Gebäuden ein sehr ruhiger Ort - und ein Mekka für Golftouristen. Mein Wohnhaus steht direkt am "Royal and Ancient Golf Course", einem uralten und weltberühmten Golfplatz. Den Reichen und Berühmten kann man beim Abschlagen und Putten zusehen. Ein Mal, zu einem Promi-Turnier, flanierten sogar Hugh Grant und Ronan Keating an meinem Fenster vorbei, in Golfschuhen und mit ihren Caddies. Wer kann das schon von seinem Studentenwohnheim behaupten?
Mit Semesterstart wird St. Andrews zu einer echten Studentenstadt. Ein Drittel der 18.000 Einwohner des Küstenstädtchens sind Studenten oder Uni-Angestellte. In den mittelalterlichen Straßen und Gassen dominieren der als "posh", also schnöselig, angesehene britische Akzent und breites amerikanisches Englisch. Nach Schottland klingt es jedenfalls nicht. Von September bis Mai ist der Campus ein Schmelztiegel der Kulturen, jeder vierte Student kommt nicht aus der EU, darunter viele US-Amerikaner.
Schick hier, und günstiger als die Ivy League
Sie stellen im Studiengang "International Relations" sogar die Hälfte der Studenten. "Du brauchst einen Amerikaner hier gar nicht erst nach seinem Hauptfach fragen", sagt Jane Geiger, die im ersten Jahr Biologie studiert. "Die Antwort ist sowieso immer gleich."
Trotz der jährlichen Studiengebühren von knapp 12.000 Pfund eine fast schon günstige Alternative zu den teuren Ivy-League-Universitäten der USA. Harvard oder Yale sind viermal so teuer. Und das Stadtmarketing fruchtet: Der Studienort wirbt mit den meisten Pubs pro Quadratmeter in ganz Großbritannien - das wirkt offenbar sehr anziehend.
Ich als Deutsche profitiere obendrein davon, dass das schottische St. Andrews College EU-Bürgern die Gebühren komplett erlässt - was allerdings nicht für Engländer, Waliser und Nord-Iren gilt. Diese kuriose Diskriminierung, die meine englische Freundin Abigail "lächerlich und frustrierend" nennt, verrät viel über das gestörte Verhältnis zwischen Schotten und dem Rest der Insel.
Im Sommer gönnen sich die "St. Andreans", wie sich die Studenten nennen, vier arbeitsfreie Monate. Das Studienjahr ist unterteilt in Martinmas- und Candlemas-Semester. Die sind kurz, dafür umso intensiver. Die Abschlussprüfungen, dazu Anwesenheitspflicht, kleine Klassen und ständige Leistungskontrollen durch Tests, Aufsätze und Protokolle - das verlangt viel Disziplin und Mitarbeit von den Studenten.
Richtig hart feiern - aber in Ballkleid und Smoking
Das inoffizielle Studentenmotto könnte lauten: "Work hard, party harder." Das setzt einen gut ausgestatteten, großen Kleiderschrank voraus, in dem echte Abendgarderobe nicht fehlen darf. Die Jungs erscheinen dann im Smoking, die Mädchen führen ihre Abendkleider aus. Hinzu kommt noch der typische Scarlet Gown, ein schwerer, roter Umhang, den Undergraduates schon im 16. Jahrhundert trugen. Stolze 135 Pfund hat mich diese Extra-Verkleidung gekostet.
Nur so ausstaffiert kann man sich auf die vornehmen Dinner und Bälle wagen, zu denen Fakultäten, Wohnheime oder Studentenclubs regelmäßig einladen. Oder auch zum Wine and Cheese - ein förmliches Beisammensitzen mit rotem Umhang, bei dem die St. Andreans gemeinsam mit Auswärtigen eine Wein- und Käseauswahl verputzen und Bande für eine erfolgreiche Zukunft schmieden. Es fällt schwer, sich zwischen den vielen Veranstaltungen jede Woche neu zu entscheiden.
Ungezwungener geht es in der Kneipe oder am Strand zu. Man feiert ausgiebig, um Mitternacht schließt allerdings der letzte Pub, und es geht zu einer halbwegs passablen Uhrzeit nach Hause, um tags drauf so frisch es eben geht zur Vorlesung zu erscheinen.
Inzest der Uni-Insulaner: "Sie hat ihren Bruder geheiratet, romantisch, nicht?"
Im Laufe ihrer 600-jährigen Geschichte etablierten sich an der Universität einige absonderliche Traditionen, etwa die Schaumschlacht zur Begrüßung der Studienanfänger. Auf ihre Rituale sind die St. Andreans mächtig stolz und prahlen schon zur Begrüßung von Neuankömmlingen: "Willkommen in der Bubble, St. Andrews gehört nicht zur echten Welt."
Sehr wichtig ist es nach Ankunft in St. Andrews, seine "akademischen Eltern" zu finden. Damit sind St. Andreans im dritten und vierten Jahr gemeint, die Studienanfänger "adoptieren" und als Ansprechpartner weiterhelfen. Hinzu kommen eine Vielzahl akademischer Geschwister, Onkel, Tanten und Großeltern, so dass der genaue Stammbaum einer St.-Andrews-Familie äußerst schwer nachzuvollziehen ist und ein Absolvent weltweit über eingebildete Verwandte verfügen kann.
Aus den gespielten familiären Beziehungen wird nicht selten mehr. Immer wieder finden sich neue Freunde und sogar Pärchen auf diese Weise. Aussagen wie "Sie hat ihren Bruder geheiratet. Ist das nicht romantisch?" wundern in St. Andrews keinen. Und auf St.-Andrews-Fantaschen, die von der Student's Union für wohltätige Zwecke verkauft werden, prangt der Spruch: "Es ist kein Inzest - solange es akademisch ist."
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Danke für den Artikel! Ich war selbst vor einigen Jahren als Student in St Andrews (und habe in Chattan gewohnt ;-)) und freue mich immer sehr, wenn hier in Deutschland mal Notiz davon genommen wird. Das mit den Drogen kann ich [...] mehr...
...eine Bekannte von mir, die in Fife, ganz in der Nähe von St. Andrews wohnte, erzählte mir, dass die Uni eine der höchsten Anzahl von Vergewaltigungen unter Studenten in den UK hat.... mehr...
was ich immer wieder seh interessant finde, sind bericht von leuten (ich kenne zwei) die an solchen schottischen universitäten studiert haben, dass dort der drogenkunsum auf seiten der studenten als auch auf seite des kollegiums [...] mehr...
Ich bin mir jetzt unschlüssig, ob ich das Ganze überwiegend sympathisch oder überwiegend absonderlich finde. mehr...
haut mich jetzt eher weniger um, geschweige denn das es für mich etwas neues wäre. Ulkige Riten hat jede Uni, die älter als der 2. Weltkrieg ist, und das auch hier in Deutschland. Die Studenten, die derlei Traditionen am [...] mehr...
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