Von Marco Evers
Die University of Cambridge gefällt sich darin, eine der vornehmsten und ältesten Hochschulen der Welt zu sein. Sie prunkt mit feudalen Hallen und gotischen Türmen, mit opulenten Gärten und romantischen Brücken, all das durchweht vom Geist epochaler Cambridge-Genies, tot oder lebendig. Newton! Darwin! Hawking!
Cambridge hat nur zwei Nachteile.
Erstens: Diese Oberschicht-Uni ist die Alma Mater des intellektuellen Snobismus. Wer in den Verdacht gerät, im Oberstübchen nicht ganz an Isaac Newton heranzureichen, läuft hier ganz schnell vor die Wand. Zweitens: Die Uni mag edel sein, aber die Stadt drum herum ist in Wahrheit bei aller Schönheit etwas spröde, manche sagen gar: sterbenslangweilig.
Zum Glück gibt es eine Alternative. Die beliebteste Universität Großbritanniens liegt weit weg von Cambridge, Oxford, Edinburgh, Manchester oder London. Die Stadt, in der Briten studieren möchten, ist Bristol im Südwesten Englands.
Keine andere Uni auf der Insel bekommt so viel sehnsuchtsvolle Post von Studienanwärtern. 17 von 20 bewerben sich jedoch vergebens. Als elitär gilt auch diese Hochschule, aber es fehlt ihr die sonst damit verschwesterte Arroganz, das, was in Großbritannien als "Oxbridge-Dünkel" geschmäht wird.
Eine der muntersten Städte Großbritanniens
Bristol ist eine hügelige Hafenstadt, und die University of Bristol nimmt mit mehr als 300 Gebäuden einen der Hügel fast gänzlich in Beschlag. Alles liegt hier eng beieinander, Labore, Seminare, Bibliotheken, Wohngebäude, Studentenkneipen und -clubs. Man geht zu Fuß. Dieses Viertel fühlt sich so kuschelig an wie Marburg - aber zugleich gewichtiger, ehrgeiziger. Und viel internationaler.
Gerade ist Bristols Hochschule 100 Jahre alt geworden; ein Tabakproduzent und ein Schokoladenkönig haben sie einst reich gemacht, und diese Chance hat die Uni über die Jahre und Jahrzehnte genutzt, um zur Elite aufzuschließen: Auf der Liste der weltbesten Universitäten steht sie auf Rang 34 (immerhin 21 Plätze vor der TU München, der besten deutschen Uni im Ranking). Und die Stadt drum herum hat es geschafft, eine der interessantesten und muntersten Großbritanniens zu werden.
Auch ökonomisch steht Bristol mit seiner knappen halben Million Einwohner am oberen Ende der Landesskala, Hightech-Firmen von Weltrang haben sich hier angesiedelt. Vor allem aber gilt die Stadt als Brutstätte der Avantgarde. In den Clubs läuft andere Musik als etwa in London, der Beat ist langsamer, aber intensiver. Berühmte Bands hat diese Stadt hervorgebracht: Massive Attack etwa, Portishead oder Tricky. Und irgendwo hier auf oder zwischen den Hügeln wohnt Banksy, der ebenso anonyme wie geniale Graffiti-Künstler.
Fabelhafte Stadt plus akademischer Glanz
Es existiert kein Foto von ihm, sein richtiger Name ist unbekannt, Interviews verweigert er. Aber auf vielen Mauern der Stadt hat er nächtens Spray-Kunstwerke hinterlassen, für die Touristen von weit her einfliegen. Längst haben die Stadtväter gelobt, Graffiti nicht mehr übermalen zu lassen, wenn ansatzweise in Zweifel steht, ob hier nicht der Straßen-Michelangelo am Werke war.
Eine fabelhafte Stadt und akademischer Glanz - es ist die Kombination von beidem, die diese Universität so reizvoll macht. Claire Earnshaw, 21, kommt aus der Nähe von Stuttgart. In Heidelberg studiert sie Deutsch und Englisch auf Lehramt. England kannte sie schon, es ist die Heimat ihres Vaters, daher wollte sie ihr Erasmus-Jahr eigentlich lieber anderswo verbringen. Aber die Option Neuseeland hatte sich zerschlagen, und wegen der sonderbaren Dialekte wollte sie nicht nach Schottland oder Irland. Die Stadt wiederum durfte nicht langweilig sein, London war zu teuer - also Bristol.
Diese Wahl hat sie nicht bereut. "Sehr freundlich" sei die Stadt, sagt Claire. Sie kannte hier niemanden, aber nach einer Woche schon war sie aufgenommen in den Kreis der übrigen Erasmus-Studenten, die sie zu ihren Partys einluden. Da geht es ordentlich zur Sache, einer feiert immer. "Wir gehen fast jeden Abend weg", erzählt sie. "Aber dafür gibt es auch Tage, an denen ich bis kurz vor Mitternacht in der Bibliothek sitze."
"Work hard, party hard"
Das Bristol-Motto von Claire und vielen anderen lautet: "Work hard, party hard" - viel arbeiten, viel feiern. Es funktioniere gut, sagt sie. "Ich lerne viel mehr als in Heidelberg." Auch deshalb natürlich, weil in England die Uni der absolute Lebensmittelpunkt ist, sozial wie intellektuell, nicht werktägliches Beiwerk zum privaten Alltag wie oft in Deutschland.
In Heidelberg saß Claire meist in Seminaren mit 40 oder 50 anderen Studenten und konnte sich kaum Hoffnung machen, dass der Professor sich auch nur ihren Namen merken würde. In Bristol sind derartige Veranstaltungen unbekannt, hier kommen selten mehr als sieben oder acht Studenten zu einem Kurs zusammen. "In Deutschland haben wir vielleicht einen Roman pro Semester durchgearbeitet", sagt Claire. "Hier ist es jede Woche einer."
Und trotz der höheren Intensität ist die Atmosphäre lockerer. Die Professoren lassen sich per Vornamen anreden, "Steve" statt "Dr. Miller". Für Peter Hackstedt, 24, BWL-Student aus Hannover, war das gewöhnungsbedürftig: "Sollte da nicht ein Unterschied sein zwischen Prof. und Student?"
Peter kam wie die meisten Ausländer vor allem hierher, um Englisch zu lernen. Jetzt teilt er sich eine Wohnung mit vier Engländerinnen, einem Chinesen und einem weiteren Deutschen. Die Sprache beherrscht er mittlerweile flüssig, und Bristol mag er sehr. Was ihn nicht daran hindert, sich immer wieder über England zu wundern.
Da ist zum Beispiel das von Ausländern vielbestaunte Problem mit den Mischbatterien. Englische Badezimmer kennen diese Errungenschaft der Moderne nicht. Es gibt einen Kaltwasserhahn, unter dem die Finger schier gefrieren, und 30 Zentimeter daneben einen Heißwasserhahn, dem fast kochendes Wasser entströmt. Engländer weigern sich beharrlich, dieses viktorianische Arrangement durch zeitgemäße Technik zu ersetzen. Niemand weiß, warum.
Launige Suff-Keilereien aus purer Lust am Zuschlagen
Oder das Samstagabend-Problem. "Da macht man besser was mit Freunden zu Hause", sagt Peter. Denn die ohnehin stolzen Preise in Clubs und Kneipen ziehen dann heftig an, nach Landessitte fließen die Pints zahlreich die Kehlen hinunter, und schließlich mündet das Gelage in das, was die Polizei "recreational violence" nennt: launige Suff-Keilereien aus purer Lust am Zuschlagen, ein ganz und gar englisches Phänomen.
Es gibt sie, diese Ausschläge der Andersartigkeit, einen Kulturschock aber, sagt Peter, habe er nicht erlitten. Man sehe sich nur die Essgewohnheiten an: "Die Briten verzehren sonntags ihren 'Sunday Roast', Fleisch, Kartoffeln und Gemüse - ganz wie die Deutschen."
Pique Nguyen, 23, ernährt sich in Bristol lieber von Sandwichs. Er kommt aus Chemnitz, studiert Informatik in Dresden und staunt darüber, wie viele Leute er hier kennengelernt hat. Hunderte seien es, aus der ganzen Welt, "das kann man gar nicht vermeiden". In Dresden empfand er sein Studium als theorielastig, hier aber sei es anders: praxisbezogen und konkret. "Bristol ist die perfekte Ergänzung", sagt Pique.
Wie die meisten britischen Hochschulen bietet die University of Bristol ihren Studenten ein reiches Leben jenseits der Seminare. Ob Fallschirmspringen oder Käse, Biertrinken, Joggen oder Sozialismus, für alles gibt es eine "Society", eine Art Verein in studentischer Eigenregie. "Das ist phantastisch!", lobt Peter. Pique, in Ho-Chi-Minh-Stadt geboren, ist Mitglied der Vietnam-Society; Claire ist aktiv in der Jogging-Society, obwohl sie findet, dass die anderen da oft enorm schnell unterwegs sind.
Alle drei sagen: Bristol hat sich gelohnt. Dass es nicht Cambridge war, hat keinen von ihnen wirklich betrübt.
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Naja, wenn du einen Blick auf folgende Seite wirfst, dann wirst du feststellen, dass die Hauptbibliothek in Bristol tatsaechlich bis Mitternacht geoeffnet hat: http://www.bristol.ac.uk/is/locations/branches/assl/ Wie gesagt, [...] mehr...
Es gibt in Bristol mehrere Hochschulen. Im SPON Artikel ist die Rede von der University of Bristol - und die ist nicht aus einer Polytechnic hervorgegangen. mehr...
Dem kann ich nur zustimmen. Über einige Behauptungen, die der Artikel aufstellt (Cambridge ist langweilig, das Ranking der "weltbesten" Unis ist trotz wackeliger Kriterien aussagekräftig, etc.) mag man ja noch streiten [...] mehr...
Den (Sprach-)Stil auf der Insel gelassen? Ohne den Hinweis hätte ich mir sorgenvolle Gedanken über Ihre "ortographische Vitalität" gemacht. Übrigens bezweifele ich nach wie vor stark, den Begriff [...] mehr...
Wie ich an anderer Stelle auch erwähnt habe, Selbstständigkeit und Eigenantrieb sind in Bristol genau so gefordert wie an jeder deutschen Universität. Es geht nicht darum, "den Popo gepudert zu bekommen" sondern darum, [...] mehr...
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