Anfang November: Wie ich Teil des Systems wurde
Ich bin Wissenschaftsjournalist und schreibe auch über Bildungsthemen - und wurde vor einem halben Jahr Teil der Wissenschafts-Bildungs-Bürokratie. Es ging ganz schnell, ein Anruf genügte. Der kam von AQAS, der Agentur für Qualitätssicherung durch Akkreditierung von Studiengängen in Bonn. Sie soll neue Studiengänge überprüfen, eine Art Hochschul-TÜV.
Eingeführt wurde das Akkreditieren zusammen mit den Abschlüssen Bachelor und Master, als Teil der Bologna-Reform. Noch immer ist es hoch umstritten. Denn trotz Begutachtung kamen unzählige verschulte und vollgestopfte Studiengänge zustande. Im engen Prüfungskorsett keuchten die Studenten und gingen auf die Straße.
Auch unter Professoren war Bologna samt Akkreditierung stets umstritten. Zwar hatten viele Professoren und Hochschulleitungen die straffen Studien- und Prüfungsordnungen selbst konzipiert und umgesetzt. Doch mittlerweile fordert der Deutsche Hochschulverband (DHV), Lobby-Organisation von rund 20.000 Professoren, das Ende der Akkreditierung. "Diesen Unsinn brauchen wir nicht mehr", sagte DHV-Präsident Bernhard Kempen im UniSPIEGEL-Interview, "da wird letztlich das Geld verpulvert, das den Studenten zugute kommen könnte." Zu bürokratisch sei das Verfahren.
Deutschlands oberster Akkreditierer Achim Hopbach, Geschäftsführer des Akkreditierungsrats, pries das Verfahren hingegen als "enormen Fortschritt". "Früher haben Ministerialbeamte im Alleingang über die Zulassung von Studiengängen entschieden. Heute sitzen in den Kommissionen Professoren, Studenten und Berufsvertreter beieinander", sagte er in einem "Zeit"-Interview. Als Reaktion auf Bachelorkrise und Bildungsstreik hat der Rat seine Kriterien mittlerweile geändert: Die Akkreditierungsagenturen sollen jetzt auch die "Studierbarkeit" überprüfen, ob also die Arbeitsbelastung zu hoch ist und die Studenten adäquat betreut werden.
Und jetzt sollte ich da mitmachen. Ob ich nicht Lust hätte, als erfahrener Berufspraktiker einen Studiengang für Wissenschaftsjournalismus an einer Fachhochschule nahe von Frankfurt zu begutachten? Zwei Tage Hessen - warum nicht.
Mitte Januar: Regeln, Abkürzungen, Papiergebirge
Jetzt weiß ich, wie Bürokratie aussieht. Und ahne, wo einige Schwierigkeiten der Bologna-Reform liegen, also der Einführung von Bachelor und Master.
Genau 16,8 Millimeter dick ist der "Antrag auf Reakkreditierung, Version 2.1", den die Hochschule bei AQAS eingereicht und der Postbote in meinen Briefkasten gestopft hat. Dazu noch einen "Ausgangslagebericht", eine Liste mit Leitfragen, die "Drs. AR 93/2009" mit dem Titel "Regeln des Akkreditierungsrates für die Akkreditierung von Studiengängen und für die Systemakkreditierung" plus Zeitpläne, Reisekostenabrechnungsformulare und allerlei andere Papiere.
Der Auftrag: Zusammen mit zwei Professoren und einer Studentin soll ich feststellen, ob der Bachelor-Studiengang Wissenschaftsjournalismus studierbar und praxisorientiert ist. Ob er den gesetzlichen Vorgaben entspricht, auf einem sinnvollen Konzept basiert und so ausgestattet ist, dass er eine gute wissenschaftliche und zugleich praktische Ausbildung verspricht.
Vor fünf Jahren war der Studiengang schon einmal überprüft worden. Jetzt gilt es nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist. Diese Tests sind Teil der Bologna-Reform. Die Unis sollten nicht einfach im luftleeren Raum Studiengänge erfinden, sie sollten sie testen lassen.
Einen Vorab-Bericht sollen wir einsenden, und zwar bitte schnell. Das bedeutet: viel lesen, um dann auf zweieinhalb Seiten die Ideen der Studiengangsplaner zu bewerten - soweit man das aus dem Papierstapel herauslesen kann. Aber erst muss ich mir erschließen, was all die Abkürzungen bedeuten: QSL (Qualität von Studium und Lehre) und SuK (Sozial- und Kulturwissenschaft), AKR (Akkreditierungsrat) und FB CuB (Fachbereich Chemie- und Biotechnologie), HoBIT (Hochschul- und Berufsinformationstage) und BPS (berufspraktisches Semester). Und dazu noch CNW (curricularer Normwert), TPL (Teilprüfungsleistung), WP (Wahlfplichtbereich). Es wird ein langer Akkreditierungsprozess werden, jedenfalls für mich.
Mitte März, Montag: Was ist eigentlich Studierbarkeit?
Treffen der Gutachtergruppe im Hotel: Kaffee, Wasserfläschchen, Keksmischung auf Papierservietten. Wir beraten: Passen Studienmodule und konzeptioneller Anspruch der Hochschule zusammen? Was ist mit der Internationalität? Gibt es eine reelle Chance auf ein Auslandssemester?
Die Diskussionen ziehen sich hin - alles auf der Basis des schriftlichen Antrags. Vier Seiten lang ist schließlich der vorläufige Gesprächsleitfaden für die Begehung der Hochschule am nächsten Morgen.
Dienstag, 8 Uhr: Professoren als Prüflinge
Vor dem Hotel wartet schon ein VW-Bus der Fachhochschule. Im Senatssaal sind Namensschilder aufgebaut, drei studentische Hilfskräfte besorgen Verlängerungskabel für die Laptops. Dann kommen die Hochschulvertreter: der Präsident und die Leiterin des Ressorts Studium und Lehre, der Beauftragte für die Studienprogrammentwicklung und mehrere Fachbereichsvertreter, die Studiengangsverantwortliche und Lehrende aus allen beteiligten Fächern. Händeschütteln, Smalltalk - die Professoren sind nervös, das ist nicht zu übersehen.
Wir vier Gutachter bringen sie ins Schwitzen. Denn zum ersten Mal seit Jahren fühlen sie sich wie Prüflinge in einer mündlichen Prüfung. Fragen zum Konzept und Informationswünsche im Detail wechseln sich ab. es gibt kleinere fachliche Diskussionen über bestimmte Studienmodule. Die Studentin in der Gutachtergruppe hakt besonders oft nach. Die "Begehung" ist eher eine stundenlange "Besitzung", unterbrochen nur von kurzen Pausen, Besprechungen und einem kurzen Mittagessen.
Wir Akkreditierer versinken in Notizzetteln und Kopien, gebrauchten Kaffeetassen und leeren Limonadeflaschen. Kommunikativ und kollegial, dazu mit Engagement über die normalen Dienstpflichten hinaus - so präsentieren sich die FH-Vertreter. Und auch Studenten und Absolventen, die in einer eigenen Runde ohne professorale Aufsicht die Situation beschreiben, berichten viel Positives vom Studiengang.
So ist es nicht erstaunlich, dass wir in der Feedback-Runde am frühen Abend Entwarnung geben können: Die Reakkreditierung des Angebots steht aus unserer Sicht nicht in Zweifel, auch wenn wir ein paar Nachbesserungen fordern, etwa bei der Modulbeschreibung und -struktur.
Dennoch müssen die Hochschulvertreter noch Geduld haben. Wir Gutachter geben keine Endnote, sondern nur eine Empfehlung ab. Den eigentlichen Akkreditierungsbeschluss trifft dann auf dieser Basis eine eigens eingerichtete Kommission von AQAS - und das wird noch einmal ein paar Wochen dauern.
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Ich habe an einer FH studiert und war vier Semester studentischer Vertreter in der Fakultät. Und gerade in dieser Zeit wurden drei Studiengänge akkreditiert und es war Dauerthema in den Sitzungen. Es ist stimmt, dass die [...] mehr...
Die werden natürlich auch akkreditiert! Das ist doch klar, die zuständige Stelle heißt: "Akkreditierungsrat", dieser (die Leitung) setzt sich aus Vertretern der Hochschulen und der Kultusminister zusammen. In [...] mehr...
Zum einen kann ich nur zustimmen, dass es sehr von Interesse wäre wie viel denn der Akkrediteur für seine Leistung erhält. Daraus ließe sich nämlich ableiten, ob die vielen Kommissionen zu wenig Geld bekommen. Oder ob sie gleich [...] mehr...
Die Akkreditierer sollten auch prüfen, wie hoch der Anteil der Abbrecher im jeweiligen Studiengang ist. Bei ca. 30% insgesamt ist da sicher eine interessante Verteilung zu beobachten. Das Verfahren, auch in den Unis auf die Lehre [...] mehr...
Neben der Akkreditierung - ob gut oder schlecht - sollte jede Hochschule ALLE Notenschnitte und sonstige Ergebnisse von Studiengängen veröffentlichen. Ich habe den starken Eindruck, dass signifikant verschieden [...] mehr...
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