Es war kurz nach Mitternacht, in Reykjavíks größtem Club herrschte explosive Stimmung: Peaches war kurz davor, die Bühne des "Nasa" zu betreten. Die isländische Band Bloodgroup heizte den Zuhörern ein, dann eine Durchsage der Sängerin: "Der Vulkan ist ausgebrochen! " Die Menge drehte durch, Peaches konnte kommen.
So hat mein Studienkollege Martin, 24, den ersten Vulkanausbruch unter dem Gletscher Eyjafjallajökull erlebt, mit ihm viele andere Austauschstudenten - bis auf mich. Ich hatte keine Entrittskarte bekommen und war gerade auf dem Weg ins Bett, als mich seine begeisterte SMS erreichte. Nicht ganz sicher, ob ich das für einen Scherz halten sollte, beschloss ich, erst einmal darüber zu schlafen.
Das war wohl ein Fehler.
Wer noch nüchtern und wach genug war, setzte sich sofort ins Auto, um dem Spektakel ein bisschen näher zu kommen; die meisten zogen es jedoch vor, erst einmal kräftig auf das freudige Ereignis anzustoßen und unter dem Einfluss von berauschender Musik und Schnaps irgendwo in Reykjavíks berühmtem Nachtleben noch ein wenig mehr zu feiern als sonst.
Der Berg war orange - und ziemlich weit weg
Am nächsten Morgen las ich im Internet, dass es kein Scherz gewesen war. Meine Mitbewohner hatten schon eifrig Pläne geschmiedet und Autos gemietet, um dem Vulkan möglichst bald ganz nah zu sein. Ich brauchte noch geschlagene zwei Wochen, bis ich mich auf den Weg machte. Zehn Kilometer vor dem rauchenden Berg hielten wir an. Er war orangefarben und ziemlich weit weg.

Wir fünf nicht-isländischen Passagiere waren uns einig, dass die Fahrt über die Schotterpiste eigentlich spannender war als der Vulkan selbst. Ich bin in Island eine eher untypische Austauschstudentin, das erklärt vielleicht meine mangelnde Begeisterung für den Eyjafjallajökull: Ich studiere hier nicht, wie fast alle anderen, Geologie, sondern für ein Jahr Isländisch für Ausländer.
Meine Mitbewohner sind vier Geologie-Studenten, alle im begeisterungsfähigen Alter von 21 und 22 Jahren. Sie kommen aus Deutschland, Australien, Kanada und Tschechien - lauter Länder, die nicht gerade für vulkanische Aktivität berühmt sind. Für die Geologen sind die Ereignisse der letzten Wochen eine einmalige Chance, endlich die graue Theorie, die sie hier im Fach Vulkanologie lernen, live in Orange und Rot zu sehen.
Einige von ihnen haben die 30-Kilometer-Wanderung über Schnee und Eis bis auf 1000 Meter Höhe dreimal in Angriff genommen - und sind jedes Mal Opfer des schlechten Wetters oder besorgter Rettungsmannschaften geworden, die sie, bevor sie auch nur einen orangefarbenen Schein sehen konnten, gleich wieder nach unten schickten.
Britain grounded: Wie sich die staubige Insel unbeliebt machte
Meine isländischen Bekannten freuen sich meist darüber, dass ihr Land in den internationalen Medien erwähnt wird. Als allerdings nach dem zweiten Ausbruch des Eyjafjallajökull der weltweite Flugverkehr heftig unter dem rauchenden Berg litt, fragte mich ein befreundeter Angestellter einer isländischen Bank: "Hast du heute schon die Nachrichten auf BBC gesehen? 'Britain grounded'. Sieht aus, als würden wir uns nicht sehr beliebt machen, mit dem Vulkan…"
Obwohl sich noch nie so viele Menschen auf einmal auf den Weg zum Eyjafjallajökull gemacht haben, bleibt der Isländer trotz allem sehr isländisch. Bilder von der Eruption kann man sich auf dem Laptop ansehen, warum also durch die Pampa wandern? Das Klischee vom isländischen Naturburschen trifft kaum zu. Die Nordmännern und -frauen lieben ihre Geysire, aber vor allem lieben sie ihre tragbaren Computer. Die Laptop-Dichte dürfte viel höher sein als in Deutschland. Wer hier ohne Laptop in die Uni kommt, gilt als deplatziert.
Das das ist nicht die einzige überraschende isländische Eigenheit: Auf Island war von 1941 bis 2006 amerikanisches Militär stationiert und hat starke Spuren hinterlassen, nicht nur Arbeitsplätze und weit verbreitete Zweisprachigkeit. Der Fernseher etwa läuft in einem isländischen Haushalt 24 Stunden durch, und bis zur Krise war es eher ungewöhnlich, nur einen Job zu haben. Hinzu kommt ein Gesundheitswahn: Allein die Fitness-Studiokette World Class unterhält neun Studios in und um Reykjavík - für gerade einmal 180.000 Einwohner.
Mehr als eine kleine Insel, die manchmal Ärger macht
Außerdem sieht der isländische "Vulkantourist" ganz anders aus als der ausländische. Nur die sportlichsten und motiviertesten Isländer wählen die anstrengende Wanderung. Die meisten sind autovernarrt und lassen sich in einem beheizten Jeep auf den Gletscher fahren oder drehen per Hubschrauber Runden über dem Krater.
Dank des Vulkans wird obendrein der Unterschied zwischen Landbevölkerung und Hauptstädtern sehr deutlich. Während die Bauern versuchen, ihr Vieh vor der giftigen Asche zu retten und den Weg zum Schlachter zu vermeiden, erfreut sich die Bevölkerung in Reykjavík daran, Links zu den neuesten Videos und den lustigsten Vulkanwitzen zu verschicken.
In Reykjavik scheint es, als bekämpften die Hauptstädter ihre Jahrhunderte andauernde Bedeutungslosigkeit mit übertriebenem Materialismus. Fast jede Familie besitzt zusätzlich zum Stadtauto noch einen schicken Jeep. Alkoholexzesse und ausgeflippte Mode gehören zu jeder Partynacht. Bei Isländern, die nicht in Reykjavík geboren sind, fallen die Kommentare über die Großstädter recht negativ aus. Als "irgendwie komisch" beschreibt sie Kaukur, 25, Student aus Ísafjörður: als schlicht "geisteskrank" die Bäuerin Helga, 39, aus Flúðir.
Die Reykjavíker sehen das naturgemäß anders. Die meisten haben nichts gegen Materialismus und ebenso wenig gegen Mode. Schon ein ein kleiner Besuch in der Uni-Mensa zeigt: Manche jungen Isländerinnen stolzieren umher, als sei der Weg zur Studentenfutterausgabe ein Laufsteg. Und solange dann noch internationale Acts wie Peaches von Zeit zu Zeit vorbeischauen, beweist das ja, dass man im Zentrum der popkulturellen Welt steht - und nicht nur eine kleine Vulkaninsel am Rande ist, die manchmal Ärger macht.
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