Von Maximilian Lüderwaldt und Tobias Fülbeck
Jens Christoph Parker, 21, sitzt in einem Café nahe der Frankfurter Goethe-Uni und nippt an seiner Flasche Cola-Light. Auf dem Bildschirm hinter ihm flimmert ein WM-Spiel. "Aber Fußball", sagt Jens Christoph, "ist nicht so mein Ding - und für die WM fehlt momentan auch einfach die Zeit."
Parkers Alltag ist ganz schön vollgepackt, seit er Ende vergangenen Jahres ausgewählt wurde, die Interessen deutscher Jugendlicher als Jugenddelegierter bei den Vereinten Nationen zu vertreten. Seine Aufgabe: Dutzende Sorgen, Wünsche und Ideen von Jugendlichen aus ganz Deutschland aufzusaugen und zusammenzufassen.
Als Uno-Jugenddelegierter reist er seit Monaten kreuz und quer durchs Land, gemeinsam mit seiner Co-Delegierten Clara Leiva Burger, 20. Ihre Tour führte sie zur muslimischen Jugend in Bad Orb und zum Hockeybund in Münster, zu einem Lesbischen Jugendzentrum in Frankfurt und zu einem Wolfsburg Pfadfinderstamm. Jens Christoph Parker findet es "immer wieder schön, dass Jugendliche sehr schnell zu begeistern sind, wenn die richtigen Themen angesprochen werden und sie durch Entscheidungen unmittelbar betroffen sind".
Jugenddelegierten-Programm bald ohne Jugend?
Das Jugenddelegierten-Programm ist eine echte Gelegenheit, Deutschland und die Welt zu sehen, denn für beide geht es am Ende ihrer Amtszeit zum Hauptsitz der Vereinten Nationen nach New York. Dort halten sie eine Rede vor der Uno-Generalversammlung. Trotzdem tut sich das Projekt erstaunlich schwer mit der Kandidatenauswahl, denn engagierte junge Menschen wie Jens und Clara sind immer schwieriger zu finden.
Die Bewerberzahl habe in den vergangenen Jahren zwischen 40 und 80 geschwankt, sagt leicht irritiert Antonia Albrecht vom Jugendreferat der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen, die für das Projekt massiv trommelte, gemeinsam mit dem anderen Träger, dem Deutschen Nationalkomitee für Internationale Jugendarbeit. Sehr gute Kandidaten haben sie zwar gefunden, verwundert über die geringe Nachfrage waren sie aber schon.
Finden sich etwa nicht mehr genug junge Leute für ehrenamtliche Aufgaben? Laut dem Freiwilligensurvey, einer Untersuchung zur Zivilgesellschaft und zum freiwilligen Engagement vom Frühjahr 2010, ist die Bereitschaft dazu bei Jugendlichen in den letzten zehn Jahren zurückgegangen. Sie sank bei den 20- bis 24-jährigen Studenten um fünf Prozentpunkte auf 40 Prozent.
Enger Zeitplan im Bachelor-Studium
Die Untersuchung nennt als möglichen Grund "dem freiwilligen Engagement entgegenwirkende Effekte des Bachelor-Systems" - die zeitliche Verdichtung im Studium. Zudem hätten Jugendliche inzwischen häufiger den Anspruch, freiwillige Tätigkeiten mit beruflichen Vorteilen zu verbinden, so die Autoren. Das sei "Ausdruck einer Gesellschaft, die Jugendlichen in immer kürzerer Zeit immer mehr abverlangt".
Die "pragmatische Generation" nennt sie deshalb Mathias Albert. Der Bielefelder Jugendforscher und Politikwissenschaftler hält aber nichts von einem abwertenden Klischee a la "die Jugend von heute", den das sei so alt wie der Begriff der Jugend. Zudem werde auch in den Medien besonders über Jugendliche berichtet, die auf die schiefe Bahn geraten, eher selten über die Normalen und Engagierten.
Von Parteien allerdings wollten die Jungen eher selten etwas wissen, so Albert: "Jugendliche binden sich heute eher ungern in festen Organisationen." Politikverdrossenheit sei das nicht - nur eine Politikerverdrossenheit lasse sich empirisch belegen.
Auch Jens Christoph Parker studiert in einem anstrengenden Bachelor-Studiengang, sieht sein Engagement aber als Pflicht: "Das ist wichtig für die Gesellschaft. Man gibt anderen Menschen etwas und lernt dabei selbst unheimlich viel dazu." Oft ist Parker drei bis vier Tage in der Woche auf Deutschland-Tour, seine Uni gewährt ihm die Freiräume, die er braucht. Die Freude an den zahlreichen Begegnungen mit anderen jungen Menschen überwiegt.
Engagiert hat sich Parker schon immer - als Gruppenleiter bei der DLRG, beim Schülerkabarett, als Nachwuchsdichter beim Poetry Slam. Mit 18 trat er in die Grüne Jugend und bei Amnesty International ein. "Auch wenn ich da schon immer viel unterwegs war, ist das Jugenddelegiertenprogramm noch mal eine Stufe mehr Belastung - aber eine eindeutig positive."
Für Jens Christoph ist das Studium momentan Nebensache
Zurzeit geht es bei ihm aber so stressig zu, dass "das Studium zur Nebensache wird". Die Hektik begann schon 2009 mit der Nominierung: Wer Jugenddelegierter werden will, muss ein kniffliges Auswahlverfahren durchstehen. Das Programm ist eine Mischung aus Fragen zur Weltpolitik und zur Uno, aus Rhetoriktalent und Assessment-Center.
Manche Vorgänger hatten sich Urlaubssemester genommen, Jens Christoph studiert weiter in seinem dualen Studium bei der Commerzbank und an der Berufsakademie Rhein-Main. Damit stecken er und seine Mitstreiterin, die Soziale Arbeit studiert, in einem Fulltime-Job, doch der ist äußerst lohnenswerter, findet die Frankfurter Politikprofessorin Tanja Brühl.
Als Fachfrau für internationale Institutionen kennt Brühl sich mit der Uno und Politiksimulationen aus. "Das Jugenddelegierten-Programm ist toll, weil die Teilnehmer eine einmalige Chance bekommen, hinter die Kulissen der Uno zu schauen." Zwar werde sich in einer Institution mit 192 Staaten, die als schwerfällig gilt und von Lobbygruppen wie NGOs beeinflusst wird, nicht plötzlich Grundlegendes durch einen kurzen Auftritt Jugendlichen ändern - aber vielleicht könne es den Horizont von ein paar Delegierte öffnen, so die Professorin.
Politikmachen sei aber auch nicht der zentrale Aspekt des Programms. Wichtiger sei, dass "die jungen Menschen einen Professionalisierungsschub bekommen und rhetorische Kniffe lernen". Wenn die Jugenddelegierten erst einmal vor der Generalversammlung gesprochen hätten, seien sie vor allen nachfolgenden Reden nicht mehr nervös - "was soll danach noch Höheres kommen?"
Jens weiß es noch nicht. "Beruflich halte ich mir alles offen - aber engagieren werde ich mich wohl immer", sagt er und muss schon wieder weiter, zum nächsten Termin. Denn viele Jugendliche in Deutschland haben ihm noch einige Geschichten nach New York mitzugeben.
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man merkt, sie haben nie im bachelor studiert... ich bin kurz vorm abschluss, und habe viele pruefungen vorgezogen aus hoeheren semestern; haette ich das nicht, waere es nicht moeglich gewesen es in regelzeit zu schaffen. [...] mehr...
Wie schön, dass man das mangelnde Verwantwortungsgefühl der deutschen Studenten auf den Bachelor schieben kann. Sind wir mal ehrlich: So ein Bachelor-Studium bringt auch nicht mehr als eine 40 Stunden-Woche (eher weniger). Wer [...] mehr...
die finanzierung ist wirklich nicht einfach. nicht jeder student kann es schaffen, uni und "job" als jugenddelegierter unter einen hut zu bringen. bei einem urlaubssemester gibt es jedoch kein bafög mehr. und wenn man [...] mehr...
Ich nehme an dass sich so wenige melden weil ein Ehrenamt, bei dem man mal eben durch Europa und die Welt tingelt, finanziert werden will. Das kann nur ein bestimmter Typ Student, der dann die Jugendlichen in NY vertreten soll? [...] mehr...
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