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27.06.2010
 

US-Uni Berkeley

Gentests für Erstsemester provozieren Protest

Von Cinthia Briseño

Universität Berkley: Erbgutanalyse als Begrüßungsgeschenk für ErstsemesterZur Großansicht
AP

Universität Berkley: Erbgutanalyse als Begrüßungsgeschenk für Erstsemester

Revolutionäre Idee, riesige Aufregung: Im Begrüßungspaket für die Erstsemester 2010 liegt an der Universität von Berkeley ein Wattestäbchen bei. Damit will die Hochschule die DNA der Neulinge testen und so eine Debatte über Gentests entfachen. Das hat geklappt - von vielen Seiten kommt Kritik.

Bevor die Freshmen zum ersten Mal als Studenten den Campus der University of California in Berkeley (UCB) betreten, erhalten sie ein Willkommenspaket mit einer kleinen Überraschung. Die Erstsemester bekommen neben zahlreichen Informationsbroschüren über ihre berühmte Uni ein Buch geschenkt. 2009 war es "The Omnivore's Dilemma" von Michael Pollan, ein Sachbuch über die Qual der Wahl in Sachen Ernährung. Die Neulinge sollen sich der Tradition folgend im Sommer der Lektüre widmen, damit sie im Herbst zum Studienstart mit den Grundlagen des campusweiten Diskussionsthemas vertraut sind.

Nun beginnt in Kürze das Semester 2010/11 - und es wird kein Buch geben, allerdings eine intensive Diskussion.

Denn die Studenten bekommen diesmal ein steril verpacktes Wattestäbchen geschenkt. Dieses sollen sie in den Mund führen, einen Abstrich von ihrer Wangenschleimhaut entnehmen und es an die Universität zurückschicken.

Die Aktion ist freiwillig. Niemand wird gezwungen, einen Teil seiner Zellen abzugeben. Aber die Idee, die der Genetikprofessor Jasper Rine hatte, sollte der Tradition der UCB einen zeitgemäßeren Charakter verleihen: In diesem Jahr dreht sich das Einführungsprogramm um das Thema Erbgutanalysen für jedermann. Nutzen, Risiken, ethische Debatten, philosophische Exkurse, das ganze Spektrum. Beim Versand von insgesamt 5500 Wattestäbchen wollte die Universität mindestens 1000 Teilnehmer finden.

Aus den Speichelproben sollte nicht das gesamte Erbgut analysiert werden, was ein zu kostspieliges Unterfangen wäre - derzeit kostet es rund 4000 US-Dollar, den gesamten genetischen Bauplan eines Menschen abzulesen. Die Universität will nur die Proben an privates Gendiagnostiklabor schicken und dort von jedem Studenten drei Gene sequenzieren lassen, die beim Abbau von Alkohol, Laktose und Folsäure eine Rolle spielen. Die Ergebnisse sollen anonymisiert an Forscher der Universität geschickt und anonym veröffentlicht werden. Somit wäre die Universität im Besitz der genetischen Daten. Nach Abschluss der Untersuchung wird das DNA-Material vernichtet werden.

"Wir dachten, damit eine fesselndere Debatte auszulösen als wenn wir die Studenten ein Buch oder eine Studie lesen lassen", sagte Mark Schlissel, Dekan im Fachbereich Biologie. Auch Semesterprojekt-Koordinatorin Alix Schwartz war überzeugt, die Gentests gäben dem Einführungsprogramm eine neue, durchaus intellektuelle Note. Dem war nicht so. Der revolutionäre Ansatz der Universitätsleitung hat stattdessen einen Sturm der Entrüstung entfacht.

Wie gut bauen die Studenten Alkohol ab?

Der Präsident der Wissenschaftlervereinigung Council for Responsible Genetics, Jeremy Gruber, schrieb der Universität: "Ich rate Ihnen dringend, diesen DNA-Feldversuch abzublasen, und diese Erfahrung als Diskussionsgrundlage zu nutzen." Kimberly TallBear vom Science, Technology and Society Center der UCB sagte, es sei ethisch bedenklich, dass die Universität Eigentümer der Daten wäre. "Wir wissen nicht, was bei dem Test herauskommt. Diejenigen, die ihre Speichelproben freiwillig abgeben, sollten die Kontrolle über ihre eigenen Daten behalten", sagte sie der "Mercury News".

Die Kritiker befürchten, dass bei Studenten der Eindruck entstehen könnte, die Universität empfehle die in den USA schon weit verbreiteten, aber umstrittenen Tests. Firmen wie 23andMe, die es in den vergangenen Jahren immer wieder in die Schlagzeilen schafften, bieten ihren Kunden an, zum Beispiel das Risiko für bestimmte Erkrankungen genetisch einschätzen zu lassen.

Die Verantwortlichen an der Universität weisen die Kritik zurück. "Die heftige Reaktion hat mich etwas überrascht", sagte Dekan Schlissel. Man habe die Gene, die analysiert werden sollen, mit Bedacht gewählt, argumentiert die Hochschule. Sie stünden nicht mit ernsten Gesundheitsproblemen in Verbindung. Die Ergebnisse würden den Studenten voraussichtlich bloß Dinge bestätigen, die sie eh schon von sich wüssten, sagt der Genetikprofessor Rine.

Außerdem würden solche Gentests in den kommenden Jahrzehnten zum Alltag der Medizin gehören, sagt Schlissel. Daher sei es wichtig, Studenten mit dem Thema zu konfrontieren.

Um die Studenten zur Teilnahme zu reizen, wollte die Universitätsleitung unter allen Teilnehmern eine ausführliche Analyse ihres Erbguts durch 23andMe verlosen. Inzwischen ist man davon abgerückt - nicht zuletzt, weil die Firma erst kürzlich DNA-Ergebnisse ihrer Kunden vertauscht hatte. Seither fordert die US-Aufsichtsbehörde FDA eine strengere Regulierung der Gentest-Unternehmen.

Eines ist der Universität bereits jetzt schon gelungen - sie hat die Debatte über Ethik und Moral von Gentests mehr den je ins Rollen gebracht.

mit Material von apn

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