Die Wohnung von Liu Jun ist alles andere als ein Palast - und er muss sie sich mit zwei Mitbewohnern teilen. Sie haben gemeinsam nur ein Bett. Eine nackte Glühbirne hängt an der Decke. Das ist alles, was sich der 24-jährige Softwareingenieur leisten kann. "Ich habe davon geträumt in der großen Stadt meinen eigenen Weg zum Erfolg zu finden", sagt Liu.
"Ameisenvolk" nannte der Wissenschaftler Lian Si sein Buch über die nach 1980 geborene Generation junger Chinesen. Wie die Insekten sind sie fleißig, strebsam, umtriebig - und hausen in Kolonien. Die chinesischen Metropolen wie Shanghai oder Peking sind umzingelt von solchen Wohnsilos voller junger, gut ausgebildeter Menschen. Optimistisch gestartet, haben die meisten von ihnen eine Bruchlandung in der Realität des Wirtschaftswunderlands China hingelegt. Nun warten sie in ihren Wohnhöhlen vor der Stadt auf die Chance, aus dem Kollektiv auszubrechen.
Wie so viele seiner Altersgenossen steckt Liu Jun erst einmal fest. Seine Wohnung liegt etwa eine Stunde nördlich der Pekinger Innenstadt in Tangjialing. Das frühere Bauerndorf ist heute eine Satellitenstadt am äußersten Rand der Hauptstadt. Die Entwicklung begann 2003, als IT-Firmen wie der Computerhersteller Lenovo und der chinesische Suchmaschinenriese Baidu ihre Firmensitze dort errichteten.
Bald darauf schossen überall neue fünf- und sechsstöckige Betonhäuser aus dem Boden. Die Miete für die winzigen Wohnungen beträgt umgerechnet etwa 35 bis 80 Euro im Monat. Wer 12 Euro drauflegt, bekommt sogar ein eigenes Bad. Alle anderen müssen in die öffentlichen Badehäuser gehen.
Privilegierte Generation, problematischer Wohnungsmarkt
Die nach 1980 geborenen Chinesen gehören zu einer privilegierten Generation. Ihre Eltern wurden noch von den radikalen ideologischen Gesellschaftsexperimenten der Kommunistischen Partei in Chaos und Armut gestürzt. Die Kinder kennen nur ständig wachsenden Wohlstand. Sie haben gesehen, wie in den Städten neue glänzende Bürotürme in die Höhe gewachsen sind. Hunderte Millionen Chinesen entkamen der Armut.
Und selbst für einfache Menschen wurden Statussymbole erreichbar, die frührer nur den Privilegierten zugänglich waren - eine gute Ausbildung, Autos, Auslandsreisen. Vielen gilt eine Universitätsausbildung als schnellster Weg zum Wohlstand. In diesem Jahr werden nach einer in chinesischen Medien veröffentlichten Schätzung 70 Prozent der Oberschulabgänger auf eine Hochschule wechseln. 1980 betrug der Anteil noch 20 Prozent.
Doch mittlerweile gibt es in China mehr Uni-Absolventen als Jobs. Das drückt die Löhne, während die Wohnkosten steigen. Die Immobilienpreise haben sich in den großen Städten in den vergangenen drei Jahren verdoppelt. Die Löhne sind in diesen Regionen zwischen 2005 und 2009 dagegen nur um 40 Prozent gestiegen.
Chinesische Version des amerikanischen Traums
"Eine Stelle zu finden, die genug Geld einbringt, um zu überleben, ist schwerer, als ich dachte", sagt Ren Yanguang. Er verdient als Praktikant bei einer Pekinger Softwarefirma umgerechnet 120 Euro im Monat - ein Viertel des Durchschnittseinkommens. "Es ist frustrierend. Wenn ich nicht bald eine richtige Stelle finde, bleibt mir keine andere Wahl als fortzugehen."
Für viele, die wie Lian von den Bauernhöfen ihrer Eltern oder aus Kleinstädten in die Metropole gezogen sind, ist das eine Horrorvorstellung. Sie befürchten, als Versager dazustehen. "Es klingt natürlich gut, wenn die Eltern dem ganzen Dorf erzählen können, dass der Sohn in der Hauptstadt arbeitet", sagt Lian.
Auch für den Softwareingenieur Liu waren seine Eltern der Grund, nach Peking zu gehen. Allerdings gegen deren Wunsch. Liu wollte sich die chinesische Version des amerikanischen Traums erfüllen - etwas Geld ansparen und eine eigene Softwarefirma gründen. Seine Eltern wollten ihn nach seinem Abschluss an der Universität lieber auf einer komfortablen Stelle bei einem Staatsunternehmen in ihrer Heimatprovinz unterbringen. "Ich bin nach Peking gekommen, weil ich Freiheit wollte, auch von ihnen", sagt Liu.
Jetzt teilt er sich mit zwei ehemaligen Kommilitonen das Zimmer für umgerechnet 70 Euro im Monat. Und es ist sogar eine der besseren Wohnungen. Sie ist ausgestattet mit einem Doppelbett, zwei Schreibtischen und einem Kleiderschrank. Es gibt auch ein eigenes Bad und - anders als in den billigen Zimmern - ein kleines Fenster, das ein paar Lichtstrahlen in ihre Höhle lässt. Das ist alles, was sich Liu leisten kann, solange er noch zum "Ameisenvolk" gehört.
Von Chi-Chi Zhang, APD/jon
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