Von Sandy Richter
Die Fußballhymnen, Hupen und Tröten sind schon von weitem zu hören. Menschen in voller Fanmontur strömen zum Schauplatz mit Großbildleinwand. Auch Manfred hat extra seinen Deutschlandschal mitgebracht. Helga und Irmgard hingegen konnten sich schon für unsere schwarz-rot-gelben Fußballhüte begeistern. Nur Dieter mag sich noch nicht recht als Rudelgucker outen.
Dieter: So ein Quark, wir sind doch noch gar nicht drin.
Wie sieht es denn mit der Public Viewing-Erfahrung unserer Rentner aus?
Helga: Sonst schauen Dieter und ich die Spiele zu Hause im Fernsehen. Aber eher die abends, nachmittags nicht so.
Manfred: Ich habe ja eine Jahreskarte für Dynamo. Das ist ja auch nicht viel anders wie hier.
Noch 30 Minuten bis zum Anpfiff. Der Ansturm am Eingang ist groß. Die Pensionäre drängeln sich zur Seite rein. Flaschen sind tabu. Schweren Herzens aber artig werfen Irmgard, Helga und Manni ihre Wasserflaschen in die Mülltonne. Nur Dieter versucht den Kontrolleur zu bezirzen.
Dieter: Och, ist doch nur eine kleine, muss ich die denn wirklich wegschmeißen?
Kein Pardon, Dieter, die Flasche fliegt in den Müll! Sonst gibt's einen Platzverweis. Unsere Rentner dürfen das Spiel auf der VIP-Tribüne verfolgen. Sozusagen die Light-Version des Massenjubelns. Mit Tisch, Stühlen und ganz viel Platz. Die Viererkette manövriert sich gekonnt durch die Massen und nimmt die Plätze ein. Nanu, saß nicht eben noch Irmgard neben Dieter?!
Irmgard: Die Jungs wollen zusammen sitzen.
Manfred: Na, ich muss dem Dieter doch was erklären!
Hmm, welche Ablösesumme da wohl geflossen ist... Nach der fachlichen Unterstützung soll Dieter nun auch optische Beihilfe bekommen: Für ihn gibt es zwei Winkehände. Dieter fängt an zu pusten.
Dieter: Keine Chance! Hier tut sich nichts. Da kann ich pusten, wie ich will.
Das Spiel beginnt. Und wenn man sportliche Großereignisse in der Meute schaut, darf natürlich ordentlicher Krach nicht fehlen. Irmgard ist mutig und greift zum unbeliebten südafrikanischen Blasinstrument.
Irmgard: Haste gehört! Ein bissel was war zu hören.
Mhhh, für uns kamen da nur Luftgeräusche raus. Noch ein paar Mal eher erfolgloses Pusten, dann legt Irmgard die Vuvuzela beiseite.
Irmgard: Ach herrje, jetzt tut mir meine Gusche weh. Ich nehme lieber wieder die Tröte!
Helga: Ich bleib bei meiner Rassel!
38. Minute: Ein Tor. Leider für Serbien.
Dieter: Gott oh Gott!
Manfred: Na, wenn sie hier unentschieden rausgehen, sind sie gut bedient.
Irmgard: Warte doch erstmal ab.
Helga: Ich seh schon: Die sind froh, wenn sie hier eins schießen.
60 Minute: Podolski versemmelt den Elfmeter.
Manfred: Das kann doch nicht wahr sein! Das war doch schon fast geschenkt!
Irmgard: Das geht ja an die Nerven!
Dieter: Das gibt's doch nicht!
Irmgard: Der Löw heult gleich!
Die Menge auch. Kein Grund zum Jubeln. Apopros: Jubeln die Jungspunde in der ersten Reihe anders als gesetzte Rentner?
Manfred: Rentner, ältere Leute sind genauso emotional wie die jungen Leute. Mitunter gehen sie noch mehr hoch.
Dieter: Vielleicht ein bisschen kritischer.
Irmgard: Die schimpfen mehr!
73 Minute: Die fünfte Karte für Deutschland. Diesmal für Schweini.
Manfred: Jetzt gibt es die nächste Gelbe. Das war mir klar, das kann nicht sein. Der Schiri ist trotzdem ein Blödmann!
Irmgard seufzt: Ich kann da gar nicht hinschauen.
Irmgard drückt unseren Jungs die Daumen - na, ob das jetzt noch viel hilft? Noch drei Minuten Nachspielzeit. Schlusspfiff. Deutschlands Bilanz: fünf gelbe Karten und vier enttäuschte Rentner.
Manfred: Das war's.
Dieter: Och neee!
Irmgard: Das ist ein Mist. Nee, das ist gemein.
Helga: Also, ich hätte nicht gedacht, dass das Spiel so endet.
Die Reihen lichten sich, die Fans treten nach diesem ernüchternden Spiel den Heimweg an. Doch bevor sich auch unsere Ballexperten auf den Weg machen, wollen wir wissen: Wie hat es denn den Herrschaften gefallen?
Irmgard: Das ist schon was anderes, mit so vielen Leuten zu schauen. Früher gab es das ja so nicht.
Manfred: Also ich würde mich sogar mal richtig mit rein setzen.
Dieter: Wenn man einmal da mit drin ist, seinen Platz gefunden hat, ist das bestimmt nicht weiter schlimm.
Helga: Na ja, ich weiß ja nicht. Wenn die dir dann in die Ohren tröten.
Irmgard: Wenn die besser spielen, schreit man ja automatisch mit.
Von Sandy Richter, Jugendmagazin "Spiesser"
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