ThemaStudienfinanzierungRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
12.07.2010
 

Alptraum Promotion

Doktoranden vor der Pleite

Von Johannes Pennekamp

Streikende Studenten (in Berlin 2009): Für viele ist die Studienfinanzierung eine QualZur Großansicht
DPA

Streikende Studenten (in Berlin 2009): Für viele ist die Studienfinanzierung eine Qual

Dumpinglöhne, Selbstausbeutung und sehr viel Arbeit: Zehntausende deutsche Doktoranden leben in prekären Verhältnissen. Statt sich um den notleidenden Forschernachwuchs zu kümmern, setzen die Universitäten auf Prestigeprojekte. Jetzt regt sich Widerstand.

Bevor Michael Bahn vor 80 Studenten tritt, um ihnen die "Typenbildung in Theaterstücken" nahezubringen, schluckt er noch schnell ein Stück Traubenzucker. Ihm knurrt der Magen, auf ein ausgiebiges Frühstück am Morgen musste er verzichten. "Das Geld reicht einfach nicht", sagt der dürre Doktorand.

Bahn, 28, finanziert seine Doktorarbeit mit einem Lehrauftrag an der Uni Potsdam. Für sein Proseminar, das jede Woche aus allen Nähten platzt, überweist ihm die Hochschule einmalig 504 Euro fürs ganze Semester. Bezahlt werden nur die eineinhalb Stunden Seminarzeit, für Vorbereitung, Sprechstunden und die Korrektur von Hausarbeiten bekommt Bahn keinen Cent. "Wenn man diese Zeit mitrechnet, verdiene ich weniger als vier Euro pro Stunde", rechnet der Germanist vor.

Mit dem Lohn für Nachhilfestunden und einem Wohngeldzuschuss vom Amt summiert sich Bahns monatliches Budget auf rund 400 Euro. Er zehrt seine letzten Ersparnisse auf und ist darauf angewiesen, dass seine Oma ihm ab und zu einen Schein zusteckt, Theater- oder Kinobesuche, sagt er, seien schon lange nicht mehr drin.

Sein Studium hat Bahn vor einem Jahr mit der Traumnote 1,0 abgeschlossen. Die Promotion: ein Alptraum, finanziell jedenfalls.

Jeder dritte Doktorand ist vom sozialen Absturz bedroht

Während die Schwierigkeiten der Studenten dank Hörsaalbesetzungen und Bildungsstreiks in der politischen Diskussion präsent sind, bleiben die Probleme einer anderen wichtigen Gruppe an den Hochschulen weitgehend unsichtbar. Zehntausende Doktoranden leben in prekären Verhältnissen. Sie müssen sich die ersehnte Doktorwürde erkämpfen, indem sie Jahre durchleiden, in denen sie es mit der eigenen Würde nicht so genau nehmen dürfen.

Was sagen die Promotions-Experten?

Die Promotion, das einstige Prunkstück einer deutschen Bildungskarriere, verliert ihren Glanz. Der "Dr.", die schicken zwei Buchstaben vor dem Namen, ist heute auch eine Chiffre für Existenzangst. Für eine Zeit im Leben, die sich viele gern ersparen würden, wenn es eine Alternative gäbe.

Jeder dritte der bundesweit rund 100.000 Doktoranden ist vom sozialen Absturz bedroht, schätzt Matthias Neis, der bei der Gewerkschaft Ver.di für den Wissenschaftsnachwuchs zuständig ist. Es müsste sich um das gleiche Drittel handeln, das sich laut einer neuen Studie "ausgesprochen unzufrieden" mit seiner Situation zeigt.

Auf Neis' Schreibtisch stapeln sich die Beschwerden. "Immer mehr Doktoranden beklagen sich über Dumpinglöhne und Ausbeutung", sagt der Gewerkschafter. Betroffen sind nicht nur Promovierende, die sich wie Michael Bahn mit Lehraufträgen über Wasser halten müssen oder sich von Stipendium zu Stipendium hangeln - gerade hat auch Bahn eines an Land gezogen, das ihn ab Oktober für drei Jahre ernähren wird.

Forschen unter haarsträubenden Bedingungen

Ver.di ermittelte im vergangenen Jahr, dass selbst Doktoranden mit einer halben Stelle am Lehrstuhl oft unter haarsträubenden Bedingungen promovieren. Sie müssen für die Uni durchschnittlich fast doppelt so viel arbeiten wie vertraglich vereinbart, für die eigene Forschung bleibt nur das Wochenende.

Von den Hochschulen ist kaum Unterstützung zu erwarten, ihre Hilfe für Doktoranden erschöpft sich darin, Prestigeprojekte wie Doktorandenkollegs und interdisziplinäre Graduiertenschulen in die Welt zu setzen. Dort forschen die Doktoranden nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern meist in Gruppen an Großprojekten, am besten interdisziplinär. Dafür gibt es Geld von der Politik, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Exzellenz zu belohnen.

Bildungspolitiker und Hochschulrektoren verkaufen das aus den USA importierte Konzept gern als Allheilmittel: Die Promotionsstudenten sollen so besser unterstützt werden. "Viele der Programme sind nicht ausreichend finanziert", kritisiert hingegen die Hochschulforscherin Barbara Kehm. Und Gewerkschafter Neis bemängelt, dass die Kollegs gar nicht oder nur mit kurzfristigen Stipendien verbunden sind: "Wenn die Förderungen auslaufen, fallen die Doktoranden ins Bodenlose." Nach Schätzungen der Hochschulrektorenkonferenz promovieren ohnehin nur 10 bis 15 Prozent der Doktoranden an den Kollegs.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 119 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
17.08.2010 von rocky balboa: Re:

In der Tat wusste ich das: Es gingen Namenslisten herum, wo die Pflichthörer sich eintragen mussten, und ich war einer von sehr wenigen, die sich dort nicht eingetragen haben. mehr...

17.08.2010 von DanielaMund: Dies ist kein Titel...

Sie haben sich als Student einer anderen Fachrichtung in die Philosophie-Vorlesung gesetzt. Wissen Sie, wieviele Ihrer Sitznachbarn Philosophie im Hauptfach studiert haben, und wieviele einfach aus demselben Grund wie Sie in der [...] mehr...

17.08.2010 von Humorlos07: Ursachenforschung?

Mit welcher vorauseilenden Unterwürfigkeit sich hier manche dem vermeintlich allheilenden Marktdiktats andienen, finde ich nicht nur angesichts der herrschenden Krise(n) und Bankenrettungen, gelinde gesagt, nur peinlich, devot und [...] mehr...

17.08.2010 von AnnaAborigine: Unfassbar

Dass Doktoranden sich derart abrackern müssen, um dann auf Annehmlichkeiten wie Freizeit, Kino und sogar ihr Frühstück verzichten zu müssen, und HarzIV Empfänger den lieben langen Tag zu Hause vor sich hinbrüten, in ihren 98qm [...] mehr...

16.08.2010 von mmueller60: x

Zynismus auf Kosten anderer ist ein Armutszeugnis. ---Zitatende--- Ich lege eine Packung Toastbroat (750g, also die großen Sandwichscheiben!) für 69 Cent drauf. Gerne auch 100 Stück im Voraus für ein Jahr. mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium
alles zum Thema Studienfinanzierung

© UniSPIEGEL 4/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



UniSPIEGEL

Heft 4/2010 Schlau, aber arm Die Not der Promotionsstudenten

Geizhals-Diplom

DDP
Geld raushauen kann jeder, die Kröten zusammenhalten nicht. Bist du fit genug für ein Leben als armer Student? Entdecke den Schwaben in dir - mit dem Sparer-Quiz. mehr...

So klappt's mit dem Bafög

Louise Heymans
Was verdient der Bruder? Was passiert beim Fachwechsel, was nach der Regelstudienzeit? Ein Bafög-Antrag braucht viele Formulare und stellt dutzende verzwickte Fragen - Antworten im SPIEGEL-ONLINE-Bafög-Ratgeber.

Sieben Schritte zum Stipendium

Tipps zum Schaulaufen

"Eine Vorbereitung auf das Auswahlverfahren ist weder möglich noch gewollt", heißt es bei der Studienstiftung des deutschen Volkes. Das muss man ja nicht so sehen. Hier sieben Ratschläge, wie man den Weg zum Stipendium etwas entspannter angehen kann und beim Auswahlseminar eine gute Figur macht.

1. Das Referatsthema

2. Die Gruppendiskussion

3. Aktuelle Themen

4. Lebenslauf

5. Pannen können passieren

6. Organisation

7. Dresscode



Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...



TOP



TOP