Von Lisa Srikiow
Shuhei Inoue ist auf der Suche nach Adrian Horn, einem einflussreichen Mann in Köln. Das war Horn jedenfalls im Jahr 1587, als Amtsleiter der Barbiere, so nannten sich im Mittelalter die Krankenpfleger. Doktorand Inoue will wissen, wie sich Horn und seine Zunft gegen die Konkurrenz, die Ärzte, behaupteten.
Er hätte das in uralten Dokumenten nachlesen können, die das Kölner Stadtarchiv verwahrt. Nur: Das Kölner Stadtarchiv gibt es nicht mehr. Am 3. März 2009 stürzte das Gebäude in sich zusammen, es rauschte in den Abgrund, der sich auftat, als ein neuer U-Bahn-Tunnel kollabierte. Grobe Schlampereien beim Bau hatten zu der Katastrophe geführt.
Zwei Menschen starben, und die Stadt bangte um ihr Gedächtnis, um Handschriften von berühmten Kölnern wie Albertus Magnus oder Friedrich Barbarossa, um den Nachlass von Heinrich Böll.
85 Prozent der verschütteten Archivalien sind inzwischen geborgen, sie warten, verteilt in Asyl-Archiven im ganzen Land, auf ihre Restaurierung. Noch ist unklar, wann und in welchem Zustand die schwer beschädigten Stücke zurück nach Köln kommen. Es fehlen auch - die Akten über Adrian Horn.
Extra Deutsch gelernt, um die Urkunden im Original zu lesen
Deshalb sitzt der 32-jährige Inoue nun jeden Tag vor einem altertümlichen Mikrofilmlesegerät. Der Japaner legt Schwarzweißfilme in die gläserne Klappe und schiebt sie in den Belichtungsapparat. Auf diese Mikrofiches wurden die alten Urkunden und Krankenhausakten, die er für sein Studium braucht, einst gebannt und in unterirdische Stollen im Schwarzwald eingelagert. Damals fürchtete man noch den Atomkrieg - wer dachte schon an einen Archiveinsturz?
Das ist Inoues Glück, doch die Lektüre ist nicht ganz einfach. Zunächst muss er recherchieren, welche Mikrofiches er benötigt, und hoffen, dass sie ein paar Tage später im provisorischen Lesesaal des Archivs eintreffen. Für ihn sind speziell Randnotizen und Durchgestrichenes interessant. Gerade solche Aufzeichnungen sind aber kaum zu erkennen, Inoue sucht angestrengt den Bildschirm ab. Damit er die Seiten besser lesen kann, scannt er sie und bearbeitet die Bilder am eigenen Rechner, um die Qualität zu verbessern.
Dabei war es ausgerechnet die gute Quellenlage, deretwegen Inoue aus Tokio nach Deutschland kam. Bei der Abteilung für Rheinische Landesgeschichte der Universität Bonn hat er sich vor vier Jahren eingeschrieben, um zu promovieren: über ein Thema, das ihn schon während seiner Bachelor- und seiner Master-Arbeit fasziniert hat: Randgruppen im Mittelalter. Er hat eigens Deutsch gelernt, um die Urkunden im Original lesen zu können. Das ist nun nicht mehr möglich.
"Meine ganze Lebensplanung ist durcheinandergeraten"
Vor den Trümmern ihrer Arbeit steht auch Muriel González, die sich als Historikerin auf Frauengeschichte im alten Köln spezialisiert hat - sie arbeitete gerade an ihrer Doktorarbeit über Kölner Handwerkerinnen. Sechs Jahre lang sollte sie zwei Bestände des Stadtarchivs digitalisieren und wollte zugleich über das Thema habilitieren.
Nach dem Einsturz wurde das Projekt ersatzlos gestrichen. "Meine ganze Lebensplanung ist durcheinandergeraten, der Einsturz war ein Schock für mich", sagt die 38-Jährige. Nun geht Muriel erst einmal nach Barcelona, um dort als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu arbeiten - sie braucht Abstand zu Köln.
Die Historikerin war der Katastrophe nur um Haaresbreite entronnen: Sie geschah an einem Dienstag, dem Tag, an dem Muriel immer im Archiv arbeitete - sie war gerade auf dem Weg dorthin, als ihre Mutter sie in Panik anrief.
Und Shuhei Inoue sagt: "Ich konnte es nicht glauben." Erst als er den Fernseher, das Radio und das Internet gleichzeitig anschaltete, habe er verstanden, dass das Unfassbare Wirklichkeit war.
Vorgezogene Hochzeit dank des zusammengekrachten Stadtachivs
Inoue beschloss zu helfen. Gemeinsam mit einem anderen Japaner, der wie er in Bonn studiert hatte, sammelte er Unterschriften für einen Appell an die Stadt Köln, die Restaurierung schneller voranzutreiben.
"Uns war es aber auch wichtig zu zeigen, dass die Menschen in Japan Anteil am Schicksal des Kölner Stadtarchivs nehmen", erzählt Inoue. 140 Historiker unterzeichneten den Aufruf, außerdem sammelten Inoue und seine Mitstreiter 1000 Euro für das Stadtarchiv, alles Spenden aus Japan.
Seine Doktorarbeit muss Inoue nun anhand der Mikrofilme ohne Originale abschließen. Ob er die je zu sehen bekommt, ist unklar.
Etwas Positives kann der japanische Doktorand dem Drama um das Kölner Stadtarchiv trotz allem abgewinnen. "Weil sich meine Promotion um mindestens ein Jahr verzögert, muss ich länger in Deutschland bleiben." Inoue lächelt verlegen. "Aber meine Freundin in Japan und ich wollten nicht mehr voneinander getrennt sein. Im letzten Sommer haben wir deshalb geheiratet. Jetzt leben wir hier, in Köln."
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Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch extra gründlich, so lange bis alles verjährt ist. Wollen wir wetten?! mehr...
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