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08.08.2010
 

Erfinderschule

Schwimmende Herde für den Titicacasee

Von Jonas Nonnenmann

Erfinder-Kurs: Spinnen für eine andere Welt
Fotos

Schräge Ideen sind die Wirklichkeit von morgen, lernen Nachwuchserfinder in Waiblingen. In der Außenstelle der Stuttgarter Kunstakademie sollen sie nicht alte Dinge verbessern, sondern neue für die Zukunft entwickeln. Einige Spinnereien setzten die Studenten auch um, etwa auf dem Titicacasee in Peru.

Ohne kreatives Talent wäre Professor George Teodorescu, 63, gar nicht erst in Deutschland gelandet. Als der Rumäne Anfang 30 war und vom Sozialismus in seiner Heimat genug hatte, schlich er sich am Hafen auf einen Frachter, montierte ein Bullauge ab und versteckte sich in der Doppelwand des Schiffs.

Zwölf Tage später befreite Teodorescu sich: Vor der spanischen Hafenstadt Almeria sprang er ins Wasser und schwamm zur Küste. Mit Hilfe von Bekannten gelangte er nach Deutschland.

Inzwischen haben sich Teodorescus Haare gelichtet, aber die Augen sind wach geblieben. In Waiblingen, einer Außenstelle der Stuttgarter Kunstakademie, gibt er seinen Erfindergeist weiter. Master of Integral Studies heißt sein Programm, eine Mischung aus Design und Ingenieurstechnik, Schöngeisterei mit einer Portion schwäbischer Bodenständigkeit. Kurz: ein Erfinderstudium.

Angeschlossen an die Außenstelle ist das International Institute for Integral Innovation. Zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen bietet Teodorescu, einziger Professor, Erfindungen und Kreativitätstrainings an.

"Wir verlangen Frische und Humor", sagt der Professor

Die 17 Master-Studenten kommen aus Indien, Chile, Mazedonien oder von der schwäbischen Alb, unterrichtet wird auf Englisch. Bewerben können sich Naturwissenschaftler und Designer, aber neben dem Abschluss fordert Teodorescu eine andere Art von Profil. "Wir verlangen Frische und Humor", sagt er, "auf jeden Fall aber Originalität. Neuartige Perspektiven sind mir wichtiger als technisch einwandfreie Lösungen."

Wer einen Studienplatz ergattert, darf sich zum Beispiel im Auftrag des Motorsägenherstellers Stihl mit der Frage beschäftigen, wie sich Holz leichter schneiden lässt. Lösungsvorschlag: Eine Methode, die das Holz im Innern angreift - ohne Lärm, ohne Hitze. Mehr will Teodorescu nicht verraten. Serienreif ist der Vorschlag noch nicht, aber das sei gar nicht das Ziel: "Bei uns geht es um Vorentwicklung", sagt er.

Marktreife Erfindungen entstehen trotzdem ab und an. Als Beispiel nennt der Professor eine Warnpyramide, die immer in der gleichen Form landet, wenn man sie auf die Straße wirft. Das Aufstellen sei nun weniger gefährlich als beim klassischen Warndreieck. "Leider verdienen daran bisher nur die Patentbrecher", sagt Teodorescu, "aber vielleicht pochen wir eines Tages auf unser Recht."

Mancher Absolvent hat sich nach dem Studium selbständig gemacht. Der Koreaner Jin Young Lee etwa. Der hält ein Patent auf den "Rolly Cook", einen tragbaren Herd, in dem sich die Kochbehälter zwischen zwei Wärmewänden drehen. "Auf diese Weise kann sich die Wärme besser verteilen", lobt Teodorescu, "das Essen schmeckt so viel besser."

Autos auf Schienen?

Was macht eine gute Erfindung aus? "Man braucht vor allem einen neuen Ansatz", sagt der Professor. Viel zu oft werde Energie verschwendet, um bestehende Lösungen zu verschlimmbessern. "Oft hilft es, einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen, wo denn das eigentliche Problem liegt", empfiehlt er. Im Fall des Holzes war es die Härte, beim Dreieck die Form.

Auch für Elektroautos hat der Cheferfinder einen Vorschlag: Um die Batterien klein zu halten, könnten Autos doch nach einem Radwechsel auf intelligent gesteuerten Bahngleisen fahren. Und die Züge? "Die braucht man dann nicht mehr", sagt Teodorescu. Klingt unmöglich - "aber wenn früher jemand vom Internet erzählt hat, da glaubten viele auch, das funktioniere nicht". Spätestens, wenn Benzin unbezahlbar werde und die Straßen überfüllt, glaubt Teodorescu, könne die belächelte Idee interessant werden.

Praxis auf dem Titicacasee in Peru

Praxisnäher arbeiteten die angehenden Erfinder auf ihrer Reise nach Peru: Mit Studenten der Katholischen Universität Lima arbeiteten sie daran, das Leben auf den schwimmenden Inseln des Titicacasees zu verbessern. Dort leben die Urus, ein Volk, das seit Jahrhunderten aus Totora-Schilf Inseln herstellt und vor allem vom Tourismus lebt. Einige der Waiblinger Studenten entwickelten ein System zur Wasserversorgung, andere installierten Mini-Kraftwerke, die ihre Energie aus den Temperaturschwankungen des Sees gewinnen. Die Urus revanchierten sich, indem sie den Erfindern zeigten, wie man aus dem Schilf zehn Meter hohe Gebäude formt.

"Totora ist ein Material mit faszinierenden Eigenschaften", findet Teodorescu, eine davon sei die Anpassung an extreme Temperaturen. Heute untersuchen die Waiblinger Erfinder, wie sich das Schilf im deutschen Klima verhält.

Gesponsert wurde der Peru-Aufenthalt vom Deutschen Akademischen Auslanddienst (DAAD) sowie von Privatfirmen. Auch das Honorar für Projektarbeiten wie das der Motorsägen-Optimierung sind dem Projekt Totora zugutegekommen. Ein wenig Kleingeld sollten Studenten trotzdem mitbringen, wegen der Studiengebühren: Tausend Euro pro Semester kostet der Master-Studiengang derzeit.

Optimierter Herd, der auf dem Wasser schwimmt

Studentin Gabriela Shandulovska, 39, war in Peru dabei. Am Titicacasee entwickelte sie einen Keramikherd, der im Wasser schwimmt. Vorher stand der auf Totora-Schilf, was im wahrsten Wortsinn brandgefährlich war. Heute entsteht als Nebenprodukt warmes Wasser, das die Urus zum Baden verwenden.

"Ich finde es toll, dass wir gleichzeitig neue Techniken lernen und das Leben von Menschen verbessern", schwärmt Shandulovska, die aus Mazedonien stammt und dort zwölf Jahre als Ingenieurin in der Entwicklungshilfe arbeitete. Nach dem Studium will sie Spielzeug entwickeln, das kreativ macht, angelehnt an die Pädagogik Montessoris.

Teodorescu indes arbeitet daran, das wiederzubeleben, was bei seinen Studenten an kindlicher Kreativität übrig ist. Wenn er nicht gerade in Spanien ist. In Almeria kehrte der Professor vor kurzem an die Stelle zurück, an der er vor 30 Jahren angeschwommen kam. Bevor er wieder abreiste, ließ Teodorecu eine Flasche Champagner ins Wasser laufen - um sein Jubiläum zu feiern.

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