ThemaOrchideenfächerRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
11.08.2010
 

Mini-Studiengang

Besuch bei den Meistern der Logik

Von Petra Sorge

Ist doch logisch: Deutschlands kleinster Studiengang
Fotos
Petra Sorge

Die Studenten in Deutschlands kleinstem Studiengang kennen weder Wartelisten noch Fußbodenplätze im Hörsaal. Beim Master-Studium Logik an der Uni Leipzig sind die Bedingungen himmlisch: Fünf Studenten lernen von drei Professoren. Und oft kommt es ihnen vor, als würden sie nur spielen.

Professor Ingolf Max malt ein "B" an die Tafel. Darunter zieht er zwei Linien und ergänzt die Worte "das Wahre" sowie "das Falsche". Das Schaubild soll erklären, wie Gottlob Frege die Wahrheit definiert. Kein leichter Stoff.

Das Quietschen der Kreide hallt in dem großen Seminarraum wider. Der Raum ist für rund sechzig Studenten ausgelegt. Die Stühle stehen eng an eng, Tische gibt es aus Platzgründen nicht, stattdessen ein ausklappbares Brett neben der Sitzfläche.

In Max' Seminar "Nicht-klassische Logiken" sitzen aber nur sechs Teilnehmer. Zwei Gasthörer und in der ersten Reihe vier Studenten - Wiebke Nadler, Jana Thesing , Rainer Benz und Daniel Skurt. Die vier sind im Fach Logik eingeschrieben. Der Master-Studiengang gehört nicht nur zu den kleinsten an einer öffentlichen Hochschule. Die Universität Leipzig ist auch die einzige in Deutschland, die das Fach als eingenständiges Masterstudium anbietet.

Wenn Studenten einmal krank sind, wird es noch familiärer, erzählt Rainer Benz, 27: "Letzte Woche etwa waren wir mit dem Dozenten zu dritt." Die Studenten wollten nicht im Seminarraum bleiben. "Da sind wir dann in den kleineren Beratungsraum gegangen." Im Vorzimmer des Professors. Ab und zu gibt ein Dozent auch mal einen Kaffee für seine Studenten aus. Zu Weihnachten brachte eine Kommilitonin Plätzchen mit. Und im Juni lud einer der Professoren seine Studenten zur Grillfeier ein.

"Hat man einen Beweis, ist man auch irgendwie fertig"

Die Logik ist ein Mikrokosmos, in dem sich nur Denker bewegen. Es geht um Definitionen, Beweise und Ableitungen. Die Logik hinterfragt das Gesetzte - und schafft Grundlagen für andere Fächer. Freges Definition des Faches fasst Rainer Benz so zusammen: "Logik gilt als Gesetz des Wahrseins." Ihn interessieren die Angebote der Logik - intelligente Systeme, Wahrscheinlichkeiten, Induktion - so sehr, dass er sich nach seinem Bachelorstudium Wirtschaftsinformatik noch einmal neu orientierte.

Wiebke Nadler hatte bereits ein ganzes Diplomstudium in der Tasche, als sie sich für den zweijährigen Logikmaster einschrieb. "In der Biochemie kann man ein halbes Jahr im Labor stehen und es kommt nichts dabei heraus", sagt sie. In der Logik sei das ganz anders: "Wenn man einen Beweis hat, hat man sofort ein Erfolgserlebnis - und ist auch irgendwie fertig."

Von dem Zahlenverhältnis im Master Logik können die meisten der 30.000 Studenten an der Uni Leipzig nur träumen: Drei Professoren und fünf Lehrbeauftragte stehen insgesamt fünf Studenten gegenüber.

Kelvin Autenrieth studiert Logik als einziger bereits im zweiten Jahr. Anfangs war er sogar oft mit dem Professor allein. "Da hat man einen gesunden Druck, zu kommen, anders als bei Seminaren mit 40 und mehr Studenten, wo es nicht auffällt, wenn man mal wegbleibt." Er konnte alles fragen, auch Persönliches und Dinge tun, bei denen Dozenten für gewöhnlich die Nase rümpfen - zum Beispiel "die Wurststulle rausholen".

Sprechen nach Zahlen

Die Leipziger Logik wurde in den fünfziger und sechziger Jahren von Philosophen wie Ernst Bloch oder Lothar Kreiser aufgebaut. Nach der Wende erhielten Logik und Wissenschaftstheorie ein eigenes Institut in der Fakultät, an dem bis zu 250 Studenten eingeschrieben waren. Doch 2005 wurde der Logik als Magisterstudiengang abgeschafft, weil die Uni sparen musste.

Erst die Bologna-Reform bot Studiendekan Ingolf Max und den anderen Professoren eine neue Chance: Die Logik wurde nun als nicht-konsekutiver, also mit allen Bachelor-Abschlüssen kombinierbarer, Master eingerichtet.

Für Kelvin Autenrieth war das ein Glücksfall. Er hatte sich nach seinem Abitur zunächst an einem technischen Studiengang versucht. Doch der junge Mann ist ein Denker, kein Praktiker und wechselte zur Philosophie, wo er erstmals mit der Logik in Kontakt kam. Das war zunächst etwas "gezwungen", erinnert er sich, aber "als ich begriffen habe, wie das Ganze funktioniert, hat es ziemlich viel Spaß gemacht".

Die Logik ist für ihn wie ein Spiel und so sind auch manche Seminare angelegt. Zum Beispiel, wenn sich der Professor mit Hendrik Stelling, dem ersten Doktoranden des Logikstudiengangs, duelliert. Da wird Sprache in Zahlen ausgedrückt, werden Wikipedia-Artikel zerpflückt. Master-Student Autenrieth beschäftigt sich auch in seiner Abschlussarbeit mit Spielen und deren Regeln. Er könnte sich vorstellen, später in der Spielindustrie zu arbeiten.

Die Absolventen des auslaufenden Magisterstudiengangs sind in verschiedenen Branchen untergekommen, etwa bei Banken, Verlagen, Versicherungen oder Softwareunternehmen. In Leipzig haben sie das Argumentieren gelernt, oder, wie Autenrieth sagt, "die Kunst des präzisen Denkens". Mit ihm hatten sich drei Studenten eingeschrieben, doch alle gaben nach und nach auf. Dann fragte der Professor seine letzten verbleibenden Studenten aus dem ersten Jahrgang, ob er nicht sein Assistent werden wolle. "Es gab ja sonst keinen anderen Kandidaten", sagt Autenrieth.

Das Massenstudium kennen die Logiker nur als Tutoren

Heute ist er als studentische Hilfskraft angestellt und arbeitet als Tutor. Autenrieth und seine vier Master-Kommilitonen leiten Übungen, insgesamt organisieren sie 18 Veranstaltungen und so ein ganzes Modul für die rund 450 Bachelorstudenten an der philosophischen Fakultät.

Dann sitzen den jungen Logikern bis zu 40 Teilnehmer gegenüber und sie erfahren, was Massenstudium wohl bedeutet. Die Räume sind oft überfüllt und die Stimmung ist mies. "Achtzig Prozent der Leute sitzen lethargisch in der Ecke und würden am liebsten schreiend wieder rausrennen", sagt Autenrieth.

Dass Studiendekan Ingolf Max sein kleines Master-Grüppchen breit streut, hilft dem Fach. Die Studenten geben Tutorien in Philosophie, Linguistik, Informatik, und sogar Angebote in systematischer Musikwissenschaft und Indologie sind geplant. Die gute Vernetzung stärkt die Position der Logik an der Massenuni Leipzig.

Ob es auch in Zukunft genügend im Master-Studium Logik gestählte Nachwuchsdenker geben wird, entscheidet sich bis Mitte August. Bis dahin können sich Interessenten für den Masterstudiengang im kommenden Semester anmelden. Die Leipziger Logik hofft auch auf Zuwachs, schließlich sind sieben Plätze zu besetzen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 12 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
13.08.2010 von ol_n: Hut ab!

Vollständigkeit, Korrektheit, Logische Konsequenz, Kalkül des Natürlichen Schließens.... Ich bewundere Menschen die so etwas studieren. mehr...

12.08.2010 von zwaps: was

also hier herrscht ja wirklich der Impuls alles neue schlechtzureden. Gerade wenn es um Bildungs geht, sind ja heute alle dumm und früher zu "unserer Zeit" war alles besser/härter/toller etc. Richtig? (Tipp: Stimmt [...] mehr...

12.08.2010 von humbert_humbert: ...

@ vhf Bis jetzt wird der Studiengang nicht als Fernstudium angeboten. Ich denke auch, dass das in Zukunft so bleiben wird, wegen mangelnden Interesses. Wenn du weitere Fragen hast, kann ich sie dir aber gern beantworten. mehr...

12.08.2010 von al_x: Unterschied

Mich hätte in dem Artikel ja interessiert, wie genau sich der Masterstudiengang Logik von einem Mathematik-Master mit Schwerpunktgebiet Logik unterscheidet. Systematische Musikwissenschaft wird da jedenfalls wohl kaum gemacht. mehr...

11.08.2010 von horstedeka: Logik

Ich weiß ja nicht ob du genau weißt, was (formale) Logik ist, aber meiner Meinung nach ist ein eigener Studiengang durchaus gerechtfertigt. Quasi als Studium, in dem man Logik betreibt, die mathematisch, philosophisch, [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium
alles zum Thema Orchideenfächer

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Hochschulkompass

DDP
Wo kann man Komparatistik studieren? Oder Pharmazie? Und Jura im Nebenfach? Alle Fächer, alle Abschlüsse, alle Orte - mit dem Hochschul-Kompass auf SPIEGEL ONLINE navigiert man durch die Studiengänge deutscher Hochschulen. mehr...



Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...




TOP



TOP