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08.09.2010
 

Nach dem Uni-Rauswurf

Letzte Chance, vorbei

Von Ingo Schümmer

Exmatrikulation: ...und raus bist du
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Ingo Schümmer

Was tun, wenn der Exmatrikulator kommt? Gescheiterte Studenten gehen meist still, leise und schwer geknickt. Wie es sich anfühlt, wenn das Nichts-geht-mehr-Einschreiben kommt, erzählen Thomas, Daniel und Sarah - und sie verraten, warum es gar nicht so weit hätte kommen müssen.

"Alles in mir schien sich zusammenzuziehen." An den Moment der Wahrheit, den Augenblick als er unweigerlich exmatrikuliert war, erinnert sich Thomas* wie an eine Szene aus einem ganz persönlichen Horrorfilm. Er schaut starr auf ein Sideboard aus Holz, auf dem nur die ordentlich aufgereihten Studien-Fachbücher daran erinnern, dass das hier mal eine Studentenbude war.

Thomas, 25, studierte sieben Semester Maschinenbau an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Bald wird er nun in seinem Regal Platz für Berufsschulbücher machen müssen.

Das Ende seines Studentenlebens ist ihm noch immer sehr präsent: Im Info-Kasten an der Uni hing eine Liste mit Matrikelnummern - den Nummern der Studenten, die durch die Prüfung gefallen waren. Für Thomas hieß das zugleich: Exmatrikulation. Schon als er die Liste von weitem sah, fühlte sich Thomas gebremst - "als hinge ich an einer Kette", wie er sagt. Er wollte es erst nicht glauben, überprüfte die Nummer bestimmt fünfmal, doch geändert hat es nichts.

Thomas ist mit seinem Scheitern nicht allein: In einer Befragung von 2500 Studienabbrechern durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Jahr 2008, gaben elf Prozent der Befragten eine vergeigte entscheidende Prüfungen als Grund für den Studienabbruch an, fast ein Drittel machte Prüfungen oder allgemeine Leistungsprobleme verantwortlich.

"Ich habe nicht gemerkt, was sich zusammenbraut"

Viele erkennen den Ernst der Lage zu spät. Auch Thomas ärgert, dass er erst für den letzten Versuch wirklich alle Kräfte mobilisiert hatte: "Ich hab einfach nicht gemerkt, was sich da am Horizont zusammen braute, es lief in den anderen Fächern einfach zu gut."

Bei Daniel* war es anders: Schwarze Wolken trüben ihm vor der entscheidenden Prüfung schon lange die Sicht. Nach vier Semestern Technikjournalismus an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist klar, dass für seine Studienwahl einseitiges Talent nicht ausreicht. In den journalistischen Fächern lief es richtig gut. In Mathe I, Physik und Elektrotechnik überhaupt nicht. Seine mäßigen Noten lassen ihn zweifeln: Verrenne ich mich? Die Vorbereitungen auf den finalen Versuch seiner Matheprüfung geraten ins Stocken. Später wird er sagen, was für seine Freundin zu diesem Zeitpunkt schon klar ist: Die Prüfung war nicht zu schaffen. Trotzdem pokert er mit Halbwissen.

Als der Prüfer zum Hinlegen der Stifte auffordert, ist klar, dass es knapp wird. Noch am selben Abend macht er, wie er sagt, endlich das Richtige: Er schreibt eine Bewerbung für eine Ausbildungsstelle. "Man sollte hart mit sich ins Gericht gehen und rechtzeitig eine Entscheidung treffen. Sonst übernimmt das die Uni für einen, und das tut deutlich mehr weh", warnt er. Daniel hat Glück im Unglück: Prompt schafft er es auf Anraten seines ehemaligen Chefs aus Zivildienstzeiten an eine Erzieherschule in Köln. Die Ausbildung läuft seit Mitte August und mache ihm großen Spaß, sagt der Ex-Student.

Unglückliche Studenten, die Meister der Verdrängung

Wie bei Daniel läuft es nicht immer. Psychologische Berater beobachten häufig, dass Studenten ihre Probleme wegschieben, statt sich ihnen zu stellen: "Einige unserer Fälle haben über Jahre eine schwierige Klausur mitgeschleppt und sich selbst in die Ecke manövriert. Besonders hart trifft es dann diejenigen, deren Berufswunsch zu 100 Prozent von dieser Prüfung abhing. Für einen Neuanfang bedarf es dann vieler mentaler Schritte", sagt Cornelia Pfleiderer, Psychologin der Universität Bonn.

Einen langen Leidensweg hat auch Sarah* hinter sich. Sechs Semester studiert sie BWL an der Uni Magdeburg, nicht alle Fächer mag sie, trotzdem laufen die Klausuren rund - bis auf eine. Mikroökonomie, gefürchtet wegen Prof und Prüfung, verlangt ihr alles ab: dritter Versuch, Härtefallantrag, vierter Versuch, das volle Programm. Nach sechs Semestern ist der Kampf mit sich und gegen einen Professor mit dem Spitznamen "Exmatrikulator" endgültig verloren. Sarah: "Es ist, als würde einen die große Liebe vor dem Altar stehen lassen. Man denkt sich nur, das kann jetzt nicht wahr sein." Für viele ihrer Kommilitonen ist das Thema damit gegessen, für Sarah nicht: "Ich hab die ganzen Prüfungen doch nicht umsonst geschrieben!"

Sie liebt ihr Fach, sie ist 24 Jahre alt, Aufhören ist keine Option. Ein gewagter Wunsch, denn eine Zwangsexmatrikulation bedeutet für die Betroffenen in der Regel eine deutschlandweite Sperre auf ihr Studienfach. Eine Freundin half ihr beim Durcharbeiten unzähliger Prüfungsordnungen. Viele Lehranstalten winkten trotzdem ab. Die geringen Unterschiede des Bachelor-Abschlusses an Universitäten und Fachhochschulen verhinderten vielerorts den Wechsel. Ihre Chance bekam sie schließlich an einer Fachhochschule mit anderer Prüfungsordnung. Die nicht anerkannten Leistungen holt sie jetzt nach. Mit Erfolg.

Die Prüfung vermasselt, den Freund verloren

Die Vergangenheit betrachtet sie jetzt aus einem anderen Blickwinkel: "Ich habe mir am Ende emotional zu viel aufgeladen." Die letzten Prüfungsversuche waren für sie kein fachlicher, sondern ein persönlicher Kampf. Ein Fehler. Die gefühlte Unbezwingbarkeit der Aufgabe lähmte ihren Verstand, der K.o. ließ sie hart fallen: "Ich habe fast eine Woche heulend auf dem Boden neben meinem Schreibtisch verbracht." Freunden und Verwandten fiel der Zugang zu ihr zunächst sehr schwer. Niemand konnte helfen, besonders auf oberflächlichen Trost wie "Das wird schon wieder!" oder "Ist doch nicht so schlimm!" reagiert sie aggressiv. Auch die Beziehung zu ihrem damaligen Freund, der die schwierige Prüfung auf Anhieb schafft, hielt dem Belastungstest nicht stand.

"Man sollte die Betroffenen lieber auf ihre Stärken hinweisen und seine uneingeschränkte Sympathie, die nicht leistungsgebunden ist, versichern. Vermeiden sollte man überflüssigen Druck, denn dass derjenige nun etwas anderes finden muss, weiß er natürlich selber", empfiehlt dazu Psychologin Pfleiderer. Sie und ihre Kollegen hätten beobachtet, dass es für die Überwindung des Tiefpunkts wichtig ist, sein Selbstwertgefühl nicht völlig über den Erfolg des Studiums zu definieren.

Auch wenn sie gescheitert sind, Thomas, Daniel und Sarah sind sich in einem Punkt einig: Vor schwierigen Prüfungen sollte man immer mit einem schweren Test rechnen und sich vorbereiten, als wäre es das letzte Mal. Das schmälert zwar den Spaß am Studieren, aber spätestens wenn man mit den Kommilitonen auf die nächste Runde anstoßen kann, ist das Schnee von gestern.

* Die Namen wurden abgekürzt, die vollen Namen sind der Redaktion bekannt.

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24.09.2010 von WernerGg: Ganze 26 Wochenstunden

Bin ich nicht. Sondern Mathematiker, habe eine IT-Firma und arbeite derzeit in Saudi Arabien als Geo-Hydrologe. Bin trotz (wegen?) meiner 60 Jahre schwer am Lernen und habe großen Spaß daran. Übrigens auch am Lehren. Früher habe [...] mehr...

21.09.2010 von SirTurbo: Aktion automatische Überschrift

Wieso? Der wusste, daß er nicht schlecht genug war um BWL-Klausuren zu vergeigen^^ mehr...

21.09.2010 von SirTurbo: Aktion automatische Überschrift

Warum? Weil es wahr ist? Weil die Betroffenen das nicht hören wollen? Wobei "die schlechtesten" etwas übertrieben ist - schliesslich gibt es noch BWL und ähnliche Dünnbrettbohrerstudiengänge... mehr...

21.09.2010 von SirTurbo: Aktion automatische Überschrift

Ganz einfach - das liegt daran, daß es Profs und Assis gibt, die offen zugeben nie ein Programmierprojekt zum erfolgreichen Abschluss gebracht zu haben. Und ihrerseits sich für ihr Unvermögen nicht etwa schämen, sondern Wert auf [...] mehr...

13.09.2010 von GyrosPita: Ich gebe einen Titel mehr an

Wahre Worte. Ich hatte, als ich keinen Plan in Makroökonomie hatte, versucht mir Skripte von anderen Hochschulen downzuloaden um evtl. so einen besseren Zugang zur Materie zu unterhalten. Keine Chance, ich mußte mich mehrfach [...] mehr...

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Schreibwerkstatt

Der Artikel ist im Rahmen eines Lehrprojekts an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Zusammenarbeit mit SPIEGEL ONLINE entstanden. Das Projekt leiteten Professor Andreas Schümchen und Initiator Roman Przibylla.


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