Erste Erasmus-Studenten: "Du willst ein Jahr ins Ausland gehen?"

Ein Lebenslauf ohne Auslandsstation wirkt heute seltsam leer. Vor 25 Jahren allerdings galt Erasmus-Student Michael Obrock als verwegener Abenteurer. Weder Eltern noch Freunde hielten seinen Plan für klug, als einer der Ersten für ein Studienjahr wegzugehen. Und dann auch noch nach England!

Erasmus-Pionier in England: "Manche ließen sich Care-Pakete schicken" Fotos
Michael Obrock

"Damals war ein Auslandssemester noch etwas ganz Besonderes. Zwei Semester habe ich vor 25 Jahren in England, in Coventry, studiert. Damit war ich ein Exot.

Wenn ich davon erzählte, fragte jeder: 'Was, du willst wirklich ein Jahr ins Ausland gehen?' Der Freundeskreis zeigte eine wohlwollende Skepsis. Die Eltern waren etwas schockiert, obwohl sie es von der Bundeswehrzeit her gewöhnt waren, dass ich nicht mehr zu Hause war.

Ich studierte Mechanical Engineer Studies an der FH Osnabrück, ein damals neuer europäischer Studiengang. Wir waren die Pilotgruppe, keiner konnte uns von seinen Erfahrungen erzählen. In Osnabrück war bis vor kurzem die größte englische Garnison außerhalb Großbritanniens ansässig. Tausende Soldaten lebten hier mit ihren Familien. Die Engländer hatten in Osnabrück keinen besonders guten Ruf, es gab oft Randale hier. Aber ich bin trotzdem vorurteilsfrei nach England gefahren, schließlich wusste ich, dass nicht alle so sind.

"Manche ließen sich Care-Pakete schicken"

Die Umstellung auf das englische Essen, gern Gebratenes oder Frittiertes, haben nicht alle meiner Kommilitonen vertragen. Manche ließen sich Care-Pakete schicken: Schwarzbrot, Filterkaffee und Käse. Mich hat das Essen nicht gestört.

Ich bin mit rund 25 Osnabrücker Studenten gemeinsam nach England gegangen, habe aber versucht, nicht nur mit Deutschen zusammenzuhängen. Es gab Deutsche, die haben sich gemeinsam ein Haus gemietet. Sie haben natürlich untereinander nur Deutsch geredet. Ich habe mit anderen Ausländern und mit Engländern zusammengewohnt.

Ich lese heute oft von Leuten, die ein Jahr ins Ausland gehen, um nur Party zu machen. Das verstehe ich nicht. In England war seinerzeit noch um 23 Uhr Sperrstunde. Dann konnten wir uns noch ein Bier bestellen und danach nach Hause gehen, morgens dann wieder in die Uni. Am Wochenende haben wir versucht rauszukommen, wir sind auch mal mit dem Zug nach London gefahren oder waren eine Woche in Schottland.

Als wir wieder in Osnabrück waren, gab es so Fragestunden à la: 'Erzähl mal, wie läuft es da?' Wir haben ja vieles erlebt, was unausgegoren war. Die Studieninhalte wurden erst während des Studiums festgelegt, die deutschen und englischen Fächer waren noch nicht aufeinander abgestimmt, und wir kannten die einzelnen Studienmodule vor Ort am Anfang gar nicht. Die Fächeranerkennung ist aber letztlich gut gelaufen. Schwierig waren auch die Vokabeln. Das haben wir den jüngeren Studenten auch gesagt. Die nächste Generation hat dann fleißig Fachwörter gebüffelt.

Heute betreue ich weltweit die Lieferanten eines Automobilzulieferers, diesen Job habe ich quasi durch das Studium und die Auslandserfahrung bekommen. Ich habe den enormen Vorteil, dass ich damals so gut Englisch gelernt habe. Davon profitiere ich immer noch."

Aufgezeichnet von Robert Schmidt

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Pionier vor 25 Jahren? Schlecht recherchiert, Spiegel Online!
kölsche jung 26.06.2012
Mal ganz ehrlich: Auslandssemester gab es schon vor ewigen Zeiten. meine Mutter war 1968 ein Semester in Birmingham und meine Großmutter 1937 in Genf. Zwar waren das damals natürlich noch keine Massenphänomene, aber so zu tun, als ob vor 25 Jahren Pioniere am Werk waren, die (laut Text ja bereits im Rudel) nach England gingen – das ist nun wohl doch etwas übertrieben.
2. Langweilig
felix_bach 26.06.2012
Osnabrueck scheint etwas absets der Welt zu liegen. Ich habe vor fast 30 Jahren 2 Semester in England studiert und das war schon damals mittlerweile recht normal. ETwas mehr ueber die ERfahhrungen in England haette der Autor schon mitteilen koennen. Eigentlich haben wir nutr erfahren, dass es frittiertes gab....Ich hatte meine beste Studienzeit in England, bin immer wieder mal da gewesen und lebe nun dauerhaft im Koeniginnenreich. zurueckwieder zurueckgt.
3.
Spieegel 26.06.2012
Zitat von kölsche jungMal ganz ehrlich: Auslandssemester gab es schon vor ewigen Zeiten. meine Mutter war 1968 ein Semester in Birmingham und meine Großmutter 1937 in Genf. Zwar waren das damals natürlich noch keine Massenphänomene, aber so zu tun, als ob vor 25 Jahren Pioniere am Werk waren, die (laut Text ja bereits im Rudel) nach England gingen – das ist nun wohl doch etwas übertrieben.
Gemeint ist hier wohl eher das Erasmus-Programm, für welches sie die Pioniere waren. Das andere schon vorher ins Ausland gingen, weiß man ja auch, siehe hierzu Albert Einstein, der ebenfalls verschiedene Stationen in seinem Lebenslauf vorweisen konnte. Und eins darf man nicht vergessen; heute ermöglicht es nahezu jeden ein Auslandssemester zu machen, dank Förderung durch Erasmus sowie dem Auslandsbafög (wobei erstere sehr marginal ist, ich erhielt im Jahr 2010 knapp 130,-€/Monat). Ich glaube, dass ging zu Zeiten deiner Großmutter nicht ohne weiteres. Ich kann allen empfehlen, ein Auslandssemester zu absolvieren. Neben vielen internationalen Bekanntschaften lernt man die Universitäten anderer Länder und das Land selbst kennen. Ich war übrigens in Istanbul und werde wahrscheinlich jetzt im Masterstudiengang noch einmal nach Istanbul gehen. Die Stadt ist einfach gigantisch. Erasmus erhält man allerdings nur einmal.
4. Erasmus
BonChauvi 26.06.2012
Zitat von SpieegelGemeint ist hier wohl eher das Erasmus-Programm, für welches sie die Pioniere waren. Das andere schon vorher ins Ausland gingen, weiß man ja auch, siehe hierzu Albert Einstein, der ebenfalls verschiedene Stationen in seinem Lebenslauf vorweisen konnte. Und eins darf man nicht vergessen; heute ermöglicht es nahezu jeden ein Auslandssemester zu machen, dank Förderung durch Erasmus sowie dem Auslandsbafög (wobei erstere sehr marginal ist, ich erhielt im Jahr 2010 knapp 130,-€/Monat). Ich glaube, dass ging zu Zeiten deiner Großmutter nicht ohne weiteres. Ich kann allen empfehlen, ein Auslandssemester zu absolvieren. Neben vielen internationalen Bekanntschaften lernt man die Universitäten anderer Länder und das Land selbst kennen. Ich war übrigens in Istanbul und werde wahrscheinlich jetzt im Masterstudiengang noch einmal nach Istanbul gehen. Die Stadt ist einfach gigantisch. Erasmus erhält man allerdings nur einmal.
War zeitgleich mit dem Autor als einer der ersten Erasmusstudenten in Frankreich. Habe damals schon schön viel Party gemacht und gelernt, dass die (zurecht) vielgerühmte französische Küchenkunst auf Unikantinen nicht abfärbt (würg....)
5. Nothing new under the sun
cybion 26.06.2012
Kommentator 1 hat völlig recht. Schon während meiner Studienzeit (ab 1969) waren Auslandssemester, teilweise über den DAAD und andere Organisationen, sehr verbreitet. Viele meiner Kommilitonen verbrachten 1 oder 2 Semester in England/Schottland (Edinburgh), Chicago - damals Partneruni von Frankfurt - 'Oxbridge' - etc., was zu einer regen Reise- und Besuchstätigkeit führte, denn man wohnte entweder in Studentenwohnheimen oder WGs mit Einheimischen, so dass man das wirkliche und nicht das Erasmusleben erfuhr. Richtig ist, dass heute mehr Länder zu Auswahl stehen, aber halt mit den bekannten Einschränkungen. Also, Jung-SPON-Journalisten: die 'moderne' Zeitrechnung begann schon vor Erasmus!
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Zur Person
  • Michael Obrock
    3244 Studenten gehören zur ersten Erasmus-Generation. Sie studierten vor 25 Jahren erstmals mit dem Stipendium in einem anderen europäischen Land. Michael Obrock, Jahrgang 1960, war einer von ihnen. Er studierte an der FH Osnabrück Mechanical Engineer Studies und ging mit Erasmus für zwei Semester nach England. Heute lebt er in Osnabrück und arbeitet bei einem Autoteile-Zulieferer.
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