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68er-Kongress des SDS: Sozialismus, aber bitte Flatrate!

Von Martin Kaul

Sie gerieren sich als wahre Erben der 68er, wollen eine neue Studentenrevolte lostreten und trommeln für Karl-Marx-Lesekreise: Mit dem Verband SDS buhlt die Linkspartei um Studenten. Am Wochenende träumten 1600 Berliner Kongressteilnehmer vom Tod des Kapitalismus.

Der Sozialismus ist gar nicht tot. Er nimmt nur einen neuen Anlauf. So sehen es die meisten der 1600 Studenten, Schüler, Wissenschaftler und Gewerkschafter, die am Wochenende aus der ganzen Republik in die Hauptstadt kamen. Der SDS als Hochschulverband der Linkspartei hatte zu einer 68er-Nachlese an die Berliner Humboldt-Uni geladen. Über dem Hauptportal der Universität prangte in Lila ein Stofftransparent mit der Aufschrift: "Sozialismus - und zwar Flatrate."

Sind Deutschlands Studenten dafür wirklich empfangsbereit? Oder sitzen sie vor lauter Lernsklaverei hinter dicken Campus-Mauern ganz tief im Funkloch und traben trotz Studiengebühren und Sozialabbau in lethargischem Fleiß durch die Uni-Gänge? Die selbsternannten Erben von Karl Marx, vor genau 190 Jahren geboren, glauben zu wissen: Der neue SDS kann die zur Revolte bereiten Studenten sammeln. "Es gilt, endlich das zentrale Emanzipationsversprechen der sechziger Jahre einzulösen", sagt Steffi Graf, Bundesvorstandsmitglied bei den Nachwuchs-Revolutionären. Und das wäre bitte? Natürlich dies: "die Abschaffung des Kapitalismus."

Normalerweise gähnt die Mehrheit der Studenten nur müde, wenn auf Vollversammlungen mit der Bekämpfung von Anwesenheitslisten gleich der ganze Kapitalismus beseitigt werden soll. Doch wie die Linkspartei im Bund mobilisiert, so erhält auch ihr Hochschulverband SDS an den Unis enormen Zulauf: 60 Hochschulgruppen sind mittlerweile unter dem Etikett Linke.SDS organisiert, fast doppelt so viele wie noch vor einem Jahr, als der Verband sich in Frankfurt aus 34 Hochschulgruppen gründete. Sozialistisch-Demokratischer Studierendenverband heißt er seitdem - und lehnt sich damit bewusst an das historische Vorbild jenes Sozialistischen Deutschen Studentenbundes der sechziger Jahre an.

Hoch die internationale Solidarität!

Dieser Kunstgriff schafft nicht nur ein flottes Label, sondern sorgt auch für regen Zulauf bei den Sozialisten. Hunderten von Studenten und alten SDS-Veteranen haken sich 40 Jahre nach 1968 wieder unter, und dem SDS fällt große enorme Beachtung zu, von der Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel über den Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele bis in die Chefetagen der Gewerkschaften.

"In Deutschland und insbesondere auch an den Unis gibt es einen Notstand der sozialen Demokratie", sagt Hans-Jürgen Urban, im Vorstand der IG Metall zuständig für soziale Bewegungen, "für die frustrierte Studierendenschaft ist das Signal, das von diesem Kongress ausgeht, daher enorm wichtig." Alexis Passadakis ist Mitglied im globalisierungskritischen Attac-Rat. Auch er sagt: "Bei aller Kritik - dieser Hochschulverband bietet derzeit als einziger die Struktur, um an den Unis wieder etwas in Bewegung zu bringen."

Und genau darum geht es in den Hörsälen der Humboldt-Universität, von deren Wänden das Marx'sche Konterfei lächelt. Wie es sich für eine Bewegung gehört, ist alles dabei: die erregte Erhebung gegen die imperialistischen Konterrevolutionäre, das Herbeisehnen der neuen Räterepublik - und das einfache Wort jenseits des Dogmatismus. "Was wir uns geben, muss aus dem Herzen kommen und nicht aus der Tasche", sagt die Schülerin Baskin sichtlich bewegt. Die 19-Jährige aus Duisburg findet den SDS "spannend, weil sich hier unwahrscheinlich viel vernetzt".

Genau damit versucht der Parteiverband zu überzeugen, internationale Solidarität ist die Devise. So schickte der SDS erst im März 35 Delegierte nach Venezuela. Dort erprobt Staatspräsident Hugo Chávez derzeit den Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Die Linken waren eingeladen - und deren Bundestagsabgeordnete Nele Hirsch, 28, war gleich mit auf Sendung: Zur sonntäglichen venezolanischen Fernseh-Werbeschau "Aló Presidente" wurde die Ex-Studenten-Aktivistin sogar eigens in der Präsidentenmaschine eingeflogen. Das sind Freundschaften, die unter Sozialisten noch mehr überzeugen als plakative Symbolik.

Doch auch darin ist der SDS geübt: Im April benannten die Aktivistinnen sieben deutsche Universitäten um. Aus der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Uni wurde so die Karl-Marx-Uni, andere Hochschulen wurden per Erklärung zu Rudi-Dutschke- oder Rosa-Luxemburg-Universitäten gemacht. Und immer wieder fordert der SDS die Enteignung Springers.

Papa, Charly hat gesagt …

Diese und andere Eintagsfliegen gehören zu den störenden Nebengeräuschen auf dem neuen Sozialismus-Kanal. Viele Studenten reagieren genervt auf die verblichene Rhetorik: "Ich frage mich schon, wer hier so alles in den sechziger Jahren hängen geblieben ist", sagt Philipp Gauba, 23. Der Soziologie-Student ist aus Augsburg nach Berlin gereist - und nicht in einer der Jugendgruppen der Linkspartei organisiert. Perspektiven einer Bewegung? "Die sehe ich einfach nicht."

Andere hier sehen sie sehr wohl. Ab Herbst will der SDS in die Tiefe senden: Für Oktober haben die Aktivisten den Start einer bundesweiten und flächendeckenden "Kapital"-Lesebewegung ausgerufen. Erst gibt es eine Herbstakademie, dann sollen Lesegruppen in der ganzen Republik das nachholen, was in den Hörsälen immer seltener stattfindet - guter alter Kommunismus aus der ersten Stunde.

"An sich eine gute Idee", sagt Melina Sachon, 22, "es kann ja nicht schaden, mal was von Marx gehört zu haben." Doch die Pädagogik-Studentin kennt auch die Schattenseiten der revolutionären Bewegungsfreude. Sie kämpft an ihrer Heimat-Uni im Aktionsbündnis gegen Studiengebühren an ganz anderen Fronten - und weiß, dass viele Studenten von der Sozialismus-Flatrate wenig halten: "Wenn es eine Klausur am Ende des Marx-Lektürekurses gäbe, dann würden die Studierenden von heute vielleicht mitmachen. Aber die denken an Leistungspunkte und nicht an Geldwerttheorien."

Das lässt sich auch mit Marx herleiten. Der würde heute 190 Jahre alt werden - und sein deutlichstes Signal ist noch immer auf Sendung: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

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