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Frauen-Studiengänge: Lieber mono als Männer

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Frauen interessieren sich für Erziehung, Männer für Technik. Das ist nicht nur Klischee, sondern oft noch Realität an deutschen Unis. In technischen Fächern sind Studentinnen noch immer heillos unterrepräsentiert. Spezielle Studiengänge nur für Frauen sollen das ändern.

Frauen-Studiengänge: Hier lernt ein Geschlecht ganz unter sich Fotos
Miriam Olbrisch

Wenn Anja Gebert, 30, sich gegen neun Uhr auf einen der Plastiksitze in der Berliner S-Bahn fallen lässt, ihre Handtasche abstellt und sich die Haare hinter die Ohren streicht, dann atmet sie erst einmal tief durch. 50 Minuten Fahrt liegen vor ihr. 50 ruhige Minuten. Kopfhörer auf, Musik an, und einfach mal nichts denken. Nicht an den Haushalt, wo sich die Wäsche stapelt. Nicht an die bevorstehende Klausur, für die sie am Abend noch lernen muss, dann, wenn Viola und Jonas schlafen.



Während manche Mitfahrer auf dem Weg zur Uni noch schläfrig in die Welt blinzeln, ist Anja Gebert schon seit Stunden wach. Sie hat geduscht, Jeans und Pulli angezogen, ein Schulbrot für den siebenjährigen Jonas geschmiert, die Kindergartentasche für die vierjährige Viola gepackt und sich noch kurz zu den beiden ins Bett gekuschelt, um sie möglichst sanft zu wecken. Hat sie die Kinder in Kita und Schule gebracht, geht es oft noch kurz zum Einkaufen. "Meistens bin ich morgens die erste im Penny", sagt Gebert. "Die Verkäuferin denkt bestimmt, ich kann nicht schlafen." Dann schnell die Lebensmittel in den Kühlschrank räumen, die Büchertasche schnappen und ab zur Bahn.



Möglich ist das nur, weil Geberts Vorlesungen erst um Viertel vor zehn anfangen, und sie nicht bis spätabends im Hörsaal sitzen muss. Weil sie bestimmte Seminare im eLearning-Angebot von Zuhause aus besuchen kann. Weil sie einen Studiengang besucht, der auf junge Mütter zugeschnitten ist. Ein Viertel ihrer Kommilitoninnen hat ebenfalls Kinder, deutschlandweit waren 2006 nur sieben Prozent der Studenten Eltern. "Informatik und Wirtschaft" an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin ist ein reiner Frauenstudiengang. Eine männerfreie Zone.



Eine LAN-Party zur Begrüßung



Fünf Frauenstudiengänge gibt es derzeit in Deutschland, alle an Fachhochschulen. Die Fächer: Wirtschaftsinformatik, eBusiness, Wirtschaftsingenieurwesen, Informatik: alles Männerdomänen. "Junge Frauen unterschätzen häufig die eigenen technischen Kompetenzen und trauen sich deshalb kein technisches Studium zu", hat Gerlinde Schreiber beobachtet. Junge Männer seien da anders - unabhängig vom tatsächlichen Kenntnisstand. Die Professorin lehrt im Internationalen Studiengang Informatik an der Hochschule Bremen. Die Vorurteile sitzen tief - auf beiden Seiten. "Junge Frauen möchten keine Kommilitonen, die seit der Pubertät am Bildschirm kleben und PC-Spiele spielen." Auf der anderen Seite hält sich das Klischee, Frauen hätten keine Ahnung von Technik. "Wenn wir unter uns sind, hat man weniger Scheu, Fragen zu stellen", sagt Studentin Wiebke Kappenberg. "In einem gemischten Studiengang mit 200 anderen Kommilitonen würde ich damit sicher negativ auffallen."



Frauen, die personifizierte Bescheidenheit. Dass sie sich selbst oft nicht viel zutrauen, zeigt auch die Online-Umfrage "Studentenspiegel", einem Gemeinschaftsprojekt von SPIEGEL, McKinsey und StudiVZ. Gerade beim Gehalt stecken Frauen zurück: Im Durchschnitt erwarten die befragten Studentinnen ein Brutto-Einstiegsgehalt von 2627 Euro im Monat - satte 25 Prozent weniger als ihre männlichen Kommilitonen. Das liegt zum Teil daran, dass junge Frauen sich immer noch selten für technische Berufe begeistern, wo das Gehalt tendenziell über dem der klassischen Frauenberufe liegt. Professorinnen wie Gerlinde Schreiber möchten das ändern. Viele hätten zwar das Interesse für Informatik, aber noch kein Vorwissen, erläutert sie. Deshalb würde der Frauenstudiengang "komplett bei Null" anfangen. Zur Begrüßung gab es eine LAN-Party. Alltag für viele Jungs, Neuland für die meisten Mädchen.



Programmieren bei Wohnzimmeratmosphäre



In ihrem Bremer Computerlabor haben die Frauen Spuren hinterlassen: Hochglanzposter von weitläufigen Stränden erinnern an Auslandssemester in Australien. Von einem Regal aus beobachtet ein Filzhase mit Kulleraugen die Szenerie. Auf einem Beistelltisch thront eine Familienpackung Schoko-Cappucino. "Die Frauen richten es sich immer nett ein", sagt die Professorin und zupft ein welkes Blatt aus einer der zahlreichen Grünpflanzen.



Ab dem dritten Semester können die Frauen Wahlpflichtfächer zusammen mit den Studierenden aus anderen - mehrheitlich männlichen - Fachbereichen der Fakultät belegen. Das Leistungsniveau unterscheide sich da nicht, sagt Professorin Schreiber. Nur ein paar vorwitzige Sprüche müssten sich die Frauen beizeiten anhören, räumt Studentin Kappenberg ein. "Aber das legt sich schnell."



Die FH Wilhelmshaven war 1997 die erste Hochschule, die "Monoedukation" thematisierte - wie das getrennte Lernen in Hochschul-Deutsch heißt. Es ist einer von zahlreichen Versuchen, den Frauenanteil in technischen Fächern zu erhöhen. Funktioniert hat es: Von fünf auf 30 Prozent kletterte die Quote im Fach Wirtschaftsingenieurwesen bis heute. Die Hochschule bietet es in einer gemischten und in einer Frauen-Variante an. Im ersten Jahr sei der Andrang so groß gewesen, dass man sich entschied, 35 statt 30 Studentinnen aufzunehmen, erzählt die Wilhelmshavener Professorin Ulrike Schleier.



Erst unvermittelbar, jetzt gefragt wie nie



Doch es klappt nicht immer. Auch die Fachhochschule Hannover versuchte sich vor einigen Jahren mit einem Frauenstudiengang für Maschinenbau. "Das Potential junger Frauen ist in diesem Bereich noch längst nicht ausgeschöpft", erklärt der Professor Holger Stahl die damalige Motivation. Nach ein paar Semestern wurde das Projekt trotzdem wieder eingestellt. Der Grund: zu wenig Bewerberinnen. Diejenigen Frauen, die sich für Technik interessierten, wählten weiterhin den gemischten Studiengang. "Schade, dass wir solche Angebote überhaupt nötig haben", sagt der Münchner Personalberater Hermann Sendele. "Wenn die Mädchen schon in der Schule den Ton angeben, warum müssen sie sich dann an der Uni verstecken?"



Auf dem Arbeitsmarkt sind die Absolventinnen technischer Studiengänge jedenfalls gefragt wie nie. "Viele suchen explizit nach Frauen, weil es in der Praxis in erster Linie darum geht, Kundenprobleme zu lösen", sagt die Berliner Professorin Debora Weber-Wulff. Der persönliche Kontakt, Geduld und Einfühlungsvermögen seien gefragt. "Ein Heimspiel für Frauen."



Genau diese Aussicht hat Anja Gebert gerettet. "Damit finde ich später bestimmt leicht eine Stelle", hofft die zweifache Mutter. Ohne Partner und mit zwei kleinen Kindern stufte das Arbeitsamt in Berlin die gelernte Industriekauffrau einst als "unvermittelbar" ein. Für die 30-Jährige brach eine Welt zusammen.



Durch Zufall wurde sie auf den Frauenstudiengang an der HTW aufmerksam. Mit Informatik hatte sie bis dahin zwar eher wenig Kontakt, abgeschreckt hat sie das aber nicht. "Ich arbeite hart dafür", sagt sie. Mit der richtigen Motivation würde das schon irgendwie klappen. Bisher hat sie keine einzige Vorlesung verpasst. Auch wenn ihre Tage jetzt früh morgens beginnen und sie oft bis in den späten Abend hinein lernt, ist sie zufrieden: "Ich kann meinen Kindern jetzt das vorleben, was ich mir auch für sie wünsche. Ich habe mein Selbstbewusstsein wiedergefunden."



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Fünf Beispiele für Frauenstudiengänge
Women only - Frauen unter sich
Frauen sind in Technikfächern unterrepräsentiert und brauchen, wenn sie es dorthin schaffen, ein besonders dickes Fell - oder einen Studiengang nur für Frauen. "Monoedukation" heißt das in technokratischem Hochschuldeutsch. Da Ziel heißt, den Frauenanteil in technischen Fächern zu steigern. Funktioniert hat es bislang gut - auch dank dieser fünf Angebote.
Informatik und Wirtschaft, HTW Berlin
Abschluss: Bachelor of Science. Regelstudienzeit: sechs Semester (inkl. Praxissemester), http://fiw.f4.htw-berlin.de

Internationaler Frauenstudiengang Informatik, HS Bremen
Abschluss: Bachelor of Science. Regelstudienzeit: sieben Semester (inkl. Auslands- und Praxissemester) http://hs-bremen.de
WirtschaftsNetze (eBusiness), FH Furtwangen
Abschluss: Bachelor of Science, Regelstudienzeit: Sieben Semester (ink. Praxissemester, Auslandssemester möglich), http://www.more-than-an-it-girl.de/
Wirtschaftsingenieurwesen, FH Stralsund
Abschluss: Bachelor of Science, Regelstudienzeit: 7 Semester, www.fh-stralsund.de
Wirtschaftsingenieurwesen, FH Wilhelmshaven
Abschluss: Bachelor of Science, Regelstudienzeit: 7 Semester, davon die ersten 3 Semester als Frauenstudiengang, danach gemischt, http://www.fh-oow.de/
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