Abenteuer Bildung: Die Gelehrten von St. John's

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Universelle Bildung stirbt aus, Studenten lernen, was dem eigenen Fortkommen nützt. Aber nicht überall: Das amerikanische St. John's College vermittelt zeitloses Wissen von Philosophie bis Physik. Wer diesen Rundflug meistern will, hat vier Jahre lang ein extremes Lesepensum.

Wenn Christopher Nelson erklären will, was Bildung für ihn nicht bedeutet, erzählt er von seinem Sohn. Der traf auf der Suche nach einem College auf einen Dekan, der ihn umgarnte: "Mein Job ist, aus dir das beste Produkt zu machen, das auf dem Markt verkauft werden kann", habe er gesagt. "Du bist Rohmaterial, ich bin der Produzent. Gemeinsam müssen wir ein Produkt aus dir machen, das wir verkaufen können."

"Man sollte denken, er verkauft Autos - aber es ging um Bildung", sagt Nelson. Bildung als Ware, Studenten als Material, das ist für Christopher Nelson ein Graus. Er ist seit bald 18 Jahren Präsident des St. John's College in Annapolis im US-Bundesstaat Maryland. Er ist Herr über einen Campus, auf dem Bildung gelebt wird wie an kaum einem anderen Ort. "Great Books" heißt das Bachelor-Programm, gelesen werden nur die Klassiker - und das in allen Disziplinen.

Von Homer bis zu Hegel und Heisenberg

Es ist ein Programm, das an die alten Gelehrten erinnert, an Leonardo da Vinci, an Gottfried Wilhelm Leibniz: Sie hatten noch eine universelle Bildung, waren Experten in Mathematik und Medizin wie in den freien Künsten und Philosophie - was heute kaum mehr möglich ist. Die Wissenschaft spezialisiert sich in allen Disziplinen immer weiter, parzelliertes Wissen dominiert das Studium, die Fächervielfalt wächst stetig. Ein Blick in den Hochschulkompass der Rektoren zeigt: Allein an den deutschen Hochschulen gibt es rund 8900 grundständige und 4700 weiterführende Studienangebote, zerklüftet in viele hundert Einzelfächer von Abenteuerpädagogik bis Zukunftsenergien.

Dagegen wird am St. John's College seit Jahrzehnten ein und dasselbe Programm angeboten. Es ist so zeitlos wie die Klassiker selbst. Die Studenten kommen für vier Jahre in die Kleinstadt rund 40 Kilometer östlich von Washington - vier Jahre für die Lektüre der epochalen Werke in Politik und Gesellschaft, Philosophie und Theologie, Geschichte, Literatur, Mathematik und den Naturwissenschaften.

"Ein Abenteuer" nennt Felicitas Steinhoff das Studium in St. John's. Sie hat vor rund zwei Jahren das Programm als eine der wenigen internationalen Studierenden abgeschlossen. "St. John's wird eher als Underdog unter den Elite-Unis angesehen", sagt sie, "kein Wunder: Es gibt nur ein Programm."

Die Seminare beginnen bei den Wurzeln westlichen Denkens: Platon, Aristoteles, Sophokles, Homer. Das Studium folgt dann der Chronologie der Geschichte, von der griechischen Antike geht es weiter zum Römischen Reich, dann zum Mittelalter mit Autoren wie Augustinus und Thomas von Aquin. Im dritten Jahr stehen Werke und Theorien aus dem 17. und 18. Jahrhundert im Mittelpunkt, ehe im vierten und letzten Jahr die größten Herausforderungen warten - Hegel, Nietzsche, Heidegger.

Umfassende Bildung statt Trümmerwissen

Die Seminare werden begleitet von Kursen: In den ersten beiden Jahren pauken die Studenten Altgriechisch, danach zwei Jahre Französisch. In Mathematik und den Naturwissenschaften vollziehen sie die Entwicklung des Forschens nach, von Kopernikus bis Heisenberg, von Euklid bis Einstein. Zwischen 25 und 30 Wochenstunden verbringen die Studenten im Unterricht, ihr Lesepensum ist immens.

Marx' Kapital habe sie in sechs Tagen lesen müssen, sagt Steinhoff. "Und das ging noch: Allein zehn Seiten Hegel konnten zwei Stunden in Anspruch nehmen, geschweige denn drei Seiten Relativitätstheorie."

Ausflüge in fachfremde Vorlesungen - in Deutschland ist das selten geworden und eine Frage der Eigeninitiative, als freiwilliges Abendprogramm. Die Umstellung auf Bachelor und Master macht den Blick über den Gartenzaun der eigenen Disziplin noch schwieriger, Allgemeinbildung verliert an Wertschätzung. Mit ihrem "Studium fundamentale" für Studenten aller Fächer ist die private Universität Witten/Herdecke eine große Ausnahme - an den meisten deutschen Hochschulen läuft ein "Studium generale" im humanistischen Sinn lediglich als Randprogramm für Gasthörer.

Für St. John's dagegen ist der Blick über den Tellerrand das Grundprinzip. Nicht nur die Bandbreite, auch der Ablauf des Studiums unterscheidet sich von anderen Universitäten: Vorlesungen gibt es nicht, in den Seminaren kommen die Studenten zusammen, alle haben das Gleiche gelesen und diskutieren auf dieser Grundlage. Alle Kurse und Seminare sind Pflicht, wer einen Kurs nicht besteht, muss das ganze Jahr wiederholen. Schriftliche Klausuren gibt es nicht. Die Studenten schreiben Aufsätze und werden mündlich getestet, "was aber eher Diskussion anstatt Abfrage bedeutet", so Felicitas Steinhoff.

"Auf Partys wird immer noch über Philosophie diskutiert"

Die Dozenten eröffnen jede Sitzung mit einer einzelnen Frage, danach werden aus Professoren Diskussionsteilnehmer, deren Wort kein anderes Gewicht hat als das der Studenten. Es sei gar nicht vorstellbar, dass jemand ganz ohne Vorbereitung an der Diskussion teilnimmt, sagt Steinhoff: "Das wissen nach zehn Minuten alle im Raum, man wird dann verbal ins Aus manövriert."

"Unsere Studenten formen ihre Bildung selbst, indem sie sich den tiefgreifenden Fragen der größten Denker stellen", sagt Präsident Nelson. Das war schon die Idee der Gründer: 1937 kamen Stringfellow Barr und Scott Buchanan nach Annapolis, als das damals schon knapp 250 Jahre alte College, geschröpft von der Großen Depression, vor der Schließung stand.

"Es machte ihnen Sorgen, dass Bildung zunehmend in Bruchstücken vermittelt wurde und darauf ausgerichtet war, Arbeiter hervorzubringen statt gebildete Frauen und Männer, die ihren Platz als mündige Bürger in einer Demokratie einnehmen können", so Nelson. Daran habe sich bis heute nichts geändert: Studiert werde, um einen Job zu finden. "Aber wir leben doch nicht, um zu arbeiten - wir arbeiten, um ein gutes Leben zu führen."

Es klingt nach einer romantischen Vision, nach einem fast utopischen Idyll freier Bildung, einer Wiederbelebung der antiken Bildungsidee, die auf Tugend und nicht auf Fachwissen aus ist. Auch wenn das Studium finanziell mit einer Jahresgebühr von knapp 40.000 Dollar alles andere als frei ist, unterstützt Absolventin Steinhoff den Eindruck einer Bildungsoase: "Auf Partys wird immer noch über Philosophie diskutiert."

"Unsere Art der Bildung ist wertvoll am Arbeitsplatz"

Nelson versichert zudem, man kümmere sich, die Zulassung nicht an finanziellen Gründen scheitern zu lassen. 60 Prozent der Studenten finanzieren das Studium mit Stipendien der Universität, die nicht nach Leistung, sondern nach Bedürftigkeit vergeben werden.

Doch ganz frei von Zweck und Nutzen ist auch Bildung in St. John's nicht. "Ich glaube, dass jetzt, gerade in der wirtschaftlichen Situation, unsere Art der Bildung sehr wertvoll am Arbeitsplatz ist", sagt Nelson. Diskutieren, übersetzen, schreiben, experimentieren, analytisches Denken - das lerne jeder in St. John's. "Jeder, der hier abschließt, kann sich sehr schnell in neues Material einarbeiten, und das ist gefragt."

Felicitas Steinhoff studiert mittlerweile in Marokko Internationale Beziehungen und Diplomatie mit dem Schwerpunkt Nordafrika und dem Mittleren Osten. "Vor allen Dingen sind wir eins: vielseitig einsetzbar und durchaus eloquent", sagt sie selbstbewusst.

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