Bildungsstudie: Deutschland vergeudet zu viel Talent

Von Oliver Trenkamp

Von Chancengleichheit kann keine Rede sein: Kinder aus bildungsfernen Familien schaffen es in Deutschland viel seltener ans Gymnasium und ins Studium als Mitschüler aus dem Bildungsbürgertum. Eine neue Studie zeigt: Selbst wer sich das Abitur erkämpft hat, setzt lieber auf eine Berufsausbildung.

Aussortierte Abiturienten: So bremst Deutschlands Bildungsaufsteiger aus Fotos
dapd

Berlin - Mehr Abiturienten, mehr Studenten, mehr Akademiker - jedes Jahr steigen die Zahlen. Politiker brüsten sich dann damit, dass es aufwärts geht in der Bildungsrepublik Deutschland. Sie preisen die Reformen, mit denen sie die Schulen und Hochschulen in den vergangenen Jahren umgebaut haben. Das Bildungssystem ist tatsächlich durchlässiger geworden, die Bildungschancen steigen auch für Benachteiligte, der Pisa-Schock hat etwas bewegt.

Doch jetzt zeigt eine neue Studie mit dem Titel "Aufstiegsangst?" (hier als pdf): Gerecht geht es noch lange nicht zu im deutschen Bildungssystem, vor allem nicht beim Schritt von Schulen auf Unis und Fachhochschulen. Trotz aller Reformen der vergangenen 40 Jahre haben Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien weitaus schlechtere Chancen auf ein Studium. Hier entwickelt sich die Studierquote sogar rückläufig; das bedeutet: Im Verhältnis sinkt bei den Bildungsfernen der Anteil derer, die mit ihrem Abi tatsächlich an eine Hochschule gehen.

"Noch immer sind die Zugangswege zum Studium hoch selektiv", so Steffen Schindler, promovierter Soziologe und Autor der Studie, die am Montag von der Vodafone-Stiftung vorgestellt wurde. Die Ungerechtigkeit beim Hochschulzugang beginnt demnach bereits beim klassischen Abitur und zeigt sich dort besonders drastisch: Kinder gebildeter Eltern haben eine siebenmal höhere Chance, die allgemeine Hochschulreife zu erlangen, als Kinder aus bildungsfernen Familien.

Schindler hat für die Studie, die auf seiner Doktorarbeit basiert, zahlreiche Statistiken der letzten Jahrzehnte ausgewertet und so bearbeitet, dass sie sich vergleichen ließen. Ihm zufolge ist es die bislang größte Datenauswertung zum Hochschulzugang, eine so differenzierte Analyse habe es noch nicht gegeben. Als bildungsfern gelten bei ihm Familien, in denen die Eltern höchstens den Hauptschulabschluss geschafft haben.

Studierneigung bildungsferner Abiturienten sinkt

Wer es eh schon schwer hat, macht, wenn überhaupt, eher das Fachabitur oder versucht es über den zweiten Bildungsweg, etwa in einer Abendschule. Beinahe jede zweite Hochschulzugangsberechtigung kommt auf diesen Wegen zustande, also nicht über das klassische Abitur an einem Gymnasium.

Aber selbst wenn Schüler aus bildungsfernen Familien es bis zum Abitur oder Fachabitur geschafft haben, also eine Hochschule besuchen dürften, studieren diese jungen Menschen wesentlich seltener. Schindlers Analyse ergibt: Wollten Mitte der siebziger Jahre 80 Prozent der Studienberechtigten aus bildungsfernen Familien an eine Hochschule, sind es heute weniger als 50 Prozent. Der Wert sank zwar auch bei Familien aus dem Bildungsbürgertum, allerdings nur von 90 auf 80 Prozent.

Zwar öffneten sich die Hochschulen in den vergangenen Jahrzehnten, viele wandelten sich zu Massenunis, auch viele Arbeiterkinder strebten ein Studium an. Doch insgesamt, so interpretiert Schindler seine Ergebnisse, leistete diese "Öffnung nur einen sehr geringen Beitrag zum Abbau sozialer Ungleichheit".

Warum hadern viele Aufsteiger mit dem Studium?

Dass Deutschland viele Bildungsverlierer produziert, ist nicht neu. Bereits der letzte Bundesbildungsbericht zeigte, dass 15 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen kaum eine Chance auf Aufstieg haben: Sie können nicht richtig lesen oder Texte verstehen, brechen ihre Ausbildung ab, Weiterbildungskurse erreichen sie nicht. Warum aber hadern diejenigen mit dem Studium, die sich den Zugang zur höchstmöglichen Bildung an einer Hochschule hart erkämpft haben? Warum nutzen viele bildungsferne Abiturienten nicht die Chancen, die ihnen offen stehen?

Schuld sind laut der Studie das soziale Umfeld der jungen Erwachsenen und die gestiegenen Anforderungen an Auszubildende:

  • Bildungsferne Familien neigen eher zu konservativen Entscheidungen, was Ausbildung und Berufswahl angeht - sie gehen eher auf Nummer sicher. Ein Kind an die Uni zu schicken, das ist aus ihrer Sicht ein eher unüberschaubares Unterfangen: Was wird das kosten? Kann mein Kind das wirklich? Wird es den Abschluss schaffen? Und was für einen Job bekommt es dann?
  • Selbst bei sehr guten Schulnoten ihrer Kinder entscheiden sich bildungsferne Familien eher gegen eine Studienkarriere. Dagegen legen gebildete oder besser verdienende Eltern mehr Wert auf das Erreichen eines hohen Bildungsabschlusses. Kurz: Die Abstiegsangst der besser Situierten ist größer als der Aufstiegswille der Benachteiligten.
  • Für immer mehr Ausbildungsberufe gilt das Abitur als Standardvoraussetzung. Darum entscheiden sich auch Kinder aus bildungsfernen Familien für ein Abitur, selbst wenn sie von vornherein nie ein Studium aufnehmen wollen.
  • Die Entscheidung für oder gegen ein Studium wird mittlerweile relativ spät getroffen, meist erst in der Oberstufe oder nach dem Abitur. Früher war oft schon nach der Grundschule klar: Wer nicht aufs Gymnasium geht, wird nicht studieren. Durch den Ausbau anderer Wege zum Abitur und Fachabitur hat sich die Entscheidung nach hinten verlagert. So zeigen sich "Effekte der sozialen Herkunft" auch erst später.

Aus zwei Perspektiven wird das zum Problem: Zum einen verdienen Hochschulabsolventen im Schnitt noch immer mehr als Abiturienten mit einer Berufsausbildung - das ist das Gerechtigkeitsargument. Zum anderen fordern Politik und Wirtschaft immer wieder, die Studenten- und Akademikerquote müsse steigen, damit Deutschland genug Fachkräfte produziert und international wettbewerbsfähig bleibt - das ist das Konkurrenzargument. Deutschland vergeudet so Talente, die das Zeug zum Aufstieg hätten.

Studienautor Schindler findet es vor diesem Hintergrund problematisch, "wenn selektiv spezielle Bevölkerungsgruppen von der Hochschulbildung abgelenkt werden und somit Bildungsungleichheit entsteht".

Aus seiner Sicht haben die Reformen der vergangenen Jahre zwar dazu geführt, dass auch Kinder aus bildungsfernen Familie die formalen Voraussetzungen für das Studium erfüllen, also vor allem das Fachabitur machen können. Aber sie setzen oft zu spät an, nämlich oft erst nach der Mittleren Reife: "Zu diesem Zeitpunkt sind viele Ausbildungs- und Lebenspläne schon geschmiedet." Die Bildungspolitik müsse viel früher Hemmschwellen abbauen, um Aufsteigern und ihren Familien die Angst vor dem Studium zu nehmen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 465 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
kjartan75 10.09.2012
Finanziell lohnen sich manche Studiengänge einfach nicht mehr. Auch wenn es in den öffentlichen Dienst geht, stellt man lieber eher Menschen mit einer Ausbildung ein als Studierte, um Geld zu sparen. Natürlich sollen die, die die Ausbildung gemacht haben, die Arbeit machen, für die laut Papier Studierte qualifiziert sind. So wird das Lohnniveau auch für Studierte weit herabgesetzt. Im Nachhinein bereue ich, studiert zu haben, wenn man jedenfalls den finanziellen Aspekt betrachtet. Von einigen wenigen Studiengängen abgesehen lohnt sich ein Studium einfach nicht mehr in D.
2.
moev 10.09.2012
Wird wieder Chancengleichheit mit Ergebnisgleichheit verwechselt? Mir ist kein Fall bekannt wo in der Schule, z.B. in Mathe, alle Kinder "bildungsferner Eltern" vor die Tür geschickt werden weil die anderen jetzt ihren Exklusivunterricht haben. Wenn die Eltern der einen zu Hause gar nicht drauf achten das die Kinder die 15 Mathehausaufgaben machen bevor es an die Playstation geht, die anderen drauf achten das die gemacht werden bevor es an die Playstation geht und die wieder anderen drauf achten das die gemacht werden plus die fünf Extraaufgaben die sie ihren Kindern oben drauf zum lernen stellen, dann liegt das nicht daran das der Staat nicht allen gleiche Chance bietet. Grade da ja schon nach Klasse 4 die Empfehlung ausgestellt wird sollte es keine Ausrede geben wieso die einen Eltern nicht genauso mit ihren Kindern üben wie die anderen.
3. Fragen
PeterShaw 10.09.2012
Zitat von sysopVon Chancengleichheit kann keine Rede sein: Kinder aus bildungsfernen Familien in Deutschland schaffen es viel seltener ans Gymnasium und ins Studium als Mitschüler aus dem Bildungsbürgertum. Eine neue Studie zeigt: Selbst wer sich das Abitur erkämpft hat, setzt lieber auf eine Berufsausbildung. Abiturienten aus bildungsfernen Familien studieren seltener - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,854507,00.html)
Warum erklärt man z.B., Maurer und Zimmerleute, die Freude an ihrem Beruf haben und ein höheres Einkommen als Spiegelredakteure und die Mehrheit der Rechtsanwälte, zu Verlierern? Was ist die Basis dieser Verbalselektion?
4. und..
sitcom 10.09.2012
Ist das neu???, das ist doch seit Jahren bekannt... und es wird weiter lustig am Bildungssystem gespart...
5. Benachteilitgt ??
Vinetus 10.09.2012
Wer es schon in der 5. Klasse nicht schafft, seine Hefte und Schulbücher mitzubringen, lieber stört als zu lernen; wer gar in der Mittelstufe es höchstens schafft, einen Kugelschreiber mitzubringen, dem ist auch mit gutem Zureden, Hilfsangeboten etc. nicht zu helfen. Als ich 1979 als Lehrer im 2. Bildungsweg meine Berufslaufbahn begann, gab es noch echte Bildungs-/Begabungsreserven; danach wurde es Jahr für Jahr erkennbar dürftiger. In den 20 Jahren meiner Tätigkeit wurden alle nach Kräften gefördert, oft ein Auge zugedrückt, viele aber waren immer noch zu unreif oder erkennbar offensichtlich bildungsunwillig !! Wem werden denn heute noch in der Grundschule Bildungschancen verwehrt, wem wird der Aufstieg über den gleichwertigen 2. Bildungsweg verbaut ?? Inzwischen werden zu diesem Thema nur noch Märchen verbreitet ! Wer eigene Anstrengungen vermeidet, eher eine "freizeitorientierte Lern- und Arbeitshaltung" vorzieht, der darf sich nicht beschweren.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Bildungspolitik
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 465 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
"Sockel der Abgehängten": So steht es um das deutsche Bildungssystem

Fotostrecke
Neukölln trifft Banlieue: Aufbruch der Abgehängten