Absage einer 19-Jährigen: Ich pfeife auf Oxford

Von Heike Sonnberger

Oxford genüge ihren Ansprüchen nicht, fand eine 19-jährige Britin - und schickte eine sarkastische Absage an die altehrwürdige Hochschule, bevor die sich für oder gegen sie entscheiden konnte. Die Uni gehe unfair mit Bewerbern um, schreibt sie. Für ihren Mut wird sie nun gefeiert und verhöhnt.

E-Mail an Elite-Uni: Oxford ist nichts für mich Fotos
Christopher Rawlinson/Solent News

Jedes Jahr verschickt Oxford stapelweise Absagen an junge Menschen, die auf einen Platz in der Elite-Uni hoffen. Diesmal hat die Hochschule selbst eine bekommen, die hohe Wellen in der britischen Presse schlägt: Die 19-jährige Elly Nowell entschied sich, der Uni einen Korb zu geben, bevor diese sie annehmen oder ablehnen konnte. Sie setzte ein ironisches Schreiben im gestelzten Stil der Hochschule auf. Dafür wird sie nun im Internet gefeiert - und verachtet.

"Es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich meine Bewerbung zurückziehe", schrieb Nowell in ihrer E-Mail vom Dezember. "Es ist mir bewusst, dass Sie von dieser Entscheidung enttäuscht sein könnten." Doch Oxford entspreche "nicht ganz dem Standard", den sie sich von ihrer zukünftigen Universität erhoffe.

Nowell hatte sich um einen Studienplatz im Fach Jura beworben und war zu einem Auswahlgespräch am Magdalen College eingeladen worden. Während des Interviews sei ihr klar geworden, dass es wenig mit akademischem Potential zu tun habe, wer an der elitären Hochschule angenommen werde. "Es machte nicht länger Sinn für mich, mich ihrem Urteilsvermögen zu unterwerfen", schreibt sie in einem Gastbeitrag auf der Online-Seite des "Guardian". Die Universität sei ein Symbol für die Ungerechtigkeit des britischen Bildungssystems.

"Geistreiche Art, eine Absage zu vermitteln"

"Die offensichtliche Kluft zwischen Minderheiten und weißen Studenten aus der Mittelschicht war peinlich", schreibt Nowell über ihren Aufenthalt auf dem Campus. Die Uni habe sich mit dem feinen Unterschied zwischen Elitedenken und Diskriminierung wohl noch nicht ausreichend auseinandergesetzt.

Diesen Vorwurf muss sich die renommierte Hochschule nicht zum ersten Mal anhören. Im vergangenen April hatte Regierungschef David Cameron darüber geschimpft, dass Oxford so wenige schwarze Studenten aufnehme. Auch Absolventen staatlicher Schulen kämen viel zu kurz, zitierte ihn der "Guardian". Auch Elly Nowell hat eine staatliche Schule besucht, im südenglischen Winchester.

Die Uni weist die Kritik zurück. Oxford und Cambridge versuchen seit Jahren, das Image einer Elite-Einrichtung für die weiße Mittel- und Oberschicht loszuwerden. Schulische Leistungen seien ausschlaggebend für eine erfolgreiche Bewerbung, sagte eine Sprecherin. 2011 seien fast 60 Prozent der Zusagen an Absolventen staatlicher Schulen verschickt worden. "Es ist ironisch, dass sechs von sieben Leuten, die einen Platz für Jura am Magdalen College bekamen, eine staatliche Erziehung hatten." Das Schreiben sei dennoch eine geistreiche Art gewesen, eine Absage zur vermitteln.

Ihre Chancen standen eins zu drei

Auch Nowell fand die Idee witzig. Mit der E-Mail habe sie Freunden zeigen wollen, dass man vor Oxford und Cambridge nicht vor Ehrfurcht erstarren müsse. Ein Freund habe die Absage dann auf Facebook gepostet. Sie habe nicht erwartet, dass die Sache solche großen Kreise ziehen würde.

"Oxford ist eine ziemlich lächerliche und berühmte elitäre Institution", sagte sie dem Sender BBC. "Doch anders als über das Königshaus oder Investmentbanker macht man sich darüber selten lustig."

Sie hoffe, dass ihr Scherz in Zeiten steigender Jugendarbeitslosigkeit etwas leichten Humor verbreitet habe. In ihrer E-Mail gab sie der Uni den Tipp, Bewerbern doch nächstes Mal ein Glas Wasser anzubieten. "Es ist unverschämt, Gäste zu quälen." Sie habe sich beim Interview gefühlt wie der einzige Atheist in einem gigantischen Kloster.

Nicht jeder teilt den Humor der 19-Jährigen. "Ehrlich gesagt klingt das alles wie ein armseliger PR-Gag", zitierte die Studentenzeitung "Cherwell" Christy Rush, die im zweiten Jahr am Magdalen College Jura studiert. Dort lernten Leute aus sehr unterschiedlichen Schichten und Gruppen. Es sei schwer zu glauben, dass jemand einen Platz in Oxford ablehne, nur um selbstgerecht zu sein.

Nowell sagte, sie habe sich dort beworben, weil sie zuerst dachte, sich etwas beweisen zu müssen. Ihre Chancen, in Oxford angenommen zu werden, standen ungefähr eins zu drei: Für den Studienstart im Jahr 2011 lud die Uni etwa 10.000 von 17.300 Bewerbern zum Interview. Sie konkurrierten um 3200 Studienplätze.

Nowell hat verkündet, dass sie lieber am University College London studieren möchte. Die Hochschule ist zwar nicht ganz so legendär, spielt aber in der Liga renommierter britischer Universitäten ebenfalls weit vorne mit.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, Nowells Chancen, in Oxford angenommen zu werden, standen eins zu zwei. Richtig ist, dass die Chancen eins zu drei standen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 130 Beiträge
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1. Respekt
bbphk 20.01.2012
Respekt für diese persönlich konsequente Haltung. Bleibt zu hoffen, daß ihr das nicht zum Nachteil gereicht!
2.
maleficium 20.01.2012
Eine schöne Meldung. Mir gefällt die Frau! Eine Erinnerung daran, dass Bildung nicht nur aus dem Herunterbrabbeln von Daten ist, sondern auch gewisse Philosophische Werte beinhält. Sehr erhellend.
3. Welcher Nachteil? Wieso Respekt?
Herr_HGS_1967_Berlin 20.01.2012
Zitat von bbphkRespekt für diese persönlich konsequente Haltung. Bleibt zu hoffen, daß ihr das nicht zum Nachteil gereicht!
Wieso Respekt? Ihr sind die Nerven durchgegangen und sie hat es an die große Glocke gehängt. An der anderen Uni macht sie sicher einen guten Abschluss, welchen Nachteil sollte sie nun haben?
4. Studiert haben muss man nicht,
tola2000 20.01.2012
---Zitat--- Ihre Chancen, in Oxford angenommen zu werden, standen ungefähr eins zu zwei: Für den Studienstart im Jahr 2011 lud die Uni etwa 10.000 von 17.300 Bewerbern zum Interview. Sie konkurrierten um 3200 Studienplätze. ---Zitatende--- um sich darüber zu wundern, dass 10000 durch 3200 etwa 2 ergibt. tola
5.
janus 20.01.2012
Zitat von tola2000um sich darüber zu wundern, dass 10000 durch 3200 etwa 2 ergibt. tola
Vielleicht muss man aber studiert haben um den gesunden Menschenverstand zu haben, die Umstände zu berücksichtigen. Wenn man zu einem Vorstellungsgespräch kommt kann man sich problemlos in Sachen Leistung mit anderen Bewerbern vergleichen und schnell feststellen, wie man im Durchschnitt liegt. Bei 10.000 Besuchern haben natürlich nicht alle die gleichen Chancen auf eine Annahme.
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