Absagen für FH-Studenten: "Wir danken für Ihr Interesse an einem Studium"

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Nach dem ersten Abschluss drängen auch viele FH-Absolventen für den Master an eine Universität - und dürfen in der Zulassung nicht benachteiligt werden. Einer Bremer Studentin passierte allerdings genau das, als sie sich an der FU Berlin bewarb. Schließen Universitäten FH-Studenten systematisch aus?

Absagen für FH-Studenten: "Wir danken für Ihr Interesse" Fotos
dpa

Um einen Masterstudienplatz hatte sich Tina M. nie große Sorgen gemacht: Ihr Bachelor-Studium an der Hochschule Bremen im Fach Politikmanagement hat sie straff durchgezogen, die Note 1,4 steht in ihren Bewerbungen. Auslandsaufenthalte in Brasilien und den USA zieren ihren Lebenslauf. "Ich dachte, ich hätte die besten Aussichten."

Doch die FU Berlin erteilte der Bremer Studentin auf ihre Master-Bewerbung im Fach Politikwissenschaften eine Absage. Schon in der Vorrunde war M. ausgeschieden. Im Ablehnungsbescheid hieß es: "Wir danken für Ihr Interesse an einem Studium an der FU Berlin. Leider können wir Ihren Antrag nicht berücksichtigen. Die Prüfung Ihrer vorgelegten Zeugnisse hat ergeben, dass Sie die Zulassungsvoraussetzungen nicht erfüllen."

Die Zulassungsvoraussetzungen nicht erfüllt? M. verstand das nicht. Die FU Berlin legt genaue Punktzahlen fest, die ein Bachelor-Absolvent mitbringen muss und die brachte Tina M. auch mit. Wie sie fanden auch zwei Kommilitoninnen aus Bremer Tagen Absagen im Briefkasten. Sie wurde skeptisch und fragte nach. Eine Mitarbeiterin des Fachbereichs Politikwissenschaften antwortete ihr per E-Mail: "Ein an einer Fachhochschule abgeschlossener Bachelor-Studiengang ist nicht hinreichend für die Zulassung zum hiesigen Master."

Bologna wollte die Gleichwertigkeit der Abschlüsse

Eine Absage also, weil die junge Frau an einer Fachhochschule studiert hatte. Das ist eine Begründung, die Micha Teuscher schon qua Amt empört. Er ist Vizepräsident der Mitgliedergruppe Fachhochschulen der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und hält das Verhalten der FU Berlin für unzulässig. Er sagt: "Egal, ob ein Student von der FH oder von der Uni kommt, für beide muss das gleiche gelten."

Und auch der Wissenschaftsrat in Bonn sieht das ähnlich. "Die Bologna-Reform soll dazu dienen, mit der akademischen Ausbildung die Potentiale aller Studierenden möglichst gut auszuschöpfen", sagt Sabine Behrenbeck, Referatsleiterin für Studium, Lehre und Weiterbildung beim Wissenschaftsrat. Dafür brauche es auch Durchlässigkeit beim Wechsel von FH zu Uni und umgekehrt. "Die Studierenden sollen sich nicht am Tag ihrer Einschreibung für den restlichen Verlauf ihrer Bildungsbiografie festlegen müssen."

Tatsächlich sind seit der Bologna-Reform Bachelor- und Master-Abschlüsse an Universitäten und Fachhochschulen formal gleichgestellt. Das legte die Kultusministerkonferenz 1999 in ihren Strukturvorgaben für die neuen gestuften Studiengänge fest.

Werden FH-Absolventen systematisch benachteiligt?

Weil das offenbar auch der Pressestelle der FU Berlin bekannt ist, distanzierte sich die Uni nach SPIEGEL-ONLINE-Anfrage von der Aussage ihrer Mitarbeiterin im Fachbereich Politik. Die Dame hätte gar nicht antworten dürfen, in ihrem Kompetenzbereich läge "lediglich die administrative Bearbeitung von Bewerbungsunterlagen, nicht aber die Beurteilung komplexer inhaltlicher Zugangsvoraussetzungen". Durch "unvollständige Formulierungen" sei ein "Missverständnis" entstanden. Den drei Bewerberinnen von der Hochschule Bremen fehle wie 68 anderen Kandidaten das fachliche Know-how. Mit dem FH-Abschluss habe das nichts zu tun.

Ist es so, wie es die Pressestelle darstellt? Oder werden elf Jahre nach dem Startschuss der großen europäischen Hochschulreform FH-Absolventen gar systematisch benachteiligt?

Nein, heißt es dazu von drei großen Unis in Deutschland, der Humboldt-Uni Berlin, der Uni Hamburg und der LMU München. Man achte sehr wohl auf die Gleichstellung. Allerdings regeln die Hochschulgesetze der Bundesländer im Detail, wie die Unis ihre eigenen Zulassungsvoraussetzungen gestalten können. Die HU Berlin etwa errichtet bestimmte theoretische Grundlagen und Vertiefungsgebiete als Eingangshürde. "Eine Zulassung kann dann nur erhalten, wer die entsprechenden Kenntnisse nachweisen kann", sagt eine HU-Sprecherin. Und die LMU in München setzt vor die Zulassung mancher Masterstudiengänge ein "Eignungsfeststellungsverfahren" mit schriftlichen und mündlichen Prüfungen.

Dass ein faires Zulassungsverfahren nicht einfach zu etablieren ist, zeigt auch das Beispiel der Universität Köln. Hier wurden in diesem Jahr BWL-Master-Studienplätze rein nach Durchschnittsnote vergeben, egal ob die Bewerber von einer Universität oder Fachhochschule kamen. Die Folge: Bewerber mit einer glatten Zwei, vergeben von der Kölner Uni, waren raus.

Angesprochen auf den Kölner Fall hält es auch Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat für richtig, andere Kriterien als nur die Zeugnisnote zählen zu lassen: "Die Uni Köln kann ja nicht wissen, wie streng die anderen Hochschulen benoten", sagt sie. "Insofern ist die Note als einziges Auswahlkriterium schwierig." Manche Bachelor-Studiengänge seien außerdem so speziell, dass es nach Abschluss in diesem Fach nicht mehr so leicht wäre, den Hochschultyp und -ort ohne Weiteres zu wechseln.

"Totale Panik, dass mich keine Uni nehmen würde"

Dass ihr fachliches Profil ihr Probleme an der FU Berlin bereiten könnte, hätte M. nicht gedacht. Die auf der Homepage des Studiengangs geforderten Leistungspunkte in Politikwissenschaft, sagt M., hätte sie aus ihrem Studium an der Hochschule Bremen mitgebracht. Von ehemaligen Bremer Kommilitonen, die es anders als M. an die Berliner FU geschafft hatten, wusste sie außerdem, dass es nicht unmöglich ist, angenommen zu werden. "Ich dachte, gerade an der FU müsste es klappen", sagt M. - und das schrieb die Bewerberin auch in einer E-Mail an den Fachbereich.

Die Antwort aus dem Fachbereich: Man habe sich bei den Bremer FHlern dann wohl geirrt und sie versehentlich angenommen: "Falls das so sein sollte, hat der Prüfungsausschuss bei der Äquivalenzprüfung einzelner Bewerbungen übersehen, dass diese Bewerberinnen nicht über einen Hochschulabschluss verfügten. Einen Rechtsanspruch auf Gleichbehandlung im Unrecht gibt es jedoch nicht", so der negative Bescheid aus dem Fachbereich Politik.

Anders sieht das der Berliner Anwalt Niels Korte, der auf Hochschulrecht spezialisiert ist. Wenn eine Universität qualifizierte Bewerber ablehne, nur weil sie ihren Bachelor an einer Fachhochschule gemacht haben, hätten sie "gute Chancen, eine Klage zu gewinnen". Zwar könne die FU für jeden Studiengang ihre Zulassung individuell regeln, aber "den FH-Abschluss pauschal abzuwerten wird schwierig".

Auch Tina M. hätte aus seiner Sicht also Chancen vor Gericht gehabt. Sie könne sich dabei auf die vom Grundgesetz geschützte Berufswahlfreiheit stützen, sagt der Hochschulrechtler, weil ihr die Absage der FU Berlin unter Umständen Chancen im Berufsleben verbaue.

Doch für Tina M. hat sich der Rechtsweg mittlerweile erledigt. Sie hat eine Zusage für einen Master-Studienplatz an der Uni Kassel in der Tasche. Über die gute Nachricht aus Nordhessen war sie entsprechend sehr erleichtert. "Nach der Absage hatte ich totale Panik, dass mich keine Uni nehmen würde." Jetzt sieht es so aus, als könnte sich M. in einem Jahr "Master of Arts" nennen - und das trotz ihres Bachelors von einer Fachhochschule.

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1. Frage:
sic tacuisses 27.10.2010
Zitat von sysopNach dem ersten Abschluss drängen auch viele FH-Absolventen für den Master an eine Universität - und dürfen in der Zulassung nicht benachteiligt werden. Einer Bremer Studentin passierte allerdings genau das, als sie sich an der FU Berlin bewarb.*Schließen Universitäten FH-Studenten systematisch aus? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,725413,00.html
ist die Berliner Tante, die ihre Kompetenzen selbst festgelegt hat, zwischenzeitlich wenigstens rausgeflogen ?? Und dann wundern wir uns über Bildungsprobleme wenn man so mit jungen Menschen umgeht.
2. FH vs Uni
fleppmo 27.10.2010
Zitat von sysopNach dem ersten Abschluss drängen auch viele FH-Absolventen für den Master an eine Universität - und dürfen in der Zulassung nicht benachteiligt werden. Einer Bremer Studentin passierte allerdings genau das, als sie sich an der FU Berlin bewarb.*Schließen Universitäten FH-Studenten systematisch aus? http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,725413,00.html
Das Problem ist doch, dass FH-Abschlüsse und Uni-Abschlüsse faktisch gleichgestellt werden. Was haben sich die Verantwortlichen eigentlich dabei gedacht? Ist ein BWL-Abschluss von der FH Bremen mit 1,3 etwa gleichwertig mit einem Abschluss von der Uni Köln mit derselben Note? Warum sind dann die Durchschnittsnoten an der Uni schlechter? Und an die FH-Studentin im Artikel: Warum hat sie nicht gleich an der Uni studiert? Aber in Zukunft ist es leider nicht mehr rational, nicht mehr seinen Bachelor an der Uni zu machen. Grund: Überfüllte Vorlesungen, miserable Betreuung und schlechte Noten. Die FHs bieten ein einfaches Studium und ein angenehmeres Umfeld - eigentlich selbst Schuld, wer da noch an die Uni geht. Allerdings frage ich mich wirklich, was die Politik mit der Besserstellung der FHs erreichen will...
3. Richtig so..
moppito 27.10.2010
.... es straft sonst bloß jene ab, die sich den deutlich größeren Hürden eines Uniabschlusses stellen und dann von Leuten verdrängt werden, die kürzer studiert haben und aufgrund eines oftmals geringeren Anspruches leichter zu besseren Noten kommen. Hier sehe ich generell noch viel Nachholbedarf im deutschen Hochschulsystem. Berlin macht zumindest mal einen Anfang.
4. Studentenverarsche!
nichtaufregen 27.10.2010
Das Problem liegt bei den FHs und nicht bei den Unis. Allein durch die vorgegaukelte Namensangleichung der FHs, die sich jetzt Hochschule oder University of Applied Sciences nennen, gehen Studenten der falschen Annahme, dass die Abschlüsse equivalent sind. Das sind sie eben nicht! Auch wenn in Ausnahmefällen FH-Studenten sehr erfolgreich an einer Uni weiterstudieren, muss es dennoch Recht der Uni sein, Studenten vor Überforderung und ihre Studiengänge vor Verwässerung zu schützen. Ich habe es selbst miterlebt, dass eine große Gruppe an Studenten mit mangelnden Voraussetzungen im Master das Niveau einer ganzen Lehrveranstaltung nach unten ziehen kann. Ein nachgelagertes "Rausprüfen" mag zwar die Chancengleichheit erhöhen, ist aber für die Studenten nicht die beste Lösung. Das passiert aber, wenn die Zulassungskomissionen zu lasch sind.
5. sd
FrankDr 27.10.2010
Zitat von sic tacuissesist die Berliner Tante, die ihre Kompetenzen selbst festgelegt hat, zwischenzeitlich wenigstens rausgeflogen ?? Und dann wundern wir uns über Bildungsprobleme wenn man so mit jungen Menschen umgeht.
Natürlich gibt es auch viele Uni´s die Abschlüsse "verschenken", aber an FH´s scheint dies einfach weiter verbreitet. Wenn ich sehe, welche Vorkenntnisse manche FH-Studenten unserer Uni für den master mitgebracht haben, wird einem schwindelig... die haben Großteils keine Ahnung, aber haben Notendurchschnitte um über 1 Note besser als an der Uni. Man sollte halt mal hinterfragen, wie es sein kann dass an manchen FH´s Notendurchschnitte von 1,4 und ähnlichem die Regeln sind, damals bei uns in der Uni der Schnitt um die 2,9 lag.
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Wie geht das mit der Akkreditierung?
Alle Bachelor- und Masterstudiengänge müssen akkreditiert, also begutachtet und zugelassen werden - mindestens alle sieben Jahre. Dafür ist ein Netz von zehn Akkreditierungsagenturen zuständig.
Wer hat die Studiengänge so gestaltet, wie sie sind?
Die Agenturen erhalten ihre Lizenz vom zentralen Akkreditierungsrat, der wiederum von den Kultusministern der Länder und den Hochschulrektoren eingesetzt wurde. Aufgabe der in der Öffentlichkeit kaum bekannten Organisationen ist es, die Vorgaben der Kultusminister für Bachelorstudiengänge auszulegen und umzusetzen - dazu gehören Dauer, Lernpensum und Ausstattung der Studiengänge. Zwischen 10.000 und 15.000 Euro kann so eine Bewertung durch eine Akkreditierungsagentur wie AQAS für einen Bachelor-Studiengang kosten - um diese Ausgaben kommen Unis und FHs nicht herum. Ebensowenig wie um den umfangreichen, oft mehrere hundert Seiten starken Antrag samt Modulhandbuch und konzeptioneller Beschreibung.
Lernen die Akkreditierer aus ihren Fehlern?
Als Reaktion auf Bachelorkrise und Bildungsstreik hat der Akkreditierungsrat seine Kriterien geändern. Die "Studierbarkeit" wurde aufgewertet und ist ein eigenes Kriterium bei der Begutachtung von Studiengängen geworden. Die Akkreditierungsagenturen sollen jetzt auch prüfen, ob die Arbeitsbelastung eventuell zu hoch ist und ob die Studenten adäquat betreut werden. Zur Diskussion um die "Studierbarkeit" von Studiengängen sagte Rolf Dobischat vom Deutschen Studentenwerk, das sei, "als müsse man über die Trinkbarkeit von Trinkwasser diskutieren".
Was soll sich für die Studenten ändern?
Die Akkreditierer wollen die Zahl der Prüfungen einschränken. Unter andderem soll ein Studienmodul, also ein Fachgebiet, künftig "in der Regel nur mit einer das gesamte Modul umfassenden Prüfung" abgeschlossen werden. Bisher gab es teilweise drei oder mehr Prüfungen. "Wir fassen uns da an die eigene Nase", sagte Achim Hopbach, Geschäftsführer des Rates. "Bisher haben wir zu viele Studiengänge mit zu vielen Prüfungen zugelassen". Auch "Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit" ist ein neues Kriterium, das anzuwenden ist.

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