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Abschied vom geliebten Land "Warum bist du bloß so deutsch?"

Markus in Israel: Abschied vom geliebten Land
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Markus Flohr

2. Teil: Markus' Dienst am Krankenbett: "Oj, oj, do schtejt a German"

Mittwoch, 5. August

Ich brauche mal Urlaub von Israel. Ich will nach Jordanien, die Felsenstadt Petra anschauen. David und Michael, zwei Freunde aus Deutschland, kommen mit. Was ich nicht wusste: Urlaub in Jordanien ist eine einzige Feilsch-Orgie. Kostet das Taxi 50, 40 oder 20 Dinar? Und das Zimmer im Hostel? Was steht im Lonely Planet? Was haben die Freunde in Jerusalem gesagt?

Es scheint in unserer Unterkunft keine festen Preise für Bett und Essen zu geben, sie sind abhängig von der Art der Fragestellung und dem Moment. Am Nachmittag stehen David und ich auf einem Felsen hoch über Petra und schauen Richtung Westen. "Da hinten ist Israel", sagt David. Geliebtes Israel, Paradies der festen Preise, denke ich.

Sonntag, 9. August

Ich helfe eine Woche aus im Krankenhaus St. Louis in Jerusalem, wo mein Kumpel Samuel seinen Zivildienst ableistet. Das St. Louis ist ein Hospiz, etwa 50 Patienten liegen dort, Palästinenser, Israelis, Juden, Muslime, Christen, Frauen und Männer; die meisten haben Krebs.

Wir sind bei Irma im Zimmer. Irma ist dement und kaum mehr bewegungsfähig. Sie spricht Jiddisch und kam vor vielen Jahren aus Polen nach Israel. Als ich das erste Mal neben ihrem Bett stehe, sagt sie: "Oj, oj, do schtejt a German", und sieht mich mit weit aufgerissenen blauen Augen an. Ich frage Irena, ob Irma Angst vor mir habe, wegen der Nazis, und ob ich nicht lieber jemand anders versorgen solle. Nein, meint Irena, Irma möge Jungs. Ich sei ja ein Junge. "Und glaub mir, du bist nicht der erste Deutsche, der ihr die Windeln wechselt."

Samstag, 15. August

An fast jedem Türrahmen in Israel gibt es eine Mesusa. Das ist ein kleines längliches Kästchen, so lang wie ein Bleistift, in dem eine Schriftrolle steckt und das Haus segnen soll. Jeder gläubige Jude küsst die Mesusa, wenn er durch den Türrahmen schreitet, indem er mit seinen Lippen die Hand berührt und dann die Mesusa. Bis jetzt zumindest. Aber da auch Israel Angst vor der Schweinegrippe hat, empfahl ein Ärzteteam diese Woche auf einer Pressekonferenz im Fernsehen, die Mesusen eine Zeitlang nicht mehr zu berühren. Oberrabbiner Schlomo Amar erläuterte, man könne die Mesusa auch aus der Entfernung küssen. Eventuell müsse Israel noch einen Schweinegrippen-Fasttag einlegen. Um Gott zu zeigen, dass sein Volk die Gebote einhält.

Freitag, 4. September

In ein paar Tagen geht es zurück nach Deutschland. Anne, eine Freundin aus Hamburg, kommt zu Besuch; sie wird mich auf dem Heimflug begleiten. Wir kennen uns seit vielen Jahren, seit unserem gemeinsamen Studienbeginn in Hamburg, und als ich sie am Flughafen Ben-Gurion sehe, ist es, als ob mein Zuhause mich abholen käme. Wir fahren durch das ganze Land: Tel Aviv, Haifa, Nazaret, Totes Meer, Negev-Wüste.

In Jerusalem treffen wir meinen Freund Taki. Er spielt Oboe im Jerusalemer Symphonieorchester und hat seine ganz eigene Sicht auf Israel, den Konflikt, das ganze Tohuwabohu. "Wisst ihr", sagt er, "es wäre hier bald Frieden, wenn man Gaza, das Westjordanland und alle arabischen Länder drum herum mit ausreichend Air Condition ausstatten würde. Es ist zu heiß, die Männer werden unruhig und wissen nicht, was sie tun sollen. Dann ist auch noch Ramadan oder Jom Kippur oder so, sie dürfen nichts trinken und ziehen aus lauter schlechter Laune in den Krieg."

Mittwoch, 9. September

Wir sitzen in Tel Aviv am Strand. Ich schaue den muslimischen Mädchen zu, die im beinlangen Kleid unter die Dusche hüpfen. Ich zähle die unendliche Reihe von Motorrollern, mit denen die Tel Aviver nachmittags zum Baden fahren.

"Wirst du Israel vermissen?", fragt Anne.
"Klar", sage ich.

Dann denke ich an Adam, an den Rucksack, der in den vergangenen elf Monaten auf meinem Rücken gewachsen ist. Wie das ist, ein wenig zum Israeli zu werden. Ich denke daran, wie mein Kopf abends brummte. In Israel hatte ich das erste Mal wirklich Angst um mein Leben, weil ich vor Raketen weglaufen musste und Kampfjets über mein Schlafzimmer donnerten. Ich musste weinen, als ich in Jad Vashem stand und aus der Ausstellung ins Freie trat. Ich musste auch weinen von dem Tränengas, das die israelische Armee auf die Demonstranten in Bilin abschoss. Ich habe mich verliebt, in Israel.

"Irgendwie bin ich auch froh, dass ich den Rucksack jetzt mal abnehmen darf", sage ich. Aber eins weiß ich genau: Bald setze ich ihn wieder auf.

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Matthias Thiele
Markus Flohr, 28, war Redakteur bei SPIEGEL ONLINE und studiert seit Oktober Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem.

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