Abschiedsvorlesung: Ein todkranker Professor rührt Amerika

Von Gregor Peter Schmitz, Washington

Viele US-Unis pflegen die Tradition der "last lectures": Professoren gestalten eine Vorlesung, als wäre es die letzte ihres Lebens. Die von Randy Pausch ist besonders authentisch - der Informatiker wird bald an Krebs sterben. Das Vorlesungsvideo wurde zur Web-Sensation.

Als die Carnegie Mellon University in Pittsburgh ihren Professor Randy Pausch zur "last lecture" einlud, war das nicht ungewöhnlich. Viele US-Universitäten kennen diese eher heiter gemeinte Tradition: Man lässt Geistesgrößen darüber philosophieren, was sie ihren Studenten als Ratschläge hinterlassen würden, wenn das ihre letzte Vorlesung wäre. Pausch, ein berühmter Informatiker, musste das Motto aber wörtlich nehmen. Seine Vorlesung Ende September war wirklich seine allerletzte.

Informatiker Pausch: "Besser in Form als die meisten im Publikum"

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Denn Randy Pausch, erst 46 Jahre alt, wird in wenigen Monaten tot sein.

Seit über einem Jahr ringt er mit zehn bösartigen Tumoren, die sich in seiner Leber eingenistet haben. Es ist ein ungleicher Kampf: Pausch hat Operationen und Chemotherapien durchlitten, aber der Krebs war immer wieder stärker.

Die Röntgenbilder der Tumore projizierte Pausch gleich zu Beginn seiner Vorlesung an die Wand des Hörsaals. Ob er Weihnachten noch lebe, fragte ihn ein CBS-Reporter. "Die Chancen stehen 50 zu 50". Und am nächsten Vatertag (in den USA der 15. Juni 2008)? "Dafür sollte man mir kein Geschenk mehr kaufen", sagte Pausch trocken.

Fast alle Träume verwirklicht

Der Professor hat seine letzte Vorlesung "Really achieving your childhood dreams" genannt (Deine Kindheitsträume wirklich wahr werden lassen). Darin spricht er über seine eigenen Träume und ihre Verwirklichung. Und er hat das so anrührend getan, dass das Video im Internet schon fast eine Million Mal heruntergeladen wurde. Die großen US-Fernsehsender haben über ihn berichtet. In Internetforen vergleichen Amerikaner, die das Video gesehen haben, Pauschs Reflexionen mit den rührendsten Versen weltberühmter Poeten wie Dylan Thomas.

Einige der Weisheiten, die Pausch offeriert, mögen kitschig klingen. Aber sie wirken von so einer gelassenen Weisheit getragen, dass es keinen Moment lang stört. In der fast anderthalbstündigen Vorlesung zeigt er etwa die Absageschreiben, die er auf Bewerbungen erhalten hat - und zieht daraus den Schluss: "Rückschläge erinnern dich daran, was du wirklich willst." Er erinnert sich an Streit und Frust mit Mitmenschen, der sich dann doch irgendwie auflöste. Schlussfolgerung: "Sei geduldig mit anderen, irgendwann werden sie dich überraschen und beeindrucken." Und schließlich als generelles Lebensmotto: "Wenn du ein gutes Leben führst, werden deine Träume wahr werden."

Als Kind, erinnert Pausch sich in der Vorlesung, hatte er so viele Träume: Schwerelosigkeit erleben, Football in der NFL spielen, Disney-Abenteuerparks mitgestalten, Captain Kirk aus "Star Trek" sein. Bis auf das Football-Spielen hat er sich fast alle erfüllt: Pausch half mit bei der virtuellen Ausstattung von Attraktionen in Disney-Parks, etwa der "Fluch der Karibik"-Achterbahn. Von ihm stammt ein extrem populäres elektronisches Curriculum, das Studenten helfen soll, Spaß zu haben beim Informatikbüffeln - zur Belohnung lud ihn die "US Air Force" mit seinen Studenten auf ein Flugzeug ein, das die Schwerelosigkeit simuliert. Und als Pausch schon ein berühmter Professor war, hat ihn schließlich sogar William Shatner, der Darsteller von Captain Kirk, in seinem Labor besucht.

"Ich bin nicht so deprimiert, wie ich sein sollte"

Aber mehr noch als diese Erfolgsgeschichten rührt die immer noch optimistische Haltung des Todkranken wohl die Zuschauer. "Es tut mir leid, dass ich vielleicht nicht so deprimiert bin, wie ich sein sollte", witzelt Pausch zu Beginn seiner Vorlesung. Er macht Liegestützen auf der Bühne, um zu zeigen, wie gut in Form er noch ist - "besser als die meisten hier im Publikum", grinst er. Er erzählt, er habe eine dramatische Bekehrung auf dem Todesbett erlebt: "Ich habe mir einen Apple Computer gekauft." Und er fordert alle Eltern auf: "Wenn eure Kinder ihre Zimmerwand anstreichen - lasst sie. Entspannt euch einfach."

Millionen Amerikaner im ganzen Land haben nun von der Vorlesung gehört. Doch gedacht war sie eigentlich für ein sehr kleines Publikum: Pauschs Frau und seine drei Kinder, von denen das älteste gerade fünf Jahre alt ist. Mitten in der Vorlesung überrascht Pausch seine Frau mit einem "Happy Birthday"-Ständchen und zeigt Bilder seiner Kinder. Die sollen das Video anschauen können, wenn sie groß sind. Er kämpft mit den Tränen beim Gedanken, sie nicht mehr beim Aufwachsen begleiten zu können. Und er dankt seinen eigenen Eltern. Als er den Doktor in Informatik machte, habe seine Mutter immer scherzhaft über ihn gesagt: "Er ist jetzt ein Doktor - aber keiner von denen, die Menschen helfen."

Das stimmt spätestens jetzt nicht mehr, auch wenn Pausch sogar die Reaktionen auf seinen großen Auftritt selbstironisch kommentiert. "Mein größtes Vermächtnis wird wohl sein, dass jede Menge Kinder in Amerika ihre Schlafzimmerwände bemalen dürfen", resümierte er lakonisch in einem Interview.

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