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Abschlussarbeiten: Mit Batman in den Buchladen

Von Sarah J. Tschernigow

Die meisten Abschlussarbeiten verstauben dort, wo sie entstanden: daheim oder in der Bibliothek. Gute Vermarktung kann daraus einen kleinen Achtungserfolg machen – wie bei Geschichtsstudent Lars Banhold und dem schwarzen Rächer aus Gotham City.

Wer Michael Alschibaja Theimuras ist, wissen vermutlich die wenigsten. Aber seine Münchner Doktorarbeit von 1978, die ist legendär: Der Urologe schrieb über "Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern". Seitdem spricht die Fachwelt bei solchen Unfällen auch von "Morbus Kobold", nach einem Gerätefabrikat.

Zu einem Nobelpreis brachte Theimuras es mit seiner Dissertation nicht, dafür zu einem Wikipedia-Eintrag und zu einiger Bekanntheit in Deutschland: 2004 zogen Charlotte Roche und Christoph Maria Herbst mit ihrer "Penislesung" durchs Land und friemelten die Kapitel mit passender Bebilderung vor Publikum auseinander. Wissenschaft mal ganz anders, ein echtes Comedy-Produkt.

Tatsächlich ist es möglich, seine Abschlussarbeit ganz ernsthaft unters Volk zu bringen. Lars Banhold, Student für Geschichte und Literaturwissenschaften in Bochum, hätte noch vor wenigen Monaten nicht im Traum daran gedacht, seine Bachelorarbeit heute gebunden in den Händen zu halten - und zwar nicht nur in der 08/15-Copyshop-Version. "Batman. Konstruktion eines Helden" ist im Christian A. Bachmann Verlag erschienen, mit einem poppigen Cover und ersten Kritiken auf der Rückseite zum Preis von 14,90 Euro.

Die meisten, besonders Studenten der Geisteswissenschaften, begnügen sich mit den minimalen Leserkreis, den Prüfern. Und plazieren dann ihr gebundenes Exemplar im heimischen Wohnzimmer – nach monatelanger Plackerei in der Bibliothek. Anerkennung geht anders.

Treffer durch gutes Thema zur richtigen Zeit

Doch nicht jeder hat die Möglichkeit, seine Abschlussarbeit in einem Unternehmen zu schreiben, das den Rechercheaufwand immerhin mit einem kleinen Gehalt belohnt. Mitunter ist die wissenschaftliche Fleißarbeit praktisch verwertbar. Was allerdings auch dazu führen kann, dass Firmen oder Hochschulen sich die Erkenntnisse unter den Nagel reißen und den Autor ausbooten.

Autor Banhold ist inzwischen amtlicher Batman-Experte, er gab Interviews zum letzten Batman-Film "The Dark Knight" und ist als Texter für ein Magazin angefragt. Und das, weil er seine Arbeit einem medientauglichen Superhelden gewidmet und damit einen Treffer gelandet hat – zufällig. "Im Seminar ging es um die Konstruktion von Helden in der Literatur. Da hat sich das Thema einfach angeboten."

Wie praktisch, dass sein Kommilitone Christian Bachmann zeitgleich nach einem Zugpferd für seinen frisch gegründeten Verlag suchte, einem Verlag, der sich auf Schriften zur Comicforschung spezialisiert. Banhold wurde mit ins Boot geholt, seine Arbeit aber zunächst mal grundrestauriert. Sprich: komplett neu gesetzt, sprachlich und stilistisch verändert, um ein Extra-Kapitel über den neuen Kinofilm ergänzt. "Ich bin einen Monat vor Filmstart in die Pressevorführung gegangen", sagt Banhold. "So konnten wir den Streifen in die zweite Auflage mit rein nehmen. Das war schon super."

Zum literarischen Superhelden ist Banhold nicht geworden, hat aber ein wenig Ruhm und Ehre mit seiner Leidenschaft für die Comicforschung geerntet. Immerhin ist die zweite Auflage schon zu einem Drittel verkauft. In Zahlen bedeutet das gerade mal 30, 40 Exemplare. Mit den ersten Verkäufen zusammengerechnet kommt die Batman-Analyse bislang auf 230 Stück.

Sicher, das ist keine Verkaufsschlager - und doch ein Erfolg, sagt der Verleger. "In der Wissenschaft liegen die Auflagen selten über 500, und ein richtiger Sachbuch-Bestseller liegt kaum höher als bei 10.000 Verkäufen", so Bachmann. "Das ist nicht wie bei Charlotte Roche", die setzte ihre "Feuchtgebiete" über eine Million Mal ab.

Die Zielgruppe des Batman-Buches ist so klar umrissen wie überschaubar - der Zirkel der Comicforscher. Man kennt sich. Man kennt auch Lars Banhold, gerade 26 Jahre alt.

Kein Reichtum, aber ein bisschen Anerkennung

Das große Geld winkt mit Wissenschaftsliteratur so gut wie nie. "Wenn ich mir vorstelle, was ich da finanziell rausgeholt habe... Damit kann ich nicht einmal den Kaffee bezahlen, den ich beim Arbeiten getrunken habe", sagt Banhold. Das meiste Geld fließt in die Produktionskosten, ihm blieb nur ein Euro Gewinn pro Exemplar. Andererseits: Nicht so übel, wenn man bedenkt, dass viele Wissenschaftler ihre Veröffentlichung anteilig gar selbst bezahlen müssen.

Günstiger geht es da bei Internet-Anbietern wie "Grin" zu. Der Verlag betreibt auch das Archiv Hausarbeiten.de, mit dem SPIEGEL ONLINE kooperiert. Bei Grin kann jeder seine Arbeit kostenlos hochladen, ob Erstsemester oder Doktorand. Manche Skripte werden für mehr als hundert Euro verkauft, je nach Abschlussgrad und Note. Allerdings werden die Texte nicht überarbeitet und mit einem Einheitscover versehen.

So ereilt auch gute Themen das YouTube-Syndrom - sie gehen im riesigen Angebot unter. "Wir vertreten den Long-Tail-Ansatz", sagt Verlagsgründer Patrick Hammer. "Zurzeit stehen 100.000 Texte zur Verfügung, deren Titel allerdings in den Suchmaschinen gut gerankt und somit leicht zu finden sind, wenn man sie denn gezielt eingibt."

Ein griffiges Thema, das viele Menschen interessiert, bleibt der Knackpunkt für erfolgreichen Verkauf. Typische Titel wie "Die Wasserfrauen bei E.T.A. Hoffmann" sind viel zu speziell. "Die Leute kaufen vor allem Bücher über Themen, die sie kennen und die sich einfach, aber vollständig erschließen", so Hammer.

Genau hier liegt genau Problem. Wer diesem Anspruch auf 40 Seiten Bachelor- oder 100 Seiten Magisterarbeit gerecht werden will, dem bleibt kaum etwas anderes übrig, als sich ein kleines Thema zu suchen, um es überhaupt bewältigen zu können. Der wissenschaftliche Bestseller jedoch verlangt ein Nischenthema, das trotzdem den Mainstream bedient.

Lars Banhold hat mit Batman nicht draufgezahlt, und der Verlag möchte wieder mit ihm zusammenarbeiten. Seine bevorstehende Doktorarbeit behandelt afroamerikanische Literatur der zwanziger Jahre. Interviewanfragen dürften bei diesem Thema ausbleiben.

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