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Akademiker gegen Tierschützer: Die Doctores und das liebe Vieh

Von Benedikt Mandl, Cambridge

Traditionell pflegen die Angehörigen der Eliteunis Cambridge und Oxford ein liebevoll-spleeniges Verhältnis zu Tieren. Manches College ist stolz auf sein Wappentier oder seine Kuhherde. Mit dem Frieden ist es vorbei, seit Tierschützer gegen Laborversuche mobil machen.

"Sehen Sie hier ein Baby?", fragt das Transparent. Abgebildet ist ein lächelndes Baby. "Wir sehen hier die Heilung von Hundekrebs!" Der geschmacklose Rollentausch bei Tierversuchen war eines der Motive, das radikale Tierschützer vor zwei Jahren wochenlang durch Cambridge trugen. Die englische Vorzeigeuni plante damals die Errichtung eines neuen Forschungsinstituts, in dem Biologen anhand von Primaten die Funktion des menschlichen Gehirns erforschen sollten. Etwa zur gleichen Zeit begann der Erzrivale Oxford mit dem Bau eines Instituts für biomedizinische Forschung.

Die meisten Briten sehen solche Neugründungen als wichtigen Beitrag zur Bekämpfung verheerender Krankheiten. Für Tierschutzorganisationen sind die Forschungseinrichtungen dagegen der Vorzeigefeind. Schon unmittelbar nach Bekanntgabe der Pläne wurden die beiden Universitäten zu Adressaten von Demonstrationen. Es kam zu Brandstiftungen und Attacken auf Studenten; Angehörige von Wissenschaftlern erhielten Drohbriefe.

Die Universität Cambridge gab bald darauf ihren Rückzug von dem Projekt bekannt – die Sicherheitsvorkehrungen wären zu teuer gewesen. In Oxford wurde die Baustelle zur Zielscheibe von Sabotageakten, der Betrieb wurde mehrfach unterbrochen.

Strenge Vorschriften für Tierversuche

Im internationalen Vergleich gehört Großbritannien zu den Ländern mit den strengsten Vorschriften für die Haltung von Versuchtstieren. Alle Experimente an Wirbeltieren müssen im voraus genehmigt sein und werden genau überwacht. Doch nirgendwo in Europa sind Tierschutzorganisationen so einflussreich und radikal wie in Großbritannien. Während die etablierten Gruppierungen stets betonen, auf Gewalt zu verzichten, bekennen sich kleine Vereine immer offener zu illegalen Aktionen. Die "Animal Liberation Front" verkündete etwa unlängst auf einer Homepage: "Dies ist erst der Beginn unserer Kampagne der Vernichtung gegen jeden, der auf irgendeine Weise mit der Universität Oxford verbunden ist. Jedes Individuum und Unternehmen, das für die Universität arbeitet, ist nun ein Hauptziel der ALF."

Dabei ist der Umgang mit Tieren an der britischen Eliteuniversität durch vielerlei Vorschriften reglementiert, die meist dem Schutz der Tiere dienen sollen. So ist es Studenten sogar untersagt, Haustiere zu halten. Zum Beispiel Stephen. Stephen ist ein Goldfisch, seine Besitzerin Claire Biologie-Doktorandin. Drei Jahre lang wohnte Stephen in einem Goldfischglas auf Claires Schreibtisch, zwar nicht artgerecht, aber überlebensfähig. Bis eines Tages eine eifrige Putzfrau Stephen ganz klar als Haustier und somit illegalen Einwanderer der Collegeverwaltung meldete. Seither wohnt Claire wieder alleine und grollt wegen des Starrsinns ihres Colleges.

Sie ist nicht die erste, die wegen eines Tieres Probleme bekommt. Als der junge Lord Byron im Herbst 1805 als Student nach Cambridge kam, untersagten ihm die Collegevorschriften, seine innig geliebten Jagdhunde mitzubringen. Weil sich diese Vorschriften aber nur auf die Haltung von Hunden bezogen, umging sie der miesepetrige Lord einfach, indem er sich einen Bären namens Bruin als Ersatz zulegte. Den führte er an einer schweren Kette Gassi und genoss die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde.

Jedem Doktoranden seine Ziege

Von allgemeiner Tierfeindlichkeit kann in Cambridge keine Rede sein. Die College-Katzen etwa, traditionell zur Bekämpfung von Mäusen eingesetzt, sind heute Maskottchen und verhätschelte Lieblinge von Studenten und Touristen gleichermaßen. Emmanuel College ist stolz auf seinen Ententeich, das Etikett des Collegebiers ziert eine Ente. Dort gibt es außerdem noch ein gültiges Gesetz in den Collegestatuten, das Magister- und Doktorstudenten zur Haltung einer Ziege auf dem Collegelände ermächtigt - ohne dass die Studenten derzeit von diesem Privileg Gebrauch machen.

King’s College hält eine kleine Herde von Kühen auf einer Weide. Die Universität besitzt mehrere Pferde, mit denen das unieigene Poloteam in schönster Cambridge-Dekadenz trainieren kann. Und manche Colleges verpachten ganze Bauernhöfe samt Viehbestand.

Die innige Beziehung von Mensch und Tier in Cambridge brachte sogar ein Sprichwort hervor: Thomas Hobson, ein Geschäftsmann im 17. Jahrhundert, vermietete Pferde. Seine Kunden mussten dabei stets jenes Tier wählen, das am längsten im Stall gestanden hatte und damit ausgeruht war. Was vernünftig aus Sicht der Tiere ist, sorgte unter den Kunden immer dann für Ärger, wenn sie mit einem klapprigen Gaul abgespeist wurden. Als "Hobson’s choice" bezeichnet man bis heute auf Englisch eine Wahl, die unfreiwillig erfolgt.

Charles Darwin, der Vater der Evolutionstheorie, studierte in Cambridge. Später zog er aus, um der Welt die Entstehung der Arten durch die natürliche Zuchtwahl zu erklären. Ein großer Teil seiner zoologischen und geologischen Sammlungen wird noch heute in den Museen der Universität aufbewahrt.

Während Mensch und Tier traditionell eher unbehelligt nebeneinander lebten, sorgt das Thema in jüngster für dauerhaften Ärger an den beiden Eliteunis. In Oxford stehen sich Tierschützer und Universitätsangehörige mit Verbitterung gegenüber. Eine Umfrage der Studentenzeitung "Cherwell" ergab, dass 85 Prozent der Studenten den laufenden Bau des Forschungsinstituts unterstützen. Aufgebracht über die radikalen Aktivitäten der Animal Liberation Front organisierten sich nun einige Unimitglieder - und protestieren ihrerseits gegen die Protestierer.

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Tiere in Cambridge: Steinerne Maskottchen