Geht es ihnen wenigstens akademisch besser als den frei forschenden Kollegen? Auch hier sind die Kritiker der real existierenden Promotion skeptisch. Denn das Ziel vieler Universitäten laute, so Forscherin Kehm, "möglichst viele Promotionen in möglichst kurzer Zeit". Die Zahl der Promotionen sei nämlich vor allem "ein wichtiger Leistungsindikator" für die Hochschulen: Je mehr Doktortitel eine Universität vergibt, desto bessere Argumente habe sie, wenn wieder einmal um Fördermittel gefeilscht wird.
Daher werden seit kurzem auch Credit Points vergeben, es gibt Pflichtkurse für Doktoranden, eine "Bachelorisierung" der Promotion, so nennen es Kritiker. Norman Weiss, der Vorsitzende von Deutschlands größtem Doktoranden-Netzwerk, Thesis, hält strukturierte Programme zwar nicht grundsätzlich für schlecht. Er fürchtet jedoch, dass an den Graduiertenschulen das alte Wissenschaftsverständnis auf der Strecke bleiben könnte. "Bislang gab es die Freiheit, auch mal ein etwas abstruses Thema vorzuschlagen, davon lebt die Wissenschaft", sagt Weiss. Nun nehme die Vielfalt ab, trotz der großen Zahl an Promotionen.
Harte Zeiten für den akademischen Nachwuchs
Schlechte Zeiten für Querdenker wie Michael Bahn. Der erörtert in seiner Doktorarbeit, wie Gedichte auf der Theaterbühne umgesetzt werden können, nicht gerade ein Mainstream-Thema.
Früher wurden Doktoranden belohnt für ihr Durchhaltevermögen, dafür, einige Jahre des Lebens auch mal mit abwegigen und komplexen Themen zuzubringen. Den Besten unter ihnen winkte eine wissenschaftliche Karriere, in jedem Fall verdient ein Arbeitnehmer mit dem "Dr." vorm Namen im Schnitt mehr als die Kollegen ohne Titel. Doch die Zeiten sind härter geworden, viele Promovierte finden trotz ihrer hohen Qualifikation keinen passenden Job.
Michael Bahn wollte sich nicht damit abfinden, dass für ihn in der schönen neuen Bildungsrepublik kein Platz sein soll. Mit seiner Kollegin Sabine Volk hat er die Initiative "Intelligenzija Potsdam" gegründet. Im März haben die beiden einen Beschwerdebrief an die brandenburgische Wissenschaftsministerin, die Universitätsleitung und die lokale Presse verschickt. Ihre zentrale Forderung: doppelt so viel Lohn für Lehraufträge, mehr Planungssicherheit und ein Ende der "Ausbeutung".
Die aufmüpfigen Doktoranden erhielten viel Unterstützung. "Wir haben Dutzende E-Mails aus dem ganzen Land bekommen, alle haben ähnliche Probleme", erzählt Sabine Volk. Innerhalb der Uni unterstützen bereits 60 Wissenschaftler ihren Vorstoß, darunter auch mehrere Professoren.
Knallharter Wettbewerb um Drittmittel
Doch bei aller Sympathie ist auch die Universität Potsdam einem System unterworfen, in dem ein knallharter Wettbewerb um Drittmittel herrscht und Forschergeist in ökonomische Kennzahlen gepresst wird.
Im vergangenen Jahr hat die Hochschule eine Million Euro für "Exzellenz in der Lehre" gewonnen. Das Geld fließt in drei Vorzeigeprogramme, eines davon mit dem Namen "Junior Teaching Professionals". Teilnehmende Doktoranden bekommen ein einjähriges Stipendium und sollen erste Lehrerfahrungen sammeln. "Da könnte sich Herr Bahn auch bewerben", sagt Thomas Grünewald, Vizepräsident der Uni Potsdam. Das hat Bahn längst getan: abgelehnt, trotz Bestnoten. Es gibt 20 Plätze, allein in Potsdam promovieren tausend Nachwuchsforscher.
Die meisten Doktoranden rebellieren ohnehin nicht, weil sie nach wie vor im Meister-Schüler-Verhältnis zu ihrem Doktorvater stehen - sie wollen es sich keinesfalls verscherzen. Lisa Bauer etwa will ihren echten Namen nicht preisgeben, wenn sie von den Missständen erzählt. Sie fürchtet, ihr Doktorvater könnte sie vor die Tür setzen oder schlechter bewerten.
Was geschieht, wenn der Doktorvater einen rauswirft?
Die 29-Jährige promoviert an einer der größten Hochschulen Nordrhein-Westfalens und hat eine halbe Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Auch sie bekommt nur einen Bruchteil ihrer tatsächlichen Arbeitszeit bezahlt. Aber das ist für die Naturwissenschaftlerin nicht einmal das Schlimmste. Viel mehr leidet sie unter der ständigen Angst, dass ihr Doktorvater ihren Arbeitsvertrag mitten in der Promotion nicht verlängern könnte.
"Bei einigen Kollegen hat er das gemacht", sagt die Doktorandin. Die Begründung: Geldmangel. Die Betroffenen leben seitdem von Arbeitslosengeld. Obwohl sie keinen Cent verdienen, arbeiten sie weiter täglich im Labor. Lisa kann das verstehen - bloß keine schlechte Bewertung des Professors kassieren. Die Forscherin meldet sich jedes Vierteljahr arbeitssuchend, um im Ernstfall Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben. Doch auch das ist nicht leicht durchzusetzen. In Magdeburg musste sich unlängst eine Doktorandin die Leistungen vor dem Sozialgericht erkämpfen. Weil die Soziologin während der Promotion keine Jobangebote annehmen konnte, verweigerte die Arbeitsagentur ihr Hartz IV.
"Einen verbindlichen rechtlichen Status für Doktoranden gibt es nicht", kritisiert Ver.di-Mann Neis. "Wir fordern von der Politik eine bessere finanzielle Grundausstattung", sagt Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz. Der wirtschaftliche Druck zwinge die Rektoren quasi dazu, sich auf fragwürdige Beschäftigungsformen einzulassen.
Michael Bahn sagt, er sei aus reinem Idealismus bei seinem Uni-Job geblieben. "Ich liebe es zu lehren!" Jetzt, im Seminar, spricht er gestenreich über Vaterfiguren in expressionistischen Dramen. Die Studenten lauschen gebannt. Ihr Dozent ist mit Leidenschaft bei der Sache; nichts kann ihn jetzt ablenken - nicht einmal sein knurrender Magen.
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