Bevor Michael Bahn vor 80 Studenten tritt, um ihnen die "Typenbildung in Theaterstücken" nahezubringen, schluckt er noch schnell ein Stück Traubenzucker. Ihm knurrt der Magen, auf ein ausgiebiges Frühstück am Morgen musste er verzichten. "Das Geld reicht einfach nicht", sagt der dürre Doktorand.
Bahn, 28, finanziert seine Doktorarbeit mit einem Lehrauftrag an der Uni Potsdam. Für sein Proseminar, das jede Woche aus allen Nähten platzt, überweist ihm die Hochschule einmalig 504 Euro fürs ganze Semester. Bezahlt werden nur die eineinhalb Stunden Seminarzeit, für Vorbereitung, Sprechstunden und die Korrektur von Hausarbeiten bekommt Bahn keinen Cent. "Wenn man diese Zeit mitrechnet, verdiene ich weniger als vier Euro pro Stunde", rechnet der Germanist vor.
Mit dem Lohn für Nachhilfestunden und einem Wohngeldzuschuss vom Amt summiert sich Bahns monatliches Budget auf rund 400 Euro. Er zehrt seine letzten Ersparnisse auf und ist darauf angewiesen, dass seine Oma ihm ab und zu einen Schein zusteckt, Theater- oder Kinobesuche, sagt er, seien schon lange nicht mehr drin.
Sein Studium hat Bahn vor einem Jahr mit der Traumnote 1,0 abgeschlossen. Die Promotion: ein Alptraum, finanziell jedenfalls.
Jeder dritte Doktorand ist vom sozialen Absturz bedroht
Während die Schwierigkeiten der Studenten dank Hörsaalbesetzungen und Bildungsstreiks in der politischen Diskussion präsent sind, bleiben die Probleme einer anderen wichtigen Gruppe an den Hochschulen weitgehend unsichtbar. Zehntausende Doktoranden leben in prekären Verhältnissen. Sie müssen sich die ersehnte Doktorwürde erkämpfen, indem sie Jahre durchleiden, in denen sie es mit der eigenen Würde nicht so genau nehmen dürfen.
Jeder dritte der bundesweit rund 100.000 Doktoranden ist vom sozialen Absturz bedroht, schätzt Matthias Neis, der bei der Gewerkschaft Ver.di für den Wissenschaftsnachwuchs zuständig ist. Es müsste sich um das gleiche Drittel handeln, das sich laut einer neuen Studie "ausgesprochen unzufrieden" mit seiner Situation zeigt.
Auf Neis' Schreibtisch stapeln sich die Beschwerden. "Immer mehr Doktoranden beklagen sich über Dumpinglöhne und Ausbeutung", sagt der Gewerkschafter. Betroffen sind nicht nur Promovierende, die sich wie Michael Bahn mit Lehraufträgen über Wasser halten müssen oder sich von Stipendium zu Stipendium hangeln - gerade hat auch Bahn eines an Land gezogen, das ihn ab Oktober für drei Jahre ernähren wird.
Forschen unter haarsträubenden Bedingungen
Ver.di ermittelte im vergangenen Jahr, dass selbst Doktoranden mit einer halben Stelle am Lehrstuhl oft unter haarsträubenden Bedingungen promovieren. Sie müssen für die Uni durchschnittlich fast doppelt so viel arbeiten wie vertraglich vereinbart, für die eigene Forschung bleibt nur das Wochenende.
Von den Hochschulen ist kaum Unterstützung zu erwarten, ihre Hilfe für Doktoranden erschöpft sich darin, Prestigeprojekte wie Doktorandenkollegs und interdisziplinäre Graduiertenschulen in die Welt zu setzen. Dort forschen die Doktoranden nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern meist in Gruppen an Großprojekten, am besten interdisziplinär. Dafür gibt es Geld von der Politik, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Exzellenz zu belohnen.
Bildungspolitiker und Hochschulrektoren verkaufen das aus den USA importierte Konzept gern als Allheilmittel: Die Promotionsstudenten sollen so besser unterstützt werden. "Viele der Programme sind nicht ausreichend finanziert", kritisiert hingegen die Hochschulforscherin Barbara Kehm. Und Gewerkschafter Neis bemängelt, dass die Kollegs gar nicht oder nur mit kurzfristigen Stipendien verbunden sind: "Wenn die Förderungen auslaufen, fallen die Doktoranden ins Bodenlose." Nach Schätzungen der Hochschulrektorenkonferenz promovieren ohnehin nur 10 bis 15 Prozent der Doktoranden an den Kollegs.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Studium | RSS |
| alles zum Thema Studienfinanzierung | RSS |
© UniSPIEGEL 4/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH